"Europa hat nicht genügend getan"

9. August 2010, 18:09
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Nach dem Zweiten Weltkrieg retteten die Care-Pakete aus den USA Menschen in Österreich - Heute hilft Österreich dem Nahen Osten

Ein Zitronenbaum wächst umso besser, je mehr Geschirr in seinem Haus gewaschen wird. Falah Mohamed Eid Tawhya steht zufrieden in seinem Garten im Dorf Eira. Es liegt in den sonnenverbrannten Bergen nahe der jordanischen Hauptstadt Amman, 3000 Einwohner leben hier. Und das sollen sie bald umweltbewusster und besser, geht ein von Care Österreich unterstütztes Projekt auf.

Vier Familien nehmen an dem Permakultur-Projekt teil. Umgerechnet rund 1100 Euro kostet es pro Familie - und bringt mehrfachen Nutzen. Herzstück ist der Grauwasserfilter, mit dem die nicht durch Fäkalien verunreinigten Abwässer gereinigt und zur Bewässerung eingesetzt werden können. 90 Prozent des Wassers können so wiederverwendet werden. Weiterer Vorteil: Da der Ort nicht an das Kanalnetz angeschlossen ist, müssen die Senkgruben gegen Bezahlung bis zu fünfmal jährlich entleert werden - hier reicht es einmal alle zwei Jahre.

Hühner, Ziegen und Kompost

Daneben wurden weitere Maßnahmen gesetzt. Eine Kompostgrube angelegt, um günstig die Bodenbeschaffenheit verbessern zu können. Ein kleines Gehege mit widerstandsfähigen Hühnern errichtet, um Fleisch und Eier zu bekommen. Vier Ziegen liefern Milch und ebenso Fleisch. "Es sind schon mehrere Nachbarn gekommen und haben sich das angesehen" , berichtet Falah Tawhya. Zwölf weitere Familien können Unterstützung von der Hilfsorganisation bekommen, durch einen zinsenlosen Kredit, der innerhalb von 30 Monaten zurückgezahlt werden muss.

Das Entwicklungshilfeprojekt ist aber ein kleiner Brocken im Vergleich zu dem humanitären Einsatz in dem arabischen Land. Für die irakischen Flüchtlinge, die noch immer Monat für Monat ins Land kommen. Über 30.000 sind es aktuell, die sich großteils in Amman aufhalten. Und darauf warten, in einen anderen Staat ausgesiedelt zu werden. Der liegt sicher nicht in der EU, denn im Gegensatz zu den USA, Kanada und Australien nehmen die Mitgliedstaaten keine Iraker mehr auf.

"Europa hat für diese Flüchtlinge nicht genügend getan" , sagt Yorgos Kapranis. Er muss es wissen, ist er doch vor Ort der Vertreter von Echo - der EU-Abteilung für humanitäre Hilfe. 18 Millionen Euro hat er für heuer zur Verfügung, um Betreuungsprojekte wie jenes von Care, dem größten Echo-Partner in Jordanien, zu unterstützen.

Zwei Mal umgezogen

Munther Ibrahim Abdullah ist einer jener, die von psychologischer Betreuung und der Verteilung von modernen "Care-Paketen" mit Baby- oder Hygienebedarf profitieren. Der 40-Jährige sitzt im Care-Büro in Ostamman und erzählt seine Geschichte. Wie an sein Bagdader Haus plötzlich Drohungen geschmiert wurden, da er im Verdacht stand, der sunnitischen Minderheit anzugehören. Zweimal zog er mit seiner Frau und den beiden Kindern um, dann wurde sein Sohn in der Schule von aufgehetzten Mitschülern aus dem zweiten Stock geworfen und schwer verletzt.

"Wir haben uns kaum ins Spital gewagt" , schildert er, während er sich Tränen aus den Augenwinkeln tupft. Für ein Jahr flüchtete die Familie nach Syrien, kam 2008 wieder zurück. Als er schließlich auch an seinem Arbeitsplatz attackiert wurde, flüchtete die Familie im heurigen Juli erneut - diesmal nach Jordanien. Zweihundert US-Dollar habe man noch, jetzt beginne man, Schmuck zu verkaufen.

Wie es weitergeht, weiß er nicht. Wie viele, vor allem junge Männer. "Ein Schwerpunkt für die Umsiedlung liegt natürlich auf weiblichen Gewaltopfern" , sagt Care-Teamleiter Seamus Jeffreson. "Das bedeutet aber, dass es für junge Singlemänner kaum Perspektiven gibt." Sie kommen nicht ins Ausland, zu Hause droht ihnen möglicherweise Gewalt, und in Jordanien können sie kaum bleiben. Mit Trainings und Sozialaktivitäten versuche man, Druck abzubauen.

Die Problematik sieht auch Echo-Mann Kapranis. "Humanitäre Hilfe ist dazu da, unmittelbar Leben zu retten. Wenn man irgendwo für zehn Jahre bleiben muss, hat die humanitäre Hilfe eigentlich versagt." Mittelfristig müsse die Lösung für die gestrandeten Irak-Flüchtlinge von den Aufenthaltsländern wie Jordanien oder Syrien kommen. "Aber das wird noch Jahre dauern." (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 10.8.2010)

  • "Care-Paket"
reloaded:Aus
einem Lager in
Amman werden
Boxen mit Baby- und Hygieneartikeln sowie Matratzen
ausgeliefert. Sie kommen den 30.000 irakischen Flüchtlingen
und auch
Palästinensern in Jordanien zugute
    foto: möseneder

    "Care-Paket" reloaded:Aus einem Lager in Amman werden Boxen mit Baby- und Hygieneartikeln sowie Matratzen ausgeliefert. Sie kommen den 30.000 irakischen Flüchtlingen und auch Palästinensern in Jordanien zugute

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