Börse-Chef erwartet Fusionswelle

10. August 2010, 09:23
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Wiens Börsevorstand Heinrich Schaller erwartet nach Krisenende eine Konsolidierungswelle unter Europas Börsen

Wien - Eine Fusions- und Konsolidierungswelle nach Ende der Krise könnte nach Ansicht von Wiens Börse-Vorstand Heinrich Schaller unter Europas Börsen in Gang kommen. Es sei davon auszugehen, dass Akquisitionen nach der Krise billiger sind. "Es wird aber nirgends verhandelt". Fakt ist, dass Börsebetreiber für 2009 krisenbedingte Firmenwertabschreibungen vornehmen mussten. So auch die Ostbörsenholding in Wien.

Für Wiens Börse käme als Plattform für neue Zukäufe die Konzernmutter CEE Stock Exchange Group AG (Ceeseg AG) in Frage. Jene Wiener Holdinggesellschaft, in der neben der Wiener Börse AG die Börsen Laibach (81 Prozent), Prag (92,7 Prozent) und Budapest (50,45 Prozent) vereinigt sind. Diese Holding erleichterte die Kapitalaufbringung, sagte Schaller. Sie eignete sich zudem besser als Einzelbörsen für das Instrument des Aktientausches.

Mit der Zusammenlegung der Ostbeteiligungen in der Ceeseg ist die größte Börsengruppe Zentral- und Osteuropas unter einem Dach entstanden. Bis vor wenigen Monaten hatte die Ceeseg-Holding die gleichen Eigentümer wie die Wiener Börse AG - nämlich Banken und Emittenten. Dann stockte die Ceeseg an der Wiener Börse AG auf 100 Prozent auf. Damit konnten in der AG-Bilanz der Ceeseg stille Reserven mobilisiert werden.

Konkret wurde der Betrieb der Wiener Börse AG rückwirkend per Juli 2009 in eine 100-Prozent-Tochter der Ceeseg abgespalten. Dabei wurden die Anteile an der Wiener Börse mit 250 Mio. Euro bewertet. Weil das Eigenkapital des abgespalteten Wiener-Börse-Betriebs nur 9,7 Millionen betrug, wurde ein Buchgewinn (Aufwertungsgewinn) von 240 Mio. Euro erzielt, was im Einzelabschluss der Ceeseg entsprechende Reserven hob.

In der Ceeseg-Konzernbilanz halfen Rücklagenauflösungen über 140 Mio. Euro, eine finanzmarktkrisenbedingte außerplanmäßige Firmenwertabschreibung auf die drei Ostbörsen von zusammen 161 Mio. Euro in der Konzernbilanz 2009 zu verdauen und ein rotes EGT (minus 137 Mio. Euro) unterm Strich auf Null auszugleichen.

2009 wurde die Beteiligung an der Börse Budapest in der Ceeseg-Bilanz um 51 Prozent des Beteiligungsansatzes wertberichtigt, jene an Prag um 49 Prozent. Und die Laibach-Beteiligung gar um 91 Prozent.

Wie an vielen anderen Märkten hatten sich auch an diesen Börsen in der Krise die Umsätze halbiert, die Gewinne sind zusammengeschrumpft. Laut Schaller sind jetzt keine weiteren Abwertungen auf die Ostbörsen-Assets mehr nötig, im Gegenteil.

Expansion fortsetzen

Es wird wieder an die Fortsetzung der Expansion gedacht. Folgende CEE/Südosteuropabörsen wären für die Wiener interessant: Bulgarien, Kroatien, Serbien und Rumänien. In Serbien wurde "vorgefühlt", aber nirgends entschieden. Für Zagreb würde man bei Gelegenheit wieder Interesse bekunden, der Markt gilt aber als schwierig. "Hochinteressant" wäre für Schaller die Börse von Bukarest, gäbe es dort die geltende Stimmrechtsbeschränkung nicht. In Warschau wäre zumindest technisch eine enge Kooperation sehr interessant, wie Schaller es ausdrückt. Interessensäußerungen aus Wien waren von Warschau immer mit kalter Schulter quittiert worden.

Größere Kooperationen vorwiegend technischer Natur wären darüber hinaus mit anderen europäischen Börsen möglich. Viele Börsebetreiber hätten ähnliche Anliegen. Schallers aktuelle Empfehlung: Der Anleihemarkt sollte wieder zentralisiert über die Börse laufen. Das verhelfe zu mehr Liquidität und Transparenz. Zuletzt hat sich dieser Markt verstärkt zwischen den Banken abgespielt. Das gelte für den gesamten Wertpapierhandel. "Es sollten vor allem auch die Emittenten gefragt werden, wo sie gehandelt werden wollen."

Steuerdebatte beschäftigt

Die österreichische Steuerdebatte beschäftigt Wiens Börsianer momentan am meisten. "Wir sind in diese Gespräche nicht eingebunden", beschwert sich Schaller. Nachsatz: "So weit es sie überhaupt gibt." Führte Österreich Börsenumsatzsteuer bzw. Finanztransaktionssteuer im Alleingang ein, wäre das für Schaller "brandgefährlich" für den Börseplatz. "Alles was mit Kapitalmarkt zu tun hat, hat ohnehin noch einen schwarzen Fleck durch die Krise. Es besteht die Gefahr, dass wegen der Steuern ein großer Teil des Umsatzes ins Ausland abfließt oder ganz zum Stocken kommt". Durch einen solchen Entzug von Liquidität gäbe es noch weniger Börsegänge (IPOs).

Bei der Marktkapitalisierung liegt Wiens Börse aktuell knapp unter dem Stand von Ende 2009. Da waren die Unternehmen mit Aktien, Genussscheinen und PS an der Börse von Wien 79,5 Mrd. Euro wert. Nur halb so viel wie Ende 2007 vor Ausbruch der Krise (161 Mrd. Euro), aber schon erholt von den Kursschocks von 2008, als das Jahr mit einem Börsewert von nur knapp 55 Mrd. Euro geschlossen hatte.

Wann der IPO-Markt wieder anspringt, kann Schaller im Moment noch nicht absehen. "Aber es werden wieder Börsegänge kommen. Eigenkapital ist verdammt wichtig geworden." An großen Brocken, die seit Jahren für Privatisierungen genannt worden waren, würde Schaller gern die ÖBB Rail Cargo zum Thema machen. "Auch die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) kommt immer wieder ins Gespräch." Schaller ist zudem zuversichtlich, dass die anstehende Kapitalerhöhung beim Verbund durchgezogen wird - "da wird wohl ein größeres Paket geschnürt". (APA)

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    Geht es nach dem Wiener Börse-Chef, so stehen einige Hochzeiten bevor.

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