Melone, Hemd ohne

8. August 2010, 20:04
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Das Aroma dieser Tage an einem Obststandl weckt Assoziationen, die jedweder Keuschheit Hohn sprechen

Versuchen Sie dieser Tage an einem Obststandl vorbeizugehen, das Zuckermelonen im Angebot hat: unmöglich. Zumindest ein Exemplar der schweren, mit Saft und Süße durchsättigten Sphären muss mit. Alles andere wäre nicht bloß unvernünftig, sondern schlicht deppert. Die Früchte befinden im Zustand vollendeter Reife, der unverschämt süße Duft, den sie verströmen, verdreht nicht nur Wespen und Hornissen den Kopf.

Das Aroma birgt eindeutige Noten von Moschus und Ambra in sich - schwere, dunkle, sinnliche Gerüche mit unziemlichen Assoziationen, die jedweder Keuschheit Hohn sprechen: Geistliche und andere Risikogruppen wegsperren, die Melonen sind reif!

Dann aber los! Wenn das Messer schmatzend durch die Haut und das weiche, feuchte Fleisch fährt, ist die Vorfreude kaum noch auszuhalten: Schnell, schnell die Samen rauslöffeln, die Frucht in Segmente schneiden, Hemd ausziehen und ab! Wenn der Saft sich mit dem ersten Bissen in kühlen Kaskaden über den Gaumen ergießt, ist endlich Erfüllung angesagt. Jetzt darf der Überfluss als Sturzbach kinnabwärts fließen. Der Melone muss man sich unterwerfen - mit Haut und ohne Hemd. Ob man sich danach in die Dusche oder den nächstgelegenen See stürzt, ist Geschmackssache. Manche, so sagt man, wollen sich das Aroma der Leidenschaft gar nicht mehr abwaschen. Schönen Sommer! (DER STANDARD, Printausgabe, 09.08.2010)

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