Googles Balanceakt zwischen Privacy und Werbemarkt

10. August 2010, 14:54
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Geheimes Dokument zeigt Zwiespalt zwischen Privatsphäre und stärkeren Nutzung von User-Daten

Google kennt uns gut. Es weiß, was und wann wir im Internet suchen. Es kennt unsere Gmail-Kontakte, E-Mails und Termine. Es weiß, welche Anwendungen wir am Android-Handy nutzen und welche Dokumente wir ins Web hochladen. Daraus kann das Unternehmen enormen Profit schlagen. Denn das Kerngeschäft, womit Google seine Brötchen verdient, sind Werbeanzeigen im Web. Damit die Anzeigen den richtigen Personen gezeigt werden, die am beworbenen Produkt interessiert sind, ist Personalisierung das Schlüsselwort. Die Frage ist nur wie weit Google gehen kann und soll. Dem Wall Street Journal ist nun ein geheimes Dokument zugespielt worden, das einen kleinen Einblick in Googles Überlegungen bringt.

Quelle für Nutzerinteressen

Mit seiner enormen Nutzerbasis- aktuell ca. 75 Prozent der weltweiten Internet-Nutzer - hat Google stärker als die Konkurrenz die Möglichkeit neue Online-Marketing-Methoden einzuführen. Die enorme Suchdatenbank werde in den Unterlagen als die "beste Quelle für Nutzerinteressen im Internet" beschrieben, mit der kein anderes Unternehmen konkurrieren könne. Die Frage ist nur, wie diese Quelle genutzt werden soll. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Wandel, dem das Web mit Echtzeitdiensten wie Twitter und Social Networks unterworfen ist.

Facebook wird gefährlich

Mit dem starken Wachstum von Facebook muss sich Google neue Strategien einfallen lassen. Denn Facebook mischt selbst am lukrativen Markt für Werbeanzeigen mit, lässt Google aber nicht mitspielen. Die kostenbaren Daten der Facebook-User sind nicht öffentlich. Google kann keine Status-Updates in Suchergebnissen präsentieren wie es das beispielsweise mit Twitter tut und deshalb auch keine Anzeigen basierend darauf schalten. Mit seinen 500 Millionen User, die höchstpersönliche Informationen austauschen, stellt Facebook eine ernsthafte Bedrohung dar. Durch die Möglichkeit für Websites den "Like"- bzw. "Gefällt mir"-Button zu integrieren, hat Facebook sein soziales Netzwerk noch dichter ins Web eingeflochten. Und mit jedem einzelnen Klick kommen wertvolle Daten hinzu, welche Themen welchen Nutzer interessieren. Eigene Social Networking-Ambitionen waren bislang vage. Google betreibt mit Orkut ein Netzwerk, das weit hinter den Nutzerzahlen von Facebook liegt. Das Unternehmen arbeitet Gerüchten zufolge an einem Facebook-Konkurrenten - in diesem Zusammenhang fiel öfter der Name "Google Me". Konkrete Informationen gibt es bislang jedoch keine.

Nutzerinteressen wichtiger

Das bereits 2008 zusammengestellte Dokument würde neben "unsicheren" und nicht realisierbaren Ideen auch solche enthalten, die bereits umgesetzt wurden. Zu den aggressivsten Ideen würden Methoden zählen, die User quasi durch das Web verfolgen. Die so gesammelten Nutzerdaten könnten für stark personalisierte Profile und Werbeschaltungen quer über die verschiedenen Google-Produkte verwendet werden. Kleine Unternehmen wie BlueKai oder eXelate Media würden solche Services bereits anbieten und Google zunehmend unter Druck setzen. Anstatt Werbung nur anhand der Suchbegriffe anzuzeigen, wollen Werber ihre Anzeigen basierend von Nutzer-Interessen, deren Freundeskreis und Hobbys schalten.

User sollen sich nicht verfolgt fühlen

Aus dem Dokument gehe hervor, dass Google keine Änderungen vornehmen wolle, ohne die Folgen für Privatsphäre und rechtliche Implikationen abzuwägen. Nutzer dürften es nicht "unheimlich" und sich nicht verfolgt fühlen, wenn ihnen personalisierte Werbung präsentiert werde. Intern sei sehr umstritten wie weit Google gehen darf. So seien nicht alle Google-Mitarbeiter vom Einsatz von Cookies überzeugt. Ein entsprechendes Anzeigen-Produkt wurde 2009 lanciert, allerdings nur für eine limitierte Gruppe von Werbekunden. Google-Nutzer können zudem unter www.google.com/ads/preferences selbst einstellen, ob Cookies zur Anzeige von personalisierter Werbung platziert werden dürfen.

Nicht Menge, sondern Qualität der Daten zählt

Die beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin hätten Methoden bislang immer abgelehnt, bei denen Daten ohne Wissen der User gesammelt werden. Interviews mit aktuellen und früheren Mitarbeitern, die ebenfalls Gegenstand des Dokument sind, würden jedoch zeigen, dass sie diese Ansichten gelockert hätten. Das Motto "Don't be evil" scheint sich in den Leitspruch "was für den Nutzer gut ist, ist auch für den Werber gut" gewandelt zu haben. Es komme für den Werbemarkt heute nicht mehr so sehr darauf an, welche Websites die höchsten Besucherzahlen aufweisen, sondern wer die nützlichsten Daten sammelt. Google scannt zwar E-Mails aus seinem Webmail-Dienst Gmail um passende Werbung anzuzeigen. Diese Informationen werden bislang nicht genutzt, um passende Werbung auch in anderen Google-Services anzuzeigen. Sie zählt jedoch zu einer der Ideen aus dem Dokument. (red)

 

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    Soll Google Nutzern im Web folgen, um stärker personalisierte Werbung schalten zu können oder die Privatsphäre stärker schützen? Geheimes Papier zeigt Zwiespalt des Unternehmens.

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