Besuch Medwedews, Appell Saakaschwilis

8. August 2010, 18:19
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Zwei Jahre nach dem Georgien-Krieg keine Aussicht auf Lösung

Tiflis/Moskau/Suchumi - Zum zweiten Jahrestag des Kriegsausbruchs zwischen Georgien und Russland reiste Russlands Präsident Medwedew am Sonntag unangekündigt in die abtrünnige georgische Region Abchasien. In der Hauptstadt Suchumi sprach er mit Separatistenführer Sergej Bagapsch.

Bei einer Begegnung mit Touristen sagte Medwedew, ohne die Anerkennung Abchasiens und Südossetiens wäre in der Region "ein längerer blutiger Konflikt ausgebrochen; diese Entscheidung war schwierig, ich bereue aber nichts."

Der georgische Präsident Michail Saakaschwili kündigte seinerseits in einer Videobotschaft an: "Wir werden den Kampf für die Befreiung nicht aufgeben." Dies berichtete das Internetportal civil.ge am Sonntag.

Indessen gedachten tausende Menschen der Opfer des Krieges. In der georgischen Stadt Gori sowie in Zchinwali, der Hauptstadt der von Tiflis abtrünnigen Region Südossetien, stellten Trauernde Lichter auf und legten Blumen nieder. In Gori, der Geburtsstadt von Sowjetdiktator Josef Stalin, war Ende Juni dessen Denkmal abgerissen worden. An der Stelle soll ein Mahnmal errichtet werden, das an den russischen Einmarsch im August 2008 erinnert.

Venezuela, Nicaragua, Nauru

Russland bezeichnet den auch im eigenen Land umstrittenen Saakaschwili als "Kriegstreiber" . Georgien hatte nach dem fünftägigen blutigen Konflikt mit Hunderten Toten endgültig die Kontrolle über Südossetien sowie die ebenfalls abtrünnige Region Abchasien verloren. Moskau hat beide Gebiete als unabhängige Staaten anerkannt. Nur Venezuela, Nicaragua und der Südpazifik-Inselstaat Nauru sind dem Beispiel gefolgt. Georgien betrachtet die Regionen als sein von russischen Truppen besetztes Staatsgebiet.

Eine von der EU eingesetzte unabhängige Untersuchungskommission kam Ende September 2009 zu dem Schluss, dass Georgien den Krieg mit einem Angriff auf Zchinwali in der Nacht zum 8. August 2008 ausgelöst habe. Georgien sei aber zuvor von Russland provoziert worden, unter anderem durch massenhafte Ausgabe russischer Pässe an Einwohner Südossetiens und Abchasiens. Medwedew sagte kürzlich, zahlreiche westliche Staats- und Regierungschefs hätten im persönlichen Gespräch mit ihm das russische Vorgehen gebilligt.

Georgien nennt die Kriegsschuld-These eine "falsche Interpretation" des EU-Berichts. Russische Artilleriebombardements hätten mindestens eine Woche vor Kriegsbeginn eingesetzt, die militärischen Vorbereitungen mehrere Monate zuvor.

Die jüngst wiederaufgenommenen Genfer Gespräche zwischen Georgien und Russland, an denen auch Vertreter Südossetiens und Abchasiens teilnehmen, stecken fest. Laut Amnesty International werden rund 26.000 Vertriebene des Georgien-Kriegs in absehbarer Zukunft nicht in ihre Dörfer zurückkehren können. Etwa 246.000 Georgier oder sechs Prozent der georgischen Bevölkerung seien Vertriebene im eigenen Land. (dpa, APA, jk/DER STANDARD, Printausgabe, 09.08.2010)

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    Gedenkfeier in Tiflis für die im August 2008 gefallenen georgischen Soldaten.

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