Herumdoktern an der Au

9. August 2010, 18:57
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Naturschützer reagieren hellhörig, wenn es um Eingriffe im Nationalpark geht

Au. Im Jahr 1984 stand das kurze Wort für ein ökologisches Glaubensbekenntnis: Entweder war man kompromisslos für die Erhaltung der Flusslandschaft zwischen Wien und der Staatsgrenze zur damals noch kommunistischen Tschechoslowakei. Oder man hielt es aus vielerlei Gründen für angebracht, in die Aulandschaft bei Hainburg ein Donaukraftwerk zu setzen. Die Befürworter hatten durchaus ernst zu nehmende Argumente: So ein Laufkraftwerk liefert sauberen Strom, es erleichtert die Schifffahrt, sichert Arbeitsplätze. Und gesamtheitlich betrachtet wäre so ein Kraftwerk für die Umwelt Österreichs besser als Naturschutz für das relativ kleine Landschaftsstück - das man überdies nach Fertigstellung des Baus zu behübschen versprach.

Die Gegner des Baus - von denen viele bei den erst ab 1986 im Parlament vertretenen Grünen landeten - hatten andere Visionen. Sie wollten eine weniger von Energieverbrauch und Energieverschwendung abhängige Wirtschaft und Gesellschaft, sie wollten den Status quo der Au erhalten und unter einen Glassturz stellen, wie ihn eben ein anerkannter Nationalpark darstellt. Sie haben dafür die Au besetzt, wochenlang gefroren und sich von der Polizei prügeln lassen.

Aber sie haben zumindest einen Teil ihrer Forderungen durchgesetzt. Auch wenn die geforderte energiepolitische Wende ausgeblieben ist: Das Kraftwerk Hainburg wurde nicht gebaut, stattdessen wurden die Donau und ihre Au zum Nationalparkgebiet erklärt. Mitgeholfen hat, dass etliche Argumente der Kraftwerksbefürworter einer verfassungsrechtlichen Prüfung nicht standgehalten haben.

Wer diese Vorgeschichte nicht kennt, kann die Aufregung nicht verstehen, die viele Naturschützer befällt, wenn jetzt im sensiblen Nationalparkgebiet das Donaubett und das an die seinerzeit besetzte Au grenzende linke Ufer Gegenstand eines flussbaulichen Versuchs werden, der die Grundlagen für eine großangelegte Umgestaltung der gesamten Fließstrecke liefern soll.

Vieles an der Argumentation der Befürworter des Herumdokterns an der Au klingt seltsam vertraut: "Es geht darum, die Wasserstraße als Verkehrsträger so wettbewerbsfähig zu machen, dass sie die bestehenden Verkehre auf der Donau halten und zusätzlich einen Teil der künftig zu erwartenden Verkehrszuwächse aufnehmen kann", schreibt Verkehrsministerin Doris Bures.

Klar: Der Transport auf Wasserstraßen ist umweltfreundlich. Aber ihre Errichtung ist oft zerstörerisch für die Landschaft - und der vor drei Jahrzehnten ins unberührte bayerische Altmühltal betonierte Rhein-Main-Donau-Kanal ist ebenso wenig ausgelastet wie die Donau bei Hainburg. Soll man da das Flussbett der Donau (mit all den Folgen für die Ökologie des Fließgewässers und die Hydrologie der Au) großzügig umbauen?

Vielleicht. Aber: So weit ist es ja noch gar nicht, sagen die Befürworter. Man will ja erst nur mal probieren, wie das so funktionieren könnte - weil man die Wissenschafter des Nationalparks ins Boot geholt hat: auch ohne Kritik von dieser Seite. Und möglicherweise mit positiven Folgen für die Ökologie des Schutzgebiets. Schließlich kann der Bau auch mehr Dynamik in die Gewässer der Au bringen. All das wirft aber Folgefragen auf: Darf der Mensch auf diese Weise in den Nationalpark eingreifen? Und: Darf er das - in einem späteren Projekt - vielleicht auch mit einem Kraftwerksbau? (Conrad Seidl/DER STANDARD-Printausgabe, 10.08.2010)

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