Handarbeit, um den Krieg zu vergessen

8. August 2010, 18:43
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Im Balkankrieg floh Fata Račić mit ihren Kindern vor Massakern - In einem Wohnheim des Hilfswerks versucht sie nun, den Krieg zu vergessen

Sarajevo - "Für mich ist erst jetzt der Krieg vorbei", sagte Fata Račić als sie vor 15 Monaten den Schlüssel zu ihrer Wohnung bekam. 16 Jahre, nachdem sie mit ihren beiden Kindern zu Fuß aus der bosnischen Stadt Višegrad vor den Massakern der serbischen Freischärler geflüchtet war. Heute sitzt die 44-Jährige in ihrer 34-Quadratmeter-Wohnung in Ilijaš, nahe der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajevo. Auch dieser Ort hat seine Geschichte - vor dem Krieg stellten die Serben die meisten Bewohner, heute besteht die Mehrheit aus Bosniaken.

Stofftiere sitzen im Schrank, Bilder von ihrem Sohn, ihrer Tochter und deren Kind hängen an den Wänden. Die Tochter ist im November 2009 gestorben - an Schweinegrippe. "Nach der Flucht im Winter durch die Wälder hat sie ein geschwächtes Immunsystem gehabt", sagt Račić emotionslos.

Nie gesprochen

Sie legt auch einen doppelseitigen Bericht aus der Kronen Zeitung aus den 90er-Jahren vor, in dem zu lesen steht, dass sie mitansehen musste, wie ihr Mann von den Tschetniks erschlagen wurde und sie anschließend gezwungen wurde, sein Gehirn zu essen. Eine furchtbare Geschichte - die aber nicht stimmt. "Das letzte Mal habe ich meinen Mann gesehen, als er von den Serben aus einem Bus geholt worden ist." Erst 2006 konnte sie ihn in einem Massengrab identifizieren. "Bis dahin konnte ich mit niemandem wirklich darüber sprechen, was ich erlebt habe."

In dem Wohnprojekt für weibliche Kriegsopfer, dass das Hilfswerk Austria International (HWA) hier gebaut hat, gibt es nun die Möglichkeit dazu. Denn die rund 50 Frauen und Kinder, die hier in 18 Appartements leben, haben ähnliche Geschichten. Jahrelanges Leben in Flüchtlingslagern oder in Mietwohnungen, aus denen sie von einem auf den anderen Tag geworfen wurden.

Bürokratie

Rund 113.000 Menschen sind in dem Balkanstaat noch immer intern vertrieben, sagt das UN-Flüchtlingshochkommissariat. Dazu sollen etwa 70.000 Flüchtlinge außerhalb des Landes kommen, die zurückkehren wollen. Dass es diese Flüchtlingsproblematik auch 15 Jahre nach dem offiziellen Ende des Krieges noch immer gibt, liegt auch an der Bürokratie. Vier verschiedene staatliche Ebenen gibt es, die damit beschäftigt sind. Es sei aber schon besser als früher geworden, sagt Suzana Jašarević, die Leiterin des Zwölf-Personen-Büros der Hilfsorganisation in Sarajevo. Seit 1996 wurden von dort aus insgesamt 66 Projekte um fast 4,5 Millionen Euro betreut.

Ein Projekt umzusetzen ist nicht unkompliziert. Die jeweilige staatliche Stelle schreibt beispielsweise den Bau von Wohnhäusern aus. Die NGOs bewerben sich dann, der "Bestbieter" bekommt den Zuschlag. Von diesem müssen wiederum die Bauaufträge ausgeschrieben werden, unterlegene Firmen können Einspruch erheben. Auch die Zahlungen aus den Töpfen von UN und EU müssen koordiniert werden.

Weltweit wurden im Vorjahr laut Jahresbericht 7,15 Millionen Euro ausgegeben, dazu kommen knapp 200.000 Euro für Fundraising und PR. Das Geld dafür kam aus unterschiedlichen Quellen. 35 Prozent von der EU und der österreichischen Entwicklungshilfe, 44 Prozent von anderen staatlichen Stellen und Organisationen und schließlich 21 Prozent aus Spenden.

Keine Hilfe vom Staat

Trotz der internationalen Hilfe: Über die Politik sind fast alle Menschen verbittert. Dass diese den Krieg überhaupt angezettelt hat und danach die Opfer warten ließ. "Hört den Politikern nicht zu", formuliert es Fata Račić. Staatliche Unterstützung habe sie nicht bekommen, erzählt sie. Umgerechnet 100 Euro musste sie nach der Flucht für sich und ihre beiden Kinder für Mietwohnungen in Sarajevo zahlen - bei einem Verdienst von rund 200 Euro.

Dass sie jetzt in ihrer eigenen kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung lebt, ist für sie noch immer ein Grund zur Dankbarkeit. Und dass sie nicht untätig herumsitzen muss: Die Frauen stricken, nähen und sticken Kleidung, Taschen und Decken, um sie zu verkaufen. "Man vergisst die schlechten Dinge, wenn man mit der Handarbeit beschäftigt ist", sagt Fata Račić. (Michael Möseneder, DER STANDARD 'Printausgabe, 9.8.2010)

  • "Hört den Politikern nicht zu": Wie viele ihrer Landsleute ist Fata Račić seit dem Krieg verbittert - trotz der internationalen Hilfe, die ihr ein Leben in einer günstigen Wohnung ermöglicht
    foto: möseneder

    "Hört den Politikern nicht zu": Wie viele ihrer Landsleute ist Fata Račić seit dem Krieg verbittert - trotz der internationalen Hilfe, die ihr ein Leben in einer günstigen Wohnung ermöglicht

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