Leere und der Triebe Wellen

8. August 2010, 18:12
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Liebe, Begegnungen und eine Sprache hinter den Worten. "~~~ O oui ~~~" : Uraufführung des neuen Stücks von Benoît Lachambre

Wien - Unvorstellbar, dass zum Thema Liebe einmal alles gesagt sein wird. Und wenn es doch so weit käme, dann müsste das Gesagte wiederholt, variiert und neu gedichtet werden. Insofern ist es eine gute Idee des kanadischen Choreografen Benoît Lachambre, sich der Neudichtung eines Motivs, das doch alle betrifft, schon jetzt anzunehmen.

Unter dem poetischen Titel ~~~ O oui ~~~ präsentierte Lachambre bei Impulstanz im Akademietheater die Uraufführung seiner jüngsten Arbeit. Ein emotionales Spiel zwischen zwei Frauen, die einander beinahe wie Zwillinge ähneln, dargestellt von der Film- und Theaterschauspielerin Céline Bonnier und der theater- und filmerfahrenen Tänzerin Annik Hamel. Eine männliche Nebenfigur wird von dem Tänzer Stephen Thompson verkörpert.

Wellental

Zu Beginn sitzen die beiden Frauen auf einem dekorativen Sofa und ziehen ihre Gaze-Shirts an und aus, während Thompson sich mit wassergefüllten Plastiksäcken an Füßen und Händen bekleidet. Ein Video zeigt einen männlichen Körper, der filmtechnisch verdoppelt in einer Höhle das Licht der Welt erblickt. Die Frauen ergreifen ein überdimensionales, auf dem Boden liegendes Leintuch und schlagen damit hohe Wellen. Schön. Franz Grillparzers Drama Des Meeres und der Liebe Wellen ist ja auch immer noch guter Stoff. Doch von da an versucht Lachambre angestrengt, eine starke Beziehung zwischen den beiden Figuren zu entwickeln, lässt sie in ihrem Tun von Wellenkamm zu Wellental gleiten, und einiges an Textmaterial wird gesagt und erlitten.

Der Wasser(hand)schuh-Mann stapft über die Bühne, und die Frauen verstricken sich kurz in ihn. Auf drei Videoscreens flimmern als Vaginasymbole dekorierte Körper. Der Choreograf verlässt sich mehr und mehr auf die Wirkung der Worte, Bilder und Intensitäten der aneinandergetriebenen Frauen sowie auf die sich aufbauenden Stimmungen.

Saft eingedickter Worte

Und ihm passiert, was in der Liebe geschehen kann, wenn sich jemand zu sehr auf Wirkungen verlässt: Benoît Lachambre wird von seinem Stück verlassen. Die symbolträchtige Darstellung der großen Bindung zwischen den Frauen verwandelt sich in manieriertes Getue. Die Tänzerin redet sich ächzend in eine Existenzkrise: "Das Feuer inhaliert und stranguliert mich ..." Die Schauspielerin steht indes gebeugt herum und schmurgelt während eines gramvoll-trotzigen Schlussmonologs im Saft eingedickter Worte, bis das Stück gar ist.

Zum Schluss hat sich ~~~ O oui ~~~ in eine leere und einschläfernde Stadttheater-Arbeit verwandelt. Das ist erstaunlich bei einem Künstler, der bis vor zehn Jahren sperrige und schöne Gegenbilder zu erzeugen wusste und dem immerhin kürzlich bei Is You Me in Kooperation mit Louise Lecavalier, Laurent Goldring und Hahn Rowe ein überzeugender Wurf gelungen ist. Nun hat er mit Meg Stuart zusammengearbeitet. Stuart und Lachambre sind ein seit mehr als 15 Jahren erprobtes Gespann.

Stuart selbst, über die übrigens ein neues Buch erschienen ist, das Impulstanz am Mittwoch im Kasino präsentiert, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, in der sich bahnbrechende Arbeiten mit spektakulärem Scheitern abwechselten. In letzter Zeit scheinen beide nicht nur von ihrer einstigen Radikalität verlassen, sondern auch noch von dem Witz, mit dem sie beispielsweise im Jahr 2004 gemeinsam das Stück Forgeries, Love and Other Matters zu einem Fest der Ambivalenz der Gefühle machen konnten. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Printausgabe, 9. 8. 2010)

Bis 9. 8.

  • Zwei, die unter einer Decke stecken und hohe Wellen werfen: Annik Hamel 
und Céline Bonnier (re.) in "~~~ O oui ~~~" .
    foto: christine divito

    Zwei, die unter einer Decke stecken und hohe Wellen werfen: Annik Hamel und Céline Bonnier (re.) in "~~~ O oui ~~~" .

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