Catilinas Erbschaft

6. August 2010, 19:00
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Andreas Mölzer versuchte unter dem Titel "Haiders Erben? Wir sicher nicht!" eine sichere Distanz aufzubauen

Auch unter Leistungsträgern gilt das Erben als ein gern beschrittener Weg, die eigenen Mittel ein wenig aufzufetten. Und weil Leistung sich lohnen soll, kommt es nur selten vor, dass ein Erbe ausgeschlagen wird. Es sei denn, es wird als wenig lohnend eingeschätzt, wie das in einem Fall geschah, der Dienstag in der "Presse" groß abgehandelt wurde. Dort versuchte Andreas Mölzer unter dem Titel Haiders Erben? Wir sicher nicht! eine sichere Distanz zwischen Strache und seinen Freiheitlichen in ihrem momentanen Zustand und dem als Erblasser derzeit eher unpopulären Jörg Haider in seinem verewigten Zustand zu legen. Was andere schon seit etwa einem Vierteljahrhundert wissen, stellt sich nunmehr in immer höherem Maße heraus, nämlich die Tatsache, die ihm Otto Schulmeister zu Beginn der 1990er-Jahre bei einem Mittagessen im Wiener "Schwarzen Kameel" zuraunen musste: dass es sich bei Jörg Haider nämlich um eine "katilinarische Persönlichkeit" gehandelt habe.

Mölzer wusste damals mit dieser Information weniger anzufangen als zwanzig Jahre später, nicht nur weil er schon damals kein Cicero war, sondern auch deshalb, weil er um diese Zeit herum als von Haider inthronisierter Kulturbeauftragter der Kärntner Landesregierung an dessen katilinarischer Persönlichkeit nichts auszusetzen hatte, vielmehr mit deren Verherrlichung beauftragt war. So hörte er womöglich nur arisch, und dachte sich weiter nichts dabei.

Längst nicht mehr mit der Kultur in Kärnten, sondern mit der Vertretung der "Kronen Zeitung" im EU-Parlament beauftragt, da sickerte Schulmeisters Ohrenbläserei allmählich in sein Gemüt. Ohne für die katilinarische Persönlichkeit auch nur die zarteste Unschuldsvermutung einzuflechten, klagte er: Da mag sein Naheverhältnis zur Schwulen-Subkultur noch nebensächlich sein. Aber Schwarzgeldkonten und vor allem seine Verwicklung ... bei den großen Beschaffungsvorgängen während der "Wenderegierung" von 2000 bis 2006 legen dieses Urteil nahe. Und spät werfen sie die bange Frage auf: Sind es die Freiheitlichen, die sich als politische Erben Haiders für all diese Vorgänge der Verantwortung zu stellen haben? Ist die große rechte Oppositionspartei mit der Demaskierung des seinerzeitigen Volkstribuns aus dem Bärental ebenso entzaubert?

Der gesunde politische Verstand würde Ja sagen. Aber so leicht macht es sich Mölzer nicht. Er rechnet vor, wie Haider die FPÖ mit drei Ministern, drei Staatssekretären und 16 von 18 Nationalratsabgeordneten verlassen, das BZÖ gegründet und der alten Partei an die zehn Millionen Euro Schulden zurückgelassen habe. Dass er der Strache-FPÖ auch seinen Bierzeltpopulismus, seine Ausländerfeindlichkeit (Diktatoren ausgenommen) und seine Nähe zum Nationalsozialismus zurückließ, fällt für Mölzer nicht unter den Begriff der politischen Erbschaft.

Demgemäß sind heute unter den unter Verdacht stehenden Korruptionisten und Provisionsnehmern samt und sonders Haider-Leute wie Grasser, Meischberger, Mikscha und keinerlei wirkliche Angehörige des dritten Lagers. Schuld war auch die ÖVP. Der große Werbedeal, den der Weltkonzern EADS der Agentur Rumpolds zukommen ließ, konnte nur vergeben werden mit Zustimmung des regierenden Koalitionspartners ÖVP. Und jene seltsamen Geschäfte im Zusammenhang mit der Kärntner Hypo Alpe Adria waren wohl auch nur mit einer gewissen stillschweigenden Zustimmung der Kärntner ÖVP möglich.

Jetzt blöd - die FPK. Was schließlich die FPK, die Freiheitlichen in Kärnten, betrifft, so muss man ihr attestieren, dass sie mit dem Beschluss zur Rückkehr unter das Dach der Bundes-FPÖ den größten politischen Irrweg Jörg Haiders korrigierte und im Prinzip damit eine Abkehr vom Kurs Haiders vollzogen hat. An Uwe Scheuch fällt das geradezu schmerzlich auf! Das dritte Lager aber, das historisch gewachsene national-freiheitliche, kann sich nur mit Abscheu abwenden.

Das geht ganz leicht, seine Angehörigen brauchen sich nur klarzumachen, dass sie eben von einer katilinarischen Persönlichkeit benützt und missbraucht wurden und dass es nichts mehr mit Treue zu tun hat, eine solche Person und deren Machenschaften zu verteidigen. Bedenklich für das sich nun mit Mölzer und Abscheu abwendende dritte Lager stimmt nur, dass es von 1986 bis 2005 und länger brauchte, um zu erkennen, dass es schon wieder von einer katilinarischen Persönlichkeit missbraucht wurde. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 7./8.8.2010)

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    Mölzer und Haider, Aufnahme aus dem Jahr 1999.

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