Im Stromkreis immerwährender Rache

9. August 2010, 17:25
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Die letzte Opernneuproduktion "Elektra" geriet zwiespältig: Der Kernbereich des Werks blieb aufgrund der schwachen Protagonistin unterbelichtet

Salzburg - Irgendwie scheint alles auf unerwünschte Art und Weise seine Folgerichtigkeit zu entfalten: In ihrer anständigen Alltäglichkeit wirkt diese letzte Premiere der Intendanten-Ära Jürgen Flimm (2011 ist Konzertchef Markus Hinterhäuser Interimsintendant, bevor dann 2010 Alexander Pereira übernimmt) nämlich wie ein Symbol für die letztlich bescheidene Gesamtqualität all dessen, was der nach Berlin ziehende Flimm in Salzburg vollbracht hat.

Auf der einen Seite grandioser Applaus (auch Kanzlerin Merkel war zugegen) und Menschen, die vergeblich Karten suchten, als wäre im Großen Festspielhaus das Musiktheater neu erfunden worden. Auf der anderen Seite jedoch eine routiniert erzählende, im zentralen Figurenpunkt jedoch schwache Arbeit, die alle Charaktere vor schiefen Bunkerwänden mit Schlitzen und auf einem welligen Steinboden mit gräberartigen Löchern ihr Innenleben darstellen ließ (Bühnenbild: Raimund Bauer).

Elektra also in der Bunkerwelt, umgeben von einer paranoid-ängstlichen Militärgesellschaft - das ist natürlich plausibel. Dieser auf Wut und Verzweiflung geschrumpfte Charakter an der Steckdose des Hasses ernährt sich nur noch von Rachefantasien und wirkt wie in einer Obsession eingekerkert. Regisseur Nikolaus Lehnhoff (szenische Mitarbeit: Daniel Dooner) lässt Elektra als bleiche Untote ihre Umgebung erschrecken und manipulieren. Nur mit dem väterlichen Mantel pflegt die gedanklich Fixierte liebevollen Umgang.

Hin zur Psycho-Oper

Es hätte jedoch weitaus mehr hilfreicher Requisite bedurft, um Irene Theorin vom Benehmen einer unscheinbaren, in Stadttheaterroutine verharrenden Darstellerin wegzulenken. In Richtung intensives Zentrum einer Psycho-Oper. Auch bezüglich Wortdeutlichkeit blieben jedoch reichlich Wünsche unerfüllt. Und da sich Theorin zudem stimmlich nie in Bereiche des eine psychische Ausnahmesituation eindringlich vermittelnden Ausdrucks aufschwang, verblieb der Kernbereich des Werkes letztlich reichlich unterbelichtet.

Darstellerisches Leuchten verlieh dieser düsteren Theateratmosphäre immerhin Waltraud Meier. Als in roten Pelz gehülltes albtraumgeplagtes Nervenbündel schafft sie eine imposante Charakterstudie, getragen von profunden vokalen Mitteln. Und: Auch Eva-Maria Westbroek (als Chrysothemis) lässt in puncto gestalterischer Differenzierung Schwester Elektra weit hinter sich. Es ist denn auch nicht nur szenisch folgerichtig, dass Elektra am Ende, wenn Orest (etwas heldisch-steif, aber vokal tadellos klangvoll René Pape) sein blutiges Rachewerk vollbracht hat, zum finalen Tanz keine Kraft mehr aufbringt.

Sie schleift sich nur noch am Boden entlang und breitet mit letzter Anstrengung den väterlichen Mantel über Orest, um hernach ganz niederzusinken. Hier wacht die Inszenierung optisch noch einmal auf. Ein bisher verschlossenes Stahltor geht auf einmal hoch und gibt den Blick frei auf einen blutigen Tatort, in dessen Mitte Klytämnestra tot auf einem Haken hängt. Schließlich dringt auch noch gruseliges Leben aus allen Bühnenbildporen, gefiederte schwarze Gestalten (womöglich sind es die Erinnyen, die Rachegöttinnen) kriechen überall heraus. Welch Überraschung: Der Kreislauf von Mord und Rache wird weitergehen.

Impulsive Diktion

Den Hauptfiguren und dem soliden Rest des Ensembles, der szenisch durchaus bewusst arrangiert schien, waren die Philharmoniker unter Daniele Gatti ein akustisch herausfordernder Partner. Zweifellos war hier aber das Bestreben wahrzunehmen, den Sängern Entfaltungsraum zu lassen und dieser zwischen brodelnder Dauerdramatik und Innigkeit changierenden Partitur dennoch zum strahlenden Durchbruch zu verhelfen.

Wenn man sich aus Mangel an szenischen Reizen verstärkt der impulsiven instrumentalen Diktion zuwandte, ging die Zeit dann auch durchaus schnell vorbei. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 10.08.2010)

Weitere Vorstellungen von "Elektra" am 12., 16., 20., 23. und 28. August, Großes Festspielhaus.
Wiederaufnahme von "Roméo et Juliette" mit Anna Netrebko heute, Dienstag, Abend, in der Felsenreitschule, 19.30 Uhr.

www.salzburgfestival.at

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    Elektra (Irene Theorin, re.) und ihre Schwester Chrysothemis (Eva-Maria Westbroek), von Rachefantasien geplagt.

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