"Wir sehen eine Häufung der Katastrophen"

9. August 2010, 19:39
475 Postings

Was Hochwasser in Deutschland mit Waldbränden in Russland und Überschwemmungen in Pakistan zu tun hat, erklärt Klimaforscher Andreas Marx

Standard: Russland brennt, Pakistan, Indien und Teile Europas sind überflutet. Sind Umweltkatastrophen häufiger geworden in den vergangenen Jahren?

Marx:Wir sehen eine Häufung der Katastrophen, und wir sehen, dass neue Katastrophen auftauchen. Die Brände in Russland haben ein Ausmaß angenommen, das wir vorher nicht kannten. Die Überflutungen in Pakistan, vermuten wir, sind die schlimmsten seit Menschengedenken. Dass momentan Hochwasser in Deutschland, Polen und Tschechien ist ein Ereignis, das etwa alle 100 Jahre einmal auftreten sollte.

Standard: Um wie viel öfter kommen solche Dinge vor?

Marx: Das ist schwer festzumachen, drei Faktoren spielen da mit hinein: Solche Extreme treten häufiger auf, gleichzeitig ist die Aufmerksamkeit größer, und die Messmethoden sind präziser. Deswegen ist es schwer zu sagen: Es sind 20 Prozent mehr, sicher ist nur, sie werden häufiger. Neben den Großereignissen merken wir auch, dass kleine Ereignisse öfter auftreten, lokale Überschwemmungen durch Gewitter.

Standard: Wie hängen diese Katastrophen mit dem Klimawandel zusammen?

Marx: Der Zusammenhang bei dem Hochwasser ist so: Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasser tragen. Pro einem Grad Erwärmung kann die Luft sieben Prozent mehr Wasser aufnehmen. Wenn mehr Feuchtigkeit in der Luft ist, kann auch in kürzerer Zeit mehr Wasser vom Himmel fallen. Wir sehen das auch daran, dass sich die V-B-Wetterlagen (Fünf B gesprochen, Anm.) häufen.

Standard: Was sind Fünf-B-Wetterlagen?

Marx: Ein Tiefdruckgebiet mit dem Kern in Norditalien zieht südlich der Alpen vorbei. Tiefdruckgebiete drehen sich gegen den Uhrzeigersinn, die Luft saugt sich also über dem Mittelmeer voll mit Wasser und zieht dann über Kroatien nordwärts. In Deutschland und Österreich trifft es dann von Norden auf die Alpen. Die Luft steigt auf, sie kühlt ab und regnet sich aus. In Mitteleuropa waren Fünf-B-Wetterlagen für alle großen Hochwasserereignisse der vergangenen 15 Jahre verantwortlich, sie sind in dem Zeitraum etwa 15 Prozent häufiger aufgetreten als davor.

Standard: Wie hängen die Brände mit dem Klimawandel zusammen?

Marx: Wir haben globale Zirkulationsmuster, das heißt, das Wetter hier, in Moskau und in Pakistan hängt zusammen. Im Mittel hat sich die Luft in Europa seit 1860 um etwa einGrad erwärmt. Die Trockenperioden im Sommer sind länger geworden.

Standard: Wie sieht Ihre Prognose für die Zukunft aus?

Marx: Wir machen Klimasimulationen bis 2100 und schauen uns dabei immer Zwischenzeiträume von 30 Jahren an. Bis 2070/80 wird es drei oder vier Grad wärmer, je nach Simulation und wie die Menschheit sich verhält. In den nächsten 30 Jahren sieht man eine moderate Erwärmung, es wird etwa ein Grad wärmer werden. In Deutschland wird es im Sommer 20 Prozent weniger, im Winter etwa 20 Prozent mehr regnen. Ob Extremfälle weiter mehr oder weniger werden, kann man wissenschaftlich gesichert nicht sagen.

Standard: Wie viel von dieser Erwärmung ist natürlicher Klimawandel, wie viel ist von Menschen hervorgerufen?

Marx: Für uns ist die Geschwindigkeit des Anstieges der klare Hinweise darauf, dass der Mensch verantwortlich ist: Wir haben in den letzten 12.000 Jahren, seit dem Höhepunkt der letzten Eiszeit, eine Erwärmung von etwa vier Grad gehabt. Dagegen steht eine Erwärmung von einem Grad in 140 Jahren. So eine Geschwindigkeit haben wir in keinen Aufzeichnungen der letzten 400.000 Jahre gesehen. (Tobias Müller, DER STANDARD-Printausgabe, 10.8.2010)

ANDREAS MARX ist Klimaforscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, einem der größten deutschen Umweltforschungsinstitute.

  • Sommer werden trockener, Winter nasser: Klimaforscher Andreas Marx
    foto: uvz/künzelmann

    Sommer werden trockener, Winter nasser: Klimaforscher Andreas Marx

Share if you care.