Unternehmen expandieren immer weiter nach Osten

8. August 2010, 19:08
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Nicht mehr Ungarn, Tschechien oder die Slowakei sind die Favoriten expansionsdurstiger Unternehmen aus dem Westen, sondern Russland und die Ukraine

Die Karawane zieht weiter ostwärts. Nicht mehr Ungarn, Tschechien oder die Slowakei sind die Favoriten expansionsdurstiger Unternehmen aus dem Westen, sondern Russland und die Ukraine.

Wien – Die Wirtschaftskrise, die 2009 in vielen Bilanzen tiefrote Spuren hinterlassen hat, ist offenbar für Unternehmen in Westeuropa kein Anlass, ihre Strategie zu ändern: Das Heil wird schwerpunktmäßig weiter im Osten Europas gesucht.

Nach Ungarn, Tschechien und der Slowakei sind es jetzt in erster Linie Russland und die Ukraine, die von der Mehrheit expansionswilliger Unternehmen als Nummer-eins-Ziele für ihre Wachstumsbestrebungen genannt werden. Das geht aus einer Studie hervor, die das Beratungsunternehmen Horváth & Partner durchführte.

Russland vor Ukraine

Etwa ein Drittel der 111 Manager, die den Fragebogen ausgefüllt haben, gaben an, in den nächsten fünf Jahren einen Produktionsstandort in Russland zu planen. Etwa jedes fünfte Unternehmen, das zwischen Juli und Dezember 2009 kontaktiert wurde, gab an, in der Ukraine ein Werk aufsperren zu wollen. Auf den Plätzen folgen Rumänien, Türkei, Polen, Weißrussland, Kroatien (siehe Grafik).

Die Studie, in der auch Erfolgsfaktoren des Standortaufbaus in Zentral- und Osteuropa abgefragt wurden, wurde in Österreich, Deutschland und der Schweiz durchgeführt. Befragt wurden Führungskräfte der ersten und zweiten Ebene mit Produktions- oder Osteuropaverantwortung.

"Überraschend ist die Deutlichkeit, mit der die Unternehmen noch weiter in den Osten drängen. Auch die Tatsache, dass die Ukraine weit vorn rangiert, wurde von uns so nicht erwartet", sagte Studienleiter Christoph Kopp dem Standard. "Offensichtlich wird auch in Kauf genommen, dass die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen dort noch nicht so stabil sind wie bei uns oder in den Erweiterungsländern der EU.

Der Gründung eines Produktionsstandortes in Zentral- und Osteuropa lägen generell drei Motive zugrunde: Kostenersparnis, Marktzugang und die Nähe zu einem Großkunden. Letzteres treffe vor allem auf die Automobilbranche, die chemische und metallerzeugende Industrie zu.

Vorteil bei Lohnkosten

Der Lohnkostenvorteil sei insbesondere bei arbeitsintensiven Tätigkeiten relevant. So lagen die durchschnittlichen Kosten eines Industriearbeiters in Österreich und Deutschland 2008 noch fast viermal so hoch wie in Polen und mehr als zehnmal so hoch wie beispielsweise in Bulgarien. Der Abstand hat sich seitdem zwar etwas verringert, der Unterschied ist aber noch immer eklatant groß.

Entscheidend sei die Summe aus Lohnkosten und Produktivität. Kopp: "Dort, wo die Lohnkosten niedrig sind, lässt meist auch die Produktivität zu wünschen übrig." Im Falle Russlands und der Ukraine seien die Größe des lokalen Marktes und die Wachstumsdynamik die ausschlaggebenden Gründe für den geplanten Einstieg der Unternehmen. Nur knapp ein Fünftel plant keinen neuen Standort in Zentral- und Osteuropa.

Aufgrund der Wirtschaftskrise habe so gut wie kein Unternehmen seine Zelte in Osteuropa abgebrochen. Kopp: "Einige Vorhaben sind zurückgestellt worden, das ist es aber auch schon."

Ein Ergebnis der Studie sei auch, dass sich Unternehmen, die gute Erfahrungen mit ihren Aktivitäten im Osten gemacht haben, viel intensiver als andere mit den lokalen Gegebenheiten auseinandergesetzt haben. Auch wenn sich große Unternehmen auf exotischeren Märkten generell leichter tun: Kleine Unternehmen hätten gute Chancen, wenn sie mit anderen in einen Erfahrungsaustausch träten und so viel wie möglich versuchten, Informationen zu sammeln. Kopp: "Wer da spart, spart am falschen Platz." (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.8.2010)

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    Auf der Suche nach neuen Standorten dringen Unternehmen immer weiter nach Osten vor. Ungarn (im Foto ein Reiter auf dem
    Heldenplatz in Budapest) war gestern, der Markt der
    Zukunft heißt Russland.

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