Ausbruch aus dem Teufelskreis

9. August 2010, 19:31
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Caritas-Projekte für Roma-Kinder zeigen, wie es funktionieren könnte

Sokobanja - Das Geschrei der 14 Kinder erfüllt den ganzen Seminarraum und ist bestimmt auch draußen vor dem Hotel zu hören. Noch sieht das Ganze aus wie eine wilde Horde, doch Niklas (26), der mit im Kreis sitzt, braucht nur einen Finger zu heben.

Ein Rhythmus kristallisiert sich heraus, die Rasseln, die Trommeln, das Tamburin, die Schellen und die Triangel finden langsam zueinander. Friendly Chaos heißt das Stück, das der Betreuer mit seinem kleinen Perkussionsorchester erarbeitet hat, und so klingt es auch. Für die Dynamik, mit der es sich weiterentwickelt, ist keine Sprache notwendig, und das ist gut so. Denn die Kinder kommen aus sieben verschiedenen Ländern; außerhalb des Kreises sitzen ihre sieben Übersetzer.

Sagt Niklas etwas auf Deutsch, erhebt sich sofort ein Stimmengewirr aus Tschechisch, Slowakisch, Ungarisch, Serbisch, Rumänisch, Bulgarisch und Ukrainisch. Macht er einen Scherz, kommt der Lacher erst kurze Zeit später, wenn die Kinder ihn in ihrer Muttersprache gehört haben.

Letzter Termin: Sitzung des Kinderparlaments

Die Sprachenverwirrung ist auf dem Jugendtreffen im serbischen Kurort Sokobanja, 200 Kilometer südlich von Belgrad, allgegenwärtig. Klug wurden die Aktivitäten so ausgewählt, dass möglichst wenig gesprochen werden muss. So findet an diesem Nachmittag nach der Orchesterprobe ein Fußballturnier statt. Dank der Tore eines Roma-Mädchens, das alle Buben überspielt, kann Serbien die meisten Spiele für sich entscheiden.

Verschwitzt und noch mit den Farben ihrer Länder bemalt, eilen die Kinder zu ihrem nächsten Termin: Die letzte Sitzung des Kinderparlaments steht an. Gemeinsam mit ihren Übersetzern lassen sich die elf Abgeordneten - jeder vertritt eines der Projekte der Caritas, um die es bei dem Treffen geht - in einem Sesselkreis nieder.

Allen Kindern hat die Arbeit als Vertreter ihrer Volksgruppen großen Spaß gemacht. Radostina (13) aus Serbien, eine Romni mit schwarzem Zopf, ringt lange mit sich, bis sie ihrer Übersetzerin etwas ins Ohr flüstert. "Sie ist stolz, dass sie sich jetzt nicht mehr so schämt, vor anderen Menschen zu sprechen" , sagt diese dann in die Runde, und nachdem die anderen Dolmetscher übersetzt haben, erhebt sich anerkennender Applaus. Radostina lächelt verlegen.


Gestärktes Selbstbewusstsein


Dann bekommen die Übersetzer Kopien der Petition, die die Kinder gemeinsam formuliert haben. Am nächsten Morgen wird diese Liste an Forderungen dem serbischen Fernsehen präsentiert. Ihr Thema sind die Kinderrechte. "Wir haben lange darüber nachgedacht, welches Thema wir für das Treffen nehmen, damit es nicht nur ein Spielcamp ist, sondern die Kinder auch etwas lernen. Dann haben wir als roten Faden eben die Kinderrechte genommen" , erklärt Felicitas Filip, eine der Organisatorinnen des Projekts. "Sie sollen mitnehmen, dass sie nicht allein sind, dass sie auch wirklich Rechte haben. Viele wurden in ihrem Leben sehr viel Gewalt ausgesetzt, sehr viel Diskriminierung. Jetzt sehen wir, dass ihr Selbstbewusstsein gewachsen ist."

Dass die Kinder gestärkt nach Hause gehen und ihre Erfahrungen an Freunde und Familien weitergeben, ist ein großer Erfolg. Sie alle kommen aus schwierigen sozialen oder familiären Verhältnissen und werden deshalb durch Projekte der Caritas unterstützt. Meist sind es Tageszentren, in denen Roma-Kinder betreut werden. Ein Ausbruch aus dem Teufelskreis von Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität ist nur durch Bildung möglich. In den Zentren bekommen die Kinder Mahlzeiten und die Möglichkeit, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Kostenlos wird ihnen Nachhilfe gegeben, und für Schulabgänger gibt es Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungs- und Arbeitsplatz.

Schaler Nachgeschmack bleibt

Dieses Angebot wird Tomáš aus Jihlava in Tschechien bald nutzen. Er hat mit Unterstützung der Nachhilfelehrer im Tageszentrum die Schule beendet und will eine Lehre als Tischler beginnen. Dass er ein Recht auf Bildung und Schutz vor jeder Art von Gewalt hat, wusste er, wie die meisten der 37 Kinder in Sokobanja, nicht.

Plötzlich ist die Stimmung gedrückt. Auch der folgende Tag, an dem die Kinder sich stolz den Medien präsentieren und gemeinsam ein Abschiedsfest feiern, auch all das Lachen kann nichts an dem schalen Nachgeschmack ändern, der manchem bleibt. Denn die Kinder, die eine Woche gemeinsam Spaß gehabt und gelernt haben, werden am nächsten Morgen in ihre Roma-Siedlungen und Kinderheime zurückkehren, während viele der Erwachsenen in einen Flieger steigen, der sie in kaum mehr als einer Stunde zurück nach Wien bringt, wo sie in einem Luxus leben, von dem die Jugendlichen nur träumen können. (Johanna Tirnthal, DER STANDARD-Printausgabe, 10.8.2010)

  • "Friendly Chaos": eine Romni mit einem Tamburin im Kurort Sokobanja.
    foto: fabian weiß

    "Friendly Chaos": eine Romni mit einem Tamburin im Kurort Sokobanja.

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