Eine Massenkultur von Massen

6. August 2010, 18:38
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Trotz Widerstands unaufhaltsam: Das Internet als Ablöse des Fernsehens - Von Peter Weibel

Als ich 1995 als künstlerischer Leiter der Ars Electronica in Linz vorschlug, das Festival zur Gänze dem WWW zu widmen und seine bekanntesten Akteure einzuladen, stieß ich auf erbitterten Widerstand. Besonders der Festivalpartner ORF Linz, der es liebte, den Megatrends (Megatrends, John Naisbitt, 1982) zu folgen, hatte diesen Gigatrend noch nicht ausgemacht. Glücklicherweise hatte ich die Rückendeckung des Direktors der LIVA (Linzer Veranstaltungsgesellschaft), sodass ich das Thema durchsetzen konnte. 

Aber nach ca. zehn Jahren hatte sich das Spiel zu oft und zu redundant wiederholt: Ich hatte immer Ideen und die anderen nur Einwände. Der periodisch wiederkehrende Widerstand, die Verachtung des Publikums, welche die beteiligten Partner in ihrem Hauptmedium ORF eintrainiert hatten, die Sucht nach Systemstandardisierung und -stabilisierung, die Ablehnung des Neuen gerade bei einem Festival, das sich dem Neuen verschrieben hatte, war neben dem Krebstod von Karl Gerbel, der seit 1984 immer die schützende Hand über das Festival und meine Ideen gehalten hatte, einer der Gründe, weshalb ich demissionierte und 1995 mit dem Thema Welcome to the Wired World vom Festival Abschied nahm. 

In den Annalen der Kunstgeschichte gilt Welcome to the Wired World als erste große kuratorische Manifestation, die sich dem Phänomen des Internets gewidmet hat. Ich habe das damals nicht nur aus Interesse an technischer Innovation, sondern auch aus künstlerischen und sozialen Gründen getan. Nach dem paternalistischen Modell des Fernsehens, das die kulturellen Ansprüche der Massen nur interpretierte und meist unterforderte, das im Namen der Massen deren Ausbeutung und Verblödung, deren Betrug und Herabwürdigung vorantrieb, sah ich im Netz ein dialektisches, dezentrales Modell von "Many to Many" statt ein zentrales und dirigistisches Modell von "One to Many", in dem zum ersten Mal die Konturen einer Massenkultur auftauchen, die von den Massen selbst produziert wird. 

Statt passiven Konsums wie beim Fernsehen erlaubte das Netz aktive Eingriffe auf dem Gebiet der Massenkommunikation. Aus dem passiven Zuschauer wird ein aktiver Multi-User-Player. Als ich im Jänner 1999 das ZKM in Karlsruhe als Vorstand übernahm, machte ich dort ähnliche Erfahrungen wie in Linz. Die Worte meines Vorgängers, des Gründungsdirektors Heinrich Klotz, hatten immer noch Gültigkeit: "Wozu brauchen wir das Internet, wir haben ja das Fax." 

Als ich versuchte, in diesem Louvre bzw. Mekka des Medienzeitalters eine Abteilung für Netzentwicklungen unter der Leitung des Wiener Spezialisten Tom Fürstner aufzubauen, den ich von der Online-Redaktion des ORF abgeworben hatte, stieß ich auf vergleichbaren Widerstand des Personalrats. Das ZKM leide unter einem großen Personalmangel, daher solle ich doch nicht eine neue Abteilung gründen, sondern die alten Abteilungen personell aufstocken. 

Aus der Einführung des Internet und dessen Revolution der Massenkommunikation habe ich gelernt: Wenn man nur die Kerze verbessert, kann man die Glühbirne nicht erfinden. (Peter Weibel, DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.07.2010)

Peter Weibel (66) ist Künstler, Ausstellungskurator, Kunst- und Medientheoretiker in Karlsruhe, Graz und Wien.

Zum Thema: STANDARD-Schwerpunktausgabe Digitale Welt

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