Leiden der Reichen

9. August 2010, 18:03
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Wer glaubt, Arme und wir "Mittelklassler" hätten Sorgen und Leid gepachtet, irrt gewaltig. Doch leiden Reiche anders? Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig - es gilt die Unschuldsvermutung und heiteres Reichen-Raten.

Es gibt Milliardäre die jeder und solche, die kaum wer beneidet. Welche, die jeder kennt - und anredet; und solche, die keiner grüßt (was ist unangenehmer?). Reiche, die sich in Seitenblicke drängen. Andere, die nicht sagen können, woher ihr Vermögen ist; schon gar nicht ihren Kindern und Freunden.

Deren Kinder sich für sie genieren; oder deren Kindeskinder grundlos stolz auf sie sind. Deren Vater noch der Kutscher unserer Vorfahren in diesem gottverlassenen Karpatendorf war.

Geiz-ist-geil-Krägen, die keinen Rabatt im Schuhgeschäft kriegen. Wohltäter, die ständig angeschnorrt werden. Kleinbürger, die ihr Auto waschen lassen und sich, von Schuhwerk bis zu Krawattennadel und Stecktuch, kleiden wie ihre Untergebenen (und nicht wie "independently wealthy" Gentlemen, die neue Maßanzüge mit Steinen ausbeulen und von Bediensteten vortragen lassen).

Reiche, die weder Bildung noch Geschmack haben. Andere mit viel mehr Feinsinn als ihre Umgebung schätzen, ja ertragen kann. Solche, die sich benehmen wie ihre Hausmeister; andere wie Karikaturen aus Graf Bobby. Deren Namen nur noch als Vorname und durchnumeriert gilt und die sich ihrer großen Altvorderen als unwürdig erweisen. Oder deren ruhmreicher Name nicht besudelt, sondern einfach nur "weggeheiratet" wird.

Rassistische Arisierungsgewinnler, die sich als "jüdisch versippt" rechtfertigen - und keine Einladung in genau jene aristokratischen Salons kriegen, in die sie unbedingt rein wollen. Christliche Millionäre, denen der mausearme orthodoxe Kantor oder der muslimische Naschmarktstandler ihr Töchterlein nicht zur Frau geben. Romantische Hagestolze, die als Biedermänner von Glamour träumen und daher keine standesgemäße Frau abkriegen. Andere, die von aufstrebenden Bühnenelevinnen, ehrgeizigen Models, Stewardessen, Krankenschwestern oder vorausschauenden Vorzimmerdamen abgeschleppt und abgezockt werden - wie Erbinnen von Gigolos.

Der milliardenschwere blöde Cousin mit dem magischen Original-Marken-Namen, der sich nicht und nicht dem strategischen Weitblick des Konzernherrn beugt. Der Selfmade-Milliardär, dessen Glückssträhne plötzlich reißt und der entdeckt, dass Geld allein keine Tore schießt und nicht jedes Rennpferd oder Wettbüro midasartig zu Gold wird.

Und dann die ständige, nur allzu berechtigte Angst vor der "Rache der Hausmeister" und der Abhängigkeit von Dienstpersonal allüberall: tratschsüchtige Reitlehrer und Internisten, wichtigtuerische Zofen und Schönheitschirurgen, käufliche Chauffeure, schlitzohrige Manager, unfähige Anlageberater, die Buchhalterin, die auspackt. Auch nur die ganz ungewohnte normale Abhängigkeit als Patient - der allmächtige Ölscheich als tumorgeplagtes, flennendes, bebendes Bündel reiner Todesangst, am Daumen "seines" Gehirnchirurgen lutschend, vollständig in der Hand jenes Arztes, den er als Bestandteil einer Privatklinik in Lausanne erst im Vorjahr gekauft hatte.

Ach ja, sterben dürfen die Reichen nach einem schrecklichen Leben banaler Alltagsleiden und andauernder "Sonderbehandlung" durch neidzerfressene Mitbürger dann aber endlich wie wir alle - allein und soweit auch einsam, wie Milan Kundera schreibt, ohne großes Tralala. (Bernd Marin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.8.2010)

 

 

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