Ideen, verloren im künstlichen Raum

9. August 2010, 17:23
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Zehn Positionen hangeln sich im Künstlerhaus an der Illusion von Raum entlang

Wien - Sonnentag. Stürmische Nacht. Regentag. Winterabend. Sonnenuntergang. Vollmond. Nacht auf dem Mars. Alles per Knopfdruck zu erleben. Im Sitzen. Ohne aufzustehen. Nach ein paar Mal Hin-und-her-Switchen zwischen Sonnenfreuden und Abendromantik inklusive Meeresbrise aus dem Ventilator ist die richtige Dosis Feelgood, aber auch Langeweile erreicht. Choose your Day heißt Vadim Fishkins mit Licht, Bild und Klang arbeitende Apparatur, die dem Benutzer kurzzeitig Allmacht über das Wetter gibt.

Nebenan kann man eine Weile mit Überwachungskameras Fangen spielen. Haben diese digitalen Spielkameraden den Betrachter erspäht und im Sucher eingefangen, wird ein inverses, virtuelles Bild von ihm über seine reale Gestalt geworfen: Es ist eine Art Schatten seiner selbst, die ihn nun auf Schritt und Tritt verfolgt. Eine Vorhersehbarkeit, die schnell fadisiert. Seiko Mikamis sensorgesteuerte Installation Desire of Codes (2010) ist, wie man nachlesen kann, eine Reflexion zum Thema der "zweifachen Existenz" und der zunehmenden Unschärfen zwischen dem durch Daten definierten Körper und jenem aus Fleisch und Blut.

Der künstliche Raum, sprich: im Realraum erzeugte Virtualität oder die virtuelle Welt an sich, ist Thema der Ausstellung Space Inventions im Wiener Künstlerhaus. Gottfried Hattinger, einst künstlerischer Leiter der Ars Electronica, hat die Schau entwickelt. Die Aussagekraft medialer Kunstwerke und nicht ihre technische Avanciertheit soll im Vordergrund stehen. Ein etwas diffuser inhaltlicher Anspruch, der in seiner formalen Umsetzung nachvollziehbarer bleibt: Nur der Raum soll wirken, "die Technik ist wie im Theater hinter die Kulissen verbannt" .

Ohne Nachhall

Daraus ist ein sommerlich leichter Erlebnisparcours geworden: Optisch Ansprechendes, was man da und dort - etwa beim Linzer Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft - bereits gesehen hat (viele der zehn Arbeiten datieren aus den Jahren 2002, 2004, 2005 oder 2006), aber ohne inhaltlich schwerer wiegenden Nachhall bleibt. Längst abgefrühstückt sind die Second-Life-Landschaften Instant Vacations von Robert F. Hammerstiel, beschnitten Johannes Deutschs interaktive Gesichtsraum-Installation von 2002 - "erlebbar" lediglich als Modell und Dokumentation. Visuell berauschend bis zum Schwindligwerden hingegen das geradezu psychedelisch wirkende Rauschen und Flimmern unter Ulf Langheinrichs Hemisphere. Hübsch Carsten Nicolais raumbildende Lichtskulptur Fades (2006) oder Leo Schatzls kinetische Skulptur Roto Objekt: ein tanzender Glühfaden, der zur Kontemplation einlädt.

Längere Betrachtung verdient Der rechnende Raum (2007) von Ralf Baecker: Während Baecker früher digitale Datenströme im Raum sichtbar machte, interessiert ihn heute das Visualisieren des Rechenprozesses selbst. Eine Skulptur aus Holzstäben, Schnüren und Bleigewichten (den Bits) aus dem Anglershop, setzt die komplette Logik eines Rechners analog um und stellt ein voll funktionierendes neuronales Netzwerk dar. Inmitten der schnell verdaulichen Kost vermag diese Arbeit nachhaltiger zu fesseln. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 10. August 2010) 

Bis 19. 9.

  • Oben oder unten: Das sind die beiden Zustände, die ein Bit in Ralf 
Baeckers "Rechnendem Raum"  (2007) haben kann.
    foto: künstlerhaus/r. baecker

    Oben oder unten: Das sind die beiden Zustände, die ein Bit in Ralf Baeckers "Rechnendem Raum" (2007) haben kann.

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