Divas Oberfläche

8. August 2010, 18:56
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Quasi die nette Nachbarin mit der kostbaren Stimme - ORF zeigt am Montag ein Netrebko-Porträt

Man hat es natürlich schwer mit dieser lustigen Lady aus Russland. Längst ist medial grell ausgeleuchtet worden, dass Anna Netrebko eine der herzlichen Divas ist, quasi die nette Nachbarin mit der kostbaren Stimme, völlig allürenfrei, unkompliziert, ernsthaft im Bereich ihrer Kernkompetenz. Trotz ihres Status als reichweitestärkste Klassiksängerin der letzten Jahrzehnte alles andere als eine distanzierte, unnahbare Sphinx. Dennoch.

Wenn man die Ankündigung bedenkt, welche diesem bestenfalls als ambitioniert zu nennenden Filmchen vorausging ("Regisseurin Anna Mitrokhina hat Anna Netrebko ein Jahr lang begleitet!"), hoffte man auf eine reichere Infoernte. Doch leider.

Es sind nur ein paar Sekunden wirklich klischeefrei geraten, nur kurz fiel der gut eingeübte Promotion-Vorhang: Dort, wo es um den Starrummel ging, wurde ein Hauch von Widerwillen erkennbar. "Ein Star? Wenn ihr wollt, dass ich euer Star bin, dann werde ich eben einer sein", gibt sich Netrebko auf einmal kurz herb-verächtlich. Der Rest ist sattsam bekannte Oberfläche und überflüssige Liebesbekenntnisse (von Kollege Roberto Alagna bis Gatte Erwin Schrott).

Sonst: Ein Plausch mit Otto Schenk über hohe Töne, Anna beim Kochen, beim Singen mit Freunden, Anna in der Küche und auf Jugendfotos. Anna bei Proben, Annas Vater Juri im Kurzgespräch. Ein Werbefilm ihrer Plattenfirma hätte das nicht harmloser hinbekommen können. Entweder ließ die Diva doch nicht genügend der versprochenen Nähe und Zeit für Vertiefendes zu, oder es hat sich Mitrokhina nicht aus der Rolle des schüchtern-devoten Fans befreien können. Oder beides. Anna Netrebko: West-östliche Diva, Montag, ORF 2, 22.30 Uhr. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD; Printausgabe, 9.8.2010)

  • Anna Netrebko.
    foto: orf/belka

    Anna Netrebko.

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