Digitaler Masochismus

6. August 2010, 19:31
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Eine Vielzahl von Buchveröffentlichungen befasst sich mit dem Internet und seinen Auswirkungen auf unser Leben - eine Umschau

Gavin Newsom ist ein moderner Mensch. Der junge Bürgermeister von San Francisco hat auf eigene Faust die Homo-Ehe legalisiert und will die Innenstadt durch Car-Sharing und schnittige Elektro-autos in Rekordzeit zu einer schadstofffreien Zone machen. Nein, man kann Mr. Newsom wirklich nicht vorwerfen, er sei ein Feind des Fortschritts. Vor einigen Wochen erließ der 42-Jährige dann jedoch eine Regelung, die Mobilfunkhersteller verpflichtet, die Strahlungsintensität eines Handys auf der Packung anzugeben, die sogenannte Specific Absorption Rate, die zwischen 0,2 und 1,6 Watt pro Kilogramm Körpergewicht liegt. Wer in San Francisco nun ein iPhone oder einen WLAN-Router kauft, findet auf der Packung ein kleines gelbes Schild mit den kryptischen SAR-Daten und wird den Gedanken schwerlich verdrängen können, dass manche Studien darauf hindeuten, dass der intensive Gebrauch von Informationswerkzeugen das Risiko, einen Gehirntumor zu entwickeln, deutlich zu erhöhen scheint.

Natürlich gibt es Studien, die das Gegenteil herausgefunden haben wollen. Die Unsicherheit bleibt. Der Gedanke ist da. Der SAR-Sticker ähnelt den Warnhinweisen auf Zigarettenschachteln und Schnapsflaschen. Rauchen kann tödlich sein, Alkohol gefährdet das Kind in der Schwangerschaft, das ist bekannt und wird durchaus effektiv verdrängt, welche Konsequenzen aber hat der übermäßige Gebrauch der Informationstechnologie?

Gavin Newsom twittert, nutzt Facebook für seinen Wahlkampf und sagt Dinge wie "Ich liebe mein iPhone". Anders als die Mehrzahl der Nutzer sieht er in den IT-Produkten jedoch nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern fragt sich auch, welche langfristigen Folgen die flächendeckende Einführung einer neuen Technologie haben könnte. Wie verändert sich die Natur, der Körper, das Ich? Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet in San Francisco, der freien Stadt am Pazifikstrand, die gleichzeitig Endpunkt der abendländischen Expansion ist, und genau deshalb die Heimat der Zukunft, die Zukunftsskepsis plötzlich Konjunktur hat. Das sieht man nicht nur an Newsoms aggressiver Gesetzgebung, sondern auch an einer Reihe kritischer Buchveröffentlichungen, die in den USA und im WWW für Furore sorgen. In den vergangenen Jahren hatte man Mobilfunk, Internet und Netzwerktechnologien euphorisch als emanzipatorische Werkzeuge beschrieben. Der amerikanische Internet-Pionier Jaron Lanier befürchtet in seinem aktuellen Buch You Are Not a Gadget (April 2010, Albert A. Knopf), dass Online-Phänomene wie Wikipedia und Google die Bedeutung und Einzigartigkeit der individuellen Stimme beschädigen, und warnt vor einem "digitalem Maoismus". Der Autor Nicholas Carr sorgt sich in The Shallows: What the Internet is Doing to Our Brains (Juni 2010, erscheint im Oktober unter dem sehr albernen Titel Wer bin ich, wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn solange im Blessing-Verlag) um die Verflachung des Denkens. Im Sommer gibt es weitere Buchveröffentlichungen auf dem deutschen Markt mit Titeln wie Faceboom, Die Internetfalle oder Das Google-Imperium.

Die "Daten", "Netze" und "Wellen" des globalen Kommunikationssystems haben Atomenergie und Genmais als bedrohliche Zukunftstechnologien abgelöst. Ähnlich wie Prozesse auf molekularem oder zellularem Niveau, sind auch die digitalen Einheiten, die wir hilflos mit einer Mischung aus Simplifizierung und Marketingsprech beschreiben, unsichtbar und deshalb unheimlich. Sokrates lamentierte im Phaedrus darüber, dass die neumodischen Bücher eine "Vergesslichkeit in der Seele" schaffen würden. Anstatt Fakten und Parabeln selbst zu memorieren, so Sokrates, würden die Menschen nun blind den externen Charaktern / Buchstaben vertrauen. Kurz: Die Bücherei zerstört das Gehirn.

Der englische Schriftsteller Robert Burton klagte im 16. Jahrhundert über "the vast chaos and confusion of books", welche die Erfindung des Buchdrucks hervorgebracht hatte, und über schmerzende Finger und Augen. Und Neil Postman schrieb 1992 in seinem Buch Technopoly: "The uncontrolled growth of technology destroys the viral source of our humanity." Neue Technologien, da sind sich die Kulturpessimisten über die Jahrhunderte erstaunlich einig, führen zu Verfall und Verwirrung.

Jaron Lanier lebt und arbeitet seit vielen Jahren im Silicon Valley, am heißesten Hotspot der Welt, an dem die Gesichter der Menschen vom bläulichen Licht der LED-Screens der mobilen Endgeräte beleuchtet werden - in den blankgeputzten Glasscheiben spiegeln sich die Nutzer und checken ihr Real-Life-Profil. "You Are not A Gadget" schreit Lanier seinen Kollegen entgegen und beschreibt, wie Online-Kollektivismus und soziale Netzwerke die Art und Weise verändern, wie Menschen denken und Informationen verarbeiten. Lanier fordert in seinem "Manifest" einen "digitalen Humanismus", der schädlichen Entwicklungen wie Online-Mobbing, Urheberrechtsverletzungen und Ignoranz entgegenwirkt, und zwar "bevor "Software-Ingenieure Entscheidungen treffen, die das Verhalten von Nutzern bestimmen und einfrieren". Architektur, das hat Lanier vermutlich beim Software-Guru Mitch Kapor gelesen, ist Politik. Die Design-Entscheidungen der Architekten, ob in virtuellen Sphären oder den Betonwelten der Stadt, öffnen manche Wege und versperren andere - und während sich der Mensch in der Stadt noch mit Geschick und Muskelkraft (und einem Skateboard) über Barrieren hinwegsetzen kann, fehlt es ihm im Netz meist an der technischen Kompetenz, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Laniers Buch ist in weiten Strecken eine Widerrede auf den Bestseller Die Weisheit der Vielen (James Surowiecki, 2005). Er sieht bei Wikipedia und in den Blogs ein Schwarmgehirn am Werk, das die Idee propagiert, dass Experten und Individuen entbehrlich sind, dass das Kollektiv immer näher an der Wahrheit ist. Was wissen die Massen schon über Neurologie und die String-Theory? Lanier trauert der Wissensoligarchie der vordigitalen Zeit nicht hinterher und preist Wikipedia als "kooperative Pop-Enzyklopädie" und Bildungsforum, er ist aber insofern doch altmodisch, als er in der anonymen und softwarevermittelten Kommunikation den einzelnen Menschen vermisst - mit dem Konzept der Individualität verschwinden auch Verantwortung und Moral.

Es ist nicht das Werkzeug, dass das Denken und Verhalten verändert, sondern unser kontinuierlicher und oft unreflektierter Gebrauch desselben. Internet und Mobilfunk zerstören also weder die Ich-Stärke des Einzelnen noch die soziale Textur der Gesellschaft, sondern entblößen die menschlichen Schwächen und unsere Bereitschaft, uns jederzeit von neuen Reizen ablenken zu lassen. In dem Buch Hamlet's Blackberry (Harper Collins, Juli 2010) beschreibt der Technologie-Autor William Powers detailliert die Ursachen dieser Disposition. Unser Gehirn, so Powers, funktioniert noch nach den Schaltplänen der Jäger-und-Sammler-Ära, ist so gebaut, dass wir permanent nach neuen Reizen in der Umgebung suchen, um schnell und effektiv auf Bedrohungen oder Möglichkeiten in der freien Wildbahn zu reagieren.

Neue Informationen, schreibt Powers, führen zur Bildung von Dopamin im Gehirn, einem Stoff, der bewirkt, dass wir uns wach fühlen und lebendig. Der Nutzer, der kompulsiv seine Inbox prüft oder ziellos über den Info-Ozean surft, ist auf der Suche nach diesem Kick. Powers befürchtet, dass unser Heim und die Familie, die traditionellen Rückzugsräume, in denen sich der Mensch vor der Umwelt schützt, durch die Allgegenwart der Reize kon- taminiert werden und wir nicht mehr eng mit Mitmenschen und unseren Gedanken verbunden sind.

Powers weiß aber auch, dass wir hier auf dem "Planet der Übenden" (Peter Sloterdjik) in den nächsten Jahren schon lernen werden, mit der permanenten Verbundenheit und all den Informationen umzugehen, und dass der Mensch durch die Einführung neuer Kulturtechniken erfahrungsgemäß zwar manches verliert, aber auch vieles dazugewinnt. Hamlet's Blackberry leidet wie die anderen Pamphlete des Netznegativismus daran, dass es der Beschreibung des alltäglichen Web-Wahnsinns und Twitter-Tsunamis so viel Platz einräumt . Das Buch wird immer dann interessant, wenn Powers versucht, eine "praktische Philosophie für das gute Leben im digitalen Zeitalter" zu entwickeln, und den Leser auffordert, seine eigenen Kommunikationsroutinen zu überprüfen. Der Mensch ist der Schmied seiner Werkzeuge. (Tobias Moorstedt/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8. 8. 2010)

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