Der Journalist wird Lotse im Meer der Medien

6. August 2010, 19:20
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Wie Zeitungen in 20 Jahren aussehen könnten, ob Internet und Gratisblätter herrschen, imaginiert Stephan Russ-Mohl

Wie Zeitungen in 20 Jahren aussehen könnten, ob Internet und Gratisblätter herrschen, ob ein neuer Analphabetismus bedient wird oder der unabhängige Qualitätsjournalismus erstarkt, erforscht und imaginiert Stephan Russ-Mohl.

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Lugano - Das erste Szenario: Beginnen wir mit einem kühnen Traum. Die westeuropäischen Gesellschaften finden auf die Herausforderung der Globalisierung und der Schuldenkrise Antworten. Zumindest einen Teil ihres Wohlstands können sie gegen die "Billigkonkurrenz" aus Osteuropa, Indien und China verteidigen.

Europa ist bis zum Jahr 2030 weiter zusammengewachsen, die Zeitungen sind europäischer geworden. Sie widmen den Nachbarländern mehr Aufmerksamkeit. Es gibt einen regen Artikel-austausch, wir haben dank ausgereifter Übersetzungssoftware teil an den gesellschaftlichen Diskursen in Slowenien ebenso wie in der Schweiz und Schweden. Die Redaktionen leuchten Hintergründe aus.

In Österreich florieren Die Presse und der Standard als überregionale Qualitätszeitungen sowie mehrere größere Regionaltitel. Von "Blättern" redet indes niemand mehr. Irgendwann zwischen 2015 und 2020 war der faltbare elektronische Bildschirm, der in jede Jackentasche passt, plötzlich "da" und ließ das iPad alt und sperrig aussehen. Zu einem erschwinglichen Preis ist das Gerät - nennen wir es das "Newsy" - in kurzer Zeit so "hip" geworden wie Handys Ende der 1990er Jahre. Gedruckte Zeitungen wirkten plötzlich vorgestrig wie Schnurtelefone - oder wie Postkutschen im Zeitalter des Automobils. Kein Hokuspokus - die Verlagshäuser konnten sich schlichtweg Druck- und Vertriebskosten weitgehend sparen.

Trennung obsolet

Von 2015 an entstand ein integrierter Newsroom nach dem anderen - auch der Standard und derStandard.at wurden unter einem Dach vereint. Die Crème de la Crème des Journalismus begann, für Websites zu arbeiten. Die traditionelle Trennung von Print, Radio und TV wurde obsolet. Eine vorausschauende europäische Medienpolitik hatte dafür gesorgt, dass weder der ORF noch andere öffentlich-rechtliche Anbieter mit ihren Gebührenmilliarden sowie mit ihren O-Tönen und TV-Bildern, die sich mit nur geringem Aufwand als Videos und Podcasts ins Netz stellen ließen, zu Online-Monopolisten werden konnten, die alle anderen Anbieter von hochwertigem Journalismus vom Markt verdrängten.

Google und andere Suchmaschinen hatten begriffen, dass auch sie auf hochwertigen Journalismus angewiesen waren, wenn ihr Geschäftsmodell weiter funktionieren sollte.

Nicht erfüllt haben sich Prognosen, die Jüngeren würden nicht mehr lesen. Im Gegenteil: Sie zappen sich im Internet von einer Zeitung zur anderen und zahlen per Micropayments für jeden Beitrag, den sie herunterladen, so selbstverständlich wie heute für exotische Klingeltöne.

Fonds für Journalismus

Schließlich bewahrheiteten sich Hoffnungen, die Phil Meyer, der Grandseigneur der US-amerikanischen Journalismusforschung, anlässlich einer Konferenz des Medienhauses Wien im Frühjahr 2010 in philanthropische Aktivitäten setzte: Beherzte Industrielle, Bankiers und Top-Manager taten sich als Mäzene zusammen und setzten ein Zeichen. Dem amerikanischen Beispiel folgend, gründeten sie in Österreich einen millionenschweren "Fonds für unabhängigen Journalismus", der seither viele investigative Recherchen unterstützt.

Dank einer intensivierten Berichterstattung über Medien weiß das Publikum inzwischen auch sehr viel besser Bescheid: Die Ansprüche an den Journalismus sind gestiegen - die Zahlungsbereitschaft auch. Die Publika wissen, dass guter, unabhängiger Journalismus Geld kostet. Sie woll-ten sich nicht der Public-Relations-Industrie und den Spin-Doctors ausliefern und haben sich daran gewöhnt - und das ist diesmal kein Aprilscherz -, dass der Standard auch online deutlich mehr kostet als ein doppelter Espresso bei Starbucks.

Das zweite Szenario: Das erste Szenario mag zu schön sein, um wahr zu werden. Wahrscheinlicher ist das zweite: Nach der WAZ-Gruppe gehen auch Murdoch und Springer, Bertelsmann und Berlusconi in Österreich auf Einkaufstour.

Statt der Redaktionen wachsen bis 2030 nur die Medienkonzerne auf europäischer Ebene zusammen. Die Zeitungen und der Journalismus werden immer provinzieller. Das Lokale verdrängt die europäische und internationale Berichterstattung.

Schlecht, aber gratis

Die Publika gewöhnen sich weiter daran, Nachrichten "gratis" zu bekommen, auch wenn diese letztlich nicht umsonst zu haben sind. Entsprechend schlecht werden wir informiert.

Der Populismus der Medien nährt den politischen Populismus - und umgekehrt. Auch steigt die Quote der Analphabeten - nicht zuletzt, weil im Internet Ton und Bild allmählich die Schrift verdrängen. Der Markt der Gratisangebote expandiert bis 2030 stark, auch der Standard ist - sei es gedruckt, sei es online - nur noch "kostenlos" zu haben.

Die Auflagenrückgänge der traditionellen Zeitungen beschleunigen sich von 2015 an. Das Anzeigengeschäft läuft miserabel - trotz konjunktureller Erholung. Viele Unternehmen, aber auch zunehmend Non-Profit-Organisationen schichten in diesen Jahren um: Sie reduzieren ihren Werbeaufwand, verstärken ihre PR - und entziehen somit unabhängigem Journalismus die finanzielle Basis. Vor allem wandern immer mehr Kleinanzeigen auf Nimmerwiedersehen ins Internet ab.

Es spricht sich herum, dass Privatpersonen dort gratis inserieren können, um ein Auto zu verkaufen oder um sich eine neue Freundin zu suchen. Ein großes Zeitungs- und Kiosk-sterben setzt ein, übrig bleiben neben Google News und dem alles dominierenden ORF zwei oder drei österreichische Gratistitel im Netz.

Das Fazit: Wenn Wissenschafter nicht Kaffeesatzleser werden wollen, sollen sie mit längerfristigen Prognosen vorsichtig sein. Dennoch: Die Zeitung hat Zukunft, sie ist auch 2030 unverzichtbar.

Wer wird bezahlen?

Wir brauchen im Informationsüberangebot des Internets mehr denn je Lotsen. Wir wissen nur noch nicht, wer für Journalismus wie viel bezahlen wird. Und von dieser unserer Zahlungsbereitschaft wird letztlich abhängen, welches Szenario Wirklichkeit wird und welchen Journalismus wir bekommen.

Nicht zuletzt Journalisten und Verlage selbst sind gefordert, uns tagtäglich neu davon zu überzeugen, dass ihre Berichterstattung, ihre Navigation durch den Info-Dschungel und ihr Service für uns unverzichtbar und "wertvoll" sind, denn aus Werbung allein lässt sich hochwertiger Journalismus in Zukunft wohl nicht mehr finanzieren. (Stephan Russ-Mohl/DER STANDARD; Printausgabe, 7./8.8.2010)

Stephan Russ-Mohl ist Professor für Kommunikationswissenschaften in Lugano, leitet das Europäische Journalismus-Observatorium und hat an der Stanford University in Kalifornien über den zukünftigen Zeitungsjournalismus geforscht.

Zum Thema: STANDARD-Schwerpunktausgabe Digitale Welt

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    Kiosk der Zukunft: alles gratis?

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