Das Gesumse der Meute

9. August 2010, 18:50
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In dieser schweren Zeit, in der die Sonne schon wieder untergeht, diesmal aber nicht nur in Kärnten, hält immerhin ein Medium unbeirrbar das Panier der Anständigen und Sauberen hoch

In dieser schweren Zeit, in der die Sonne schon wieder untergeht, diesmal aber nicht nur in Kärnten, hält immerhin ein Medium unbeirrbar das Panier der Anständigen und Sauberen hoch, und das unter erschwerten Umständen. Fehlt ihm doch der große Welterklärer, der uns bei einer Melange die Reinheit Haider'schen Strebens aus der Sicht des Matrosen der reichsdeutschen Marine mühelos verdeutlicht hätte. Also müssen die hinterbliebenen Lehrbuben ans Werk, und jeder Leser wird bestätigen: Sein Geist markiert in ihren Reihen mit.

Das Motto gab Freitag Wolf Martin mit dem Reim vor: Die Jäger, die den Haider schinden, total im Blutrausch sich befinden. Nach der Tagesverfassung von Peter Gnam bezog sich das auf die Moralapostel vom Küniglberg, denn nunmehr beginnt sich die Medienmeute der Haider- und Grasser-Hasser auf Frau Bandion-Ortner einzuschießen. Nicht nur das. Führend bei dieser Hexenjagd der ORF. So bemerkenswert die Funktionsbezeichnung Hexe für eine Ministerin sein mag, noch bemerkenswerter war die Rolle eines Beschützers unbedrohter Unschuld, in die sich Gnam hineinsteigerte. In einem Filmausschnitt von der Grasser-Fiona-Hochzeit . . . ist gut erkennbar sekundenlang ein kleines Mädchen zu sehen. Außer Gnam hat sich gewiss niemand die Frage gestellt, was dieses Mädchen mit den Meischberger-Grasser-Ermittlungen zu tun hat. Er aber musste diese Last auf sich nehmen, wie hätte er sich sonst in die vom Thema wegführende Entrüstung steigern können: Nichts natürlich, doch das kümmert die selbst ernannten Moralapostel vom Küniglberg in ihrem blinden Jagdeifer herzlich wenig.

Michael Jeannée war es ein Leichtes, die Totenruhe Alfred Worms mit einer schleimigen Grußadresse zu stören, indem er den lieben Alfi als leuchtendes Beispiel aus versunkener Zeit missbrauchte. Heute plustert sich im aktuellen "Fall Haider" ein aufgeregter Möchtegern-Aufdecker namens Florian Klenk in seinem Stadtblattl "Falter" auf wie ein Truthahn vor der Henne. Jeannées Fazit: Jede Zeit hat die investigativen Journalisten, die sie verdient. Und jede Familie das Familienblatt, das sie verdient.

Am Samstag bewies Gnam, dass seine analytischen und metaphorischen Fähigkeiten die Grenzen der Republik zu sprengen geeignet sind. Während in Österreich die Haider- und Grasser-Jagdgemeinschaft weiter verbissen einem Beweis nachhechelt, mittels dem man dem einen Steine ins Grab nachwerfen und den anderen hinter Gitter bringen kann, versinkt das EU-Land Bulgarien tatsächlich in einem Mafia-Sumpf. Wie schön, unter dieser "Krone" kein Bulgare zu sein!

Am nächsten Tag war Gnam wieder zu Hause im Geiste des legendären Herausgebers unterwegs. Dass Haider tot ist, ist für die außer Rand und Band geratene Medienmeute ungemein praktisch: Sie kann dem verstorbenen Kärntner Landeshauptmann zig Millionen andichten, und der kann sich nicht mehr dagegen wehren. Was aus mehreren Gründen aber kein Problem ist, denn erstens tut das Gnam für ihn, und zweitens: Was ist, wenn Haider tatsächlich heimlich über so viele Millionen verfügt hat? Und wenn schon, werden viele Leute sagen. Ist ja nicht verboten, sich Geld schenken zu lassen, oder?

Dieser Wink an die Lesergemeinde, in diesem Sinne ein freies Wort fahren zu lassen, ist bis Montag noch nicht angekommen. Aber so wie das ganze Wochenende über kann es nicht bleiben - keinem einzigen Leser ist auch nur ein einziger Gedanke zum Thema gekommen. Sollten sie Gnam misstrauen?

Mutig hingegen die Schubumkehr, die Michael Fleischhacker Samstag für "Die Presse" vollzog. Das ewige Gesumse der Grasser-Fans von Schüssel abwärts über die ungerechtfertigten Attacken einer "linken", im Bedarfsfall auch "ostküstengesteuerten" Jagdgesellschaft auf den angeblich besten Finanzminister der Zweiten Republik und seinen Ziehvater Jörg Haider ist eigentlich nur peinlich. Andere haben das schon im Jahre 2000 empfunden. Fleischhacker unterscheidet subtil zwischen Grasser und seinen Fans. Grasser war als Finanzminister auch nicht schlechter als seine Vorgänger und Nachfolger. Glückwunsch, Josef Pröll! Dass aber ausgerechnet jene Grasser-Fans, die ihre Treue als Bürgerlichkeitsausweis vor sich hertragen, nicht sehen, dass sie einen Mann verehren, der - wie Nachfolger Pröll? - alle bürgerlichen Tugenden vermissen lässt, die einen Menschen gegen die Versuchungen der Korruption immunisieren, ist grotesk. Gut gesumst! (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 10.8.2010)

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