"Vielleicht bin ich ein Sensibelchen"

6. August 2010, 18:47
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Stürmer hat Salzburg bewältigt und möchte in den Niederlanden bei Twente durchstarten. Die Fri­ka­dellen sind fettig, die Sehnsucht nach Respekt ist aber gestillt

Standard: Bei ihrem Wechsel am 21. Juni konnten Sie noch nicht wissen, dass Sie in der Liga des Vizeweltmeisters gelandet sind. Wertet das den Transfer zusätzlich auf?

Janko: Ja. Die meisten Teamspieler sind im Ausland bei Topklubs tätig. Aber es sind Holländer, sie haben hier den Fußball gelernt.

Standard: Banale Frage: Wie lebt es sich in Enschede?

Janko: Es gibt Dinge und Eigenheiten, auf die man sich erst einstellen muss. Man trainiert öfter, die Qualität ist höher, es kommt mir zumindest so vor. Wir verbringen den ganzen Tag im Trainingszentrum. Das Niveau der Liga kann ich nicht beurteilen, aber sie ist stark, die Breite ist viel größer. In Österreich gibt es drei gute Teams, der Rest ist fast eine Unterforderung. Die Essgewohnheiten hier sind gewöhnungsbedürftig. Es wird fettig gekocht, Frikadellen sind offenbar das Hauptnahrungsmittel, das Wort alleine ist schon eine Zumutung.

Standard: Twente wurde erstmals Meister, steht aber doch im Schatten von Ajax, Eindhoven oder Feyenoord. Wie ist der Klub einzuordnen, welchen Stellenwert hat er?

Janko: Twente hat sich in kontinuierlich verbessert, sportlich und wirtschaftlich. Jeder sagt neidlos, dass der Klub gesund ist. Man sorgt sich hier um Ajax, die haben Schulden. Twente gibt keine Unsummen für unnötige Spieler aus.

Standard: Zum Unterschied von Red Bull Salzburg?

Janko: Das wäre gemein. Salzburg hat andere Mittel, da steckt ein Weltkonzern dahinter. Twente ist ein Verein, der regional bewegt und bei den Fans Emotionen auslöst. Seit der Gründung im Jahre 1965 konnte etwas langsam wachsen. In Salzburg musste es von null auf Hundert gehen.

Standard: Was halten Sie von der These, dass der Wechsel zu einem Meister problematisch ist? Denn einen Titel zu verteidigen, ist meist schwieriger, als ihn zu erreichen.

Janko: Stimmt. Aber die Leute hier sind nicht größenwahnsinnig, sie sagen, ein Platz unter den ersten Fünf wäre super. Natürlich will ich mehr.

Standard: Ist das Kapitel Salzburg und Huub Stevens bewältigt? Sie hatten im Mai in einem Interview dem Trainer Menschlichkeit abgesprochen. Er wollte Sie davon abhalten, am Begräbnis ihres besten Freundes teilzunehmen. Sie würden die Mannschaft im Stich lassen, meinte er. War der Weg in die Öffentlichkeit im Nachhinein der richtige?

Janko: Es war eine emotionale Geschichte, die hat sich über Monate gezogen, da hat sich etwas aufgebaut und aufgestaut. Ich hätte es auch anders machen können, aber ich habe mich so entschieden und bereue es nicht.

Standard: Ein Hilferuf?

Janko: Im Nachhinein kann man das so deuten. Nach Außen war immer alles eitel Wonne. Es wusste niemand, was vorgeht. Ich habe ja auch nicht alles erzählt. Aber natürlich akzeptiere ich, dass es Salzburg intern regeln wollte.

Standard: Ihr Image, ein Sensibelchen zu sein, das manchmal arrogant wirkt, wurde aber gefestigt.

Janko: Man kann sich nicht aussuchen, wie man in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Vielleicht bin ich ein Sensibelchen. Bis zu einem gewissen Grad. Aber die Geschichte in Salzburg hatte nichts mit sensibel zu tun, da ging es um Respekt.

Standard: Wird man als Profi nicht auch dafür bezahlt, gewisse Dinge zu erdulden?

Janko: Das Argument kann ich nicht hören. Ich spiele Fußball aus Leidenschaft und möchte das Recht in Anspruch nehmen, normal behandelt zu werden. Auch wenn ich überdurchschnittlich viel verdiene. Es geht um keine Extras, sondern um Normalität.

Standard: Haben Sie Sehnsucht nach Respekt?

Janko: Egal ob Fußballer, Pizzabäcker oder Taxifahrer, man muss jedem Menschen respektvoll gegenübertreten. Ist das nicht der Fall, muss man Konsequenzen ziehen.

Standard: Wie ist Ihr Verhältnis zu Michel Preud'homme, dem Trainer von Twente?

Janko: Professionell, respektvoll. Ich bin ja offen für Kritik, möchte kritisiert werden, um besser zu werden.

Standard: Für österreichische Kicker ist es ein Traum, im Ausland unterzukommen. Es heißt, die heimische Liga sei zu schwach. Aber leiden nicht manche unter Selbstüberschätzung?

Janko: Man kann niemandem den Wunsch absprechen. Es ist auch wichtig, Erfahrungen zu sammeln. Wer will schon ewig ein Nesthocker sein? Manche suchen sich vielleicht zu schwierige Vereine aus, aber das muss jeder selbst lösen. Ich bin 27, lasse mich nicht so leicht verrückt machen.

Standard: Teamchef Constantini sagt, ein Problem sei, dass die Legionäre zu wenig eingesetzt werden. Ist das tatsächlich der Hauptgrund für den Zustand der Nationalmannschaft?

Janko: Es spielt mit eine Rolle. Aber man kann es nicht nur daran festmachen. Es müssen Strukturen, die vermutlich schon geschaffen sind, greifen. Es braucht Zeit, bis regelmäßig interessante Generationen rauskommen.

Standard: Ist das Team international konkurrenzfähig? Wobei Sie als Kapitän wohl ja sagen müssen. Beim 0:1 gegen Kroatien waren die angeblichen Fortschritte gut versteckt. Am Mittwoch wird gegen die Schweiz getestet, am 7. September startet die EM-Qualifikation gegen Kasachstan. Bereit?

Janko: An guten Tagen können wir große Nationen ärgern. Die Konstanz, uns gegen die vermeintlich Schwächeren durchzusetzen, fehlt. Wir haben zu viele Ausrutscher, wir müssen es schaffen, gegen Kasachstan oder Aserbaidschan das Spiel zu machen. Wir müssen uns mehr zutrauen, dann können wir uns qualifizieren.

Standard: Muss man sich vor Kasachstan fürchten?

Janko: Nein, man muss Respekt haben. Sie kochen mit Wasser. Wir kochen mit Wasser. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 7./8. August 2010)

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    Das erste Pflichtspiel mit Twente Enschede begann für Marc Janko, den zuletzt muskuläre Probleme geplagt hatten, am Freitag auf der Bank. In der 79. Minute wurde der Österreicher für den 19-jährigen Luuk de Jong eingewechselt. Das Match bei Roda Kerkrade endete 0:0.

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