"Wir lassen uns jetzt nichts mehr gefallen" - Begegnung mit einem fiktiven Poster

6. August 2010, 18:28
136 Postings

Rudolf S. sitzt im Büro und hämmert seine Ansichten ins Keyboard

Rudolf S. schwitzt, es dampft aus seinem offenen Hemdkragen. In einem normalen Büro könnte man das Fenster öffnen. Aber Rudolf S. sitzt nicht in einem normalen Büro. In einem normalen Büro gäbe es Nespresso, gäbe es eine funktionierende Klimaanlage, gäbe es Ruhe, Muße, Kultur.

Soda

In einem normalen Büro würde jetzt jemand kommen und den vollen Aschenbecher leeren. Eine Packung Benson & Hedges auf den Tisch legen. M, tippt Herr Rudolf in seine speckige Tastatur, klein o, klein n, klein t, blitzschnell hackt sein dicker Zeigefinger in die Tasten, wie ein schnabelloser Specht klopft Rudolfs abgebissener Digitus Buchstaben in die Benutzermaske. Monte, Montezu, Montezumas, Montezumas Rache. Soda. Passwort, Herr Rudolf sieht sich um, keiner da, auch die Blade nicht aus 711, nur das Bild von Renate sieht ihn an, Renate vor dem Haus, mit dem Kleinen und dem Hund.

Passwort, gehtscho, Ru, Rudel, Rudelfick. Passt. Anmelden, Klick, klick, derStandard.at. Drinnen. Top gepostet, top gelesen, 1. Pröll fällt bei Kanzlerfrage weit zurück, 2. Leitl zu Burnout, 3. Zogaj- Visumsanträge in zwei Monaten. 4. Das Rauchverbot muss eindeutig sein. Klick. Scroll. Herr Rudolf zündet sich eine Benson an und holt sich Kaffee.

"typisch für die gutmenschenpostille"

Montezumas Rache, antworten, permalink. 26.07.2010 09:15, melden, bewerten. Soda. "typisch für die gutmenschenpostille", tippt Herr Montezuma, "ein suggestivbild in ruinen soll beweisen was man dieser familie mit der ausweisung ,angetan' hat. fact ist aber: die angebliche armut und verzweiflung existiert real nicht. job wurde angeboten, vom abgelehnten haus erst gar nicht zu sprechen. man drückt hier auf nicht vorhandene und längst entleerte tränendrüsen. die ganze geschichte ist ein schlag ins gesicht aller echten verfolgten. ungarnflüchtlinge, sudeten, stalinopfer. schmierenkomödie."

Herr Rudolf klickt sich durch die Postings. Alte Bekannte sind da, Burschi67, Handschlagqualitätsprüfer, Der Mahner, sehr schön, lassen sich nichts gefallen, Axolotlgriller, Aktenkönig, Der Inländer, sagens denen rein, ganz recht so. Herr Rudolf verteilt Grünstriche, nippt am Eduscho, saugt an der Benson.

Klickeklicke Montezumas Rache, antworten, permalink. 26.07.2010 09:19, melden, bewerten. "ich kann das gutmenschengeplapper schon nicht mehr hören, arigona hier arigona da, einmal will sie friseurin werden, dann krankenschwester, also was jetzt? soll ihre heimat aufbauen das haben wir auch unsere grossväter und väter haben aus dem nichts dieses feine land aufgebaut. stück für stück. und jetzt wollen natürlich alle daher zu uns in das gemachte nest. aber an die gesetze ist sich zu halten."

Frau Bracal!

Herr Rudolf lehnt sich zurück, der Drehsessel knirscht, die Vormittagssonne leuchtet einen Heiligenschein in das schüttere Haar rund um seine kahle Stelle.

Das Telefon läutet. Kann jetzt nicht, sagt Herr Rudolf, das Telefon will nicht hören, läutet weiter, Frau Bracal!, hustet Herr Rudolf in den Gang hinaus, Richtung Zimmer 711, können Sie? Ich bin da in an Akt, gengans bitte danke! Montezuma scrollt durch die Postings. Sieben Grünstriche hat das Tränendrüsenposting, zwei rote nur. Die Froschretter sind schwach heute. Klickklick, scroll, klick, scroll, klick. Scroll.

Klickeklicke Montezumas Rache, antworten, permalink. 26.07.2010 09:27, melden, bewerten. "niemand zwingt sie", tippt Herr Rudolf und nippt den Eduscho leer, "in ein raucherlokal zu gehen. es gibt genügend nichtraucherlokale für die fruchtsafttrinker und körndlfresser. mehr als genug, es grassiert schon. soll er doch kommen, der rauchersheriff, man wird ihn gebührend empfangen. ich will jetzt nicht zu gewalt aufrufen, aber wenn es um die freiheit geht, muss man andere mittel ergreifen. so schaut's aus. wir lassen uns jetzt nichts mehr gefallen!" (Andrea Maria Dusl, DER STANDARD Printausgabe 6. August 2010 - Andrea Maria Dusl ist Kolumnistin beim "Falter", macht Filme, schreibt Bücher, kann gut zeichnen und ist in Wien und im Cyberspace zu Hause.)

 

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