Arte und die Krocha

9. August 2010, 18:02
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"Proletentoaster ist in der Sprache der Krocha Solarium." - Die weibliche Kommentarstimme, die diese Information referiert, klingt, als würde sie Adornos Ästhetische Theorie erklären

"Proletentoaster ist in der Sprache der Krocha Solarium." Die weibliche Kommentarstimme, die diese Information referiert, klingt, als würde sie Adornos Ästhetische Theorie erklären. Worte des Wiener Jugendlichen, der im Interview einen Schwall soziolektaler Plattitüden vom Stapel lässt ("Fix  Oida ..."), werden von der Dame in kühler, aber konkreter Beiläufigkeit in deutsche Hochlautung übertragen: "Klar, Alter, Vollgas, Proletentoaster!" 

Noch lustiger als der Krocha ist, wie Artes Yourope mit ihnen umgeht. Die Sonntagssendung (zu sehen auf www.arte.tv/yourope) war Europas Unterschichten gewidmet. Neben einem Offenburger "Proll", der auf Youtube Reden schwingt, der hohen Arbeitslosigkeit in Spanien und dem Interview mit einer Big Brother-Veteranin passte auch das "interessante Kulturphänomen" Krocha ins Konzept. "Sie inszenieren sich auf Youtube, kommen aus der Unterschicht, leben an den Rändern der Stadt, finden Krochasein attraktiv", konstatierte besagte Off-Stimme. Nach Geburt der Bewegung im Jahr 2007 breitete sie sich auf "ganz Österreich" aus. Das Anliegen der ideologiefreien Palästinenserschalträger: "Party machen: Nichts anderes heißt Krocha." 

Weil Tanzlehrer Thomas Schäfer-Elmayer 2008 in Dancing Stars selbst gekrochat hat, darf er, der "längst wieder zurück in seiner Welt" ist, nun sein bedeutsames Expertentum ausspielen. Kurz: Reiz der Krocha ist das "Indigene", Österreichische. Sein Tanzauftritt sorgte aber für einen Bruch in der Bewegung. Denn für die Krocha selbst war diese "feindliche Übernahme durch die bürgerliche Gesellschaft" ein "Sündenfall". Danke, Arte, für die tiefgehende soziologische Analyse. Es lebe die Technokratie! (Alois Pumhösel, DER STANDARD; Printausgabe, 10.8.2010)

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