"Ich zweifle und ringe mit Gott und seinem Namen"

6. August 2010, 18:11
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Wolfgang Rihm brachte Salzburg eine neue Oper und erlebt zurzeit einen ihm gewidmeten Zyklus

Andrea Schurian sprach mit ihm über Vergänglichkeit und künstlerische Intelligenz.

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Standard: Opern-Uraufführung, Konzertzyklen: Die Salzburger Festspiele sind Rihm-Festspiele. Wie geht es Ihnen da?

Rihm: Blendend. Ich durfte ja schon vor zehn Jahren eine so lange Zeit hier verbringen. Damals wie heute werden die Programme von Menschen gemacht, die sich auskennen, damals Hans Landesmann, heute Markus Hinterhäuser.

Standard: Hat Sie Hinterhäuser in die Planung der "Kontinent" -Konzertzyklen einbezogen?

Rihm: Er hat mich ein-, zweimal besucht und seine wunderbaren Ideen präsentiert. Ich habe nur gestaunt, wie hervorragend er sich in der Landschaft meiner Stücke auskennt. Es gibt ja Künstler, die machen eine einzige Sache - und die immer perfekter. Dazu gehöre ich nicht. Ich mache viele verschiedene und unperfekte Sachen, die immer anders geraten. Da muss man sich schon auskennen. Markus kennt die Musik und wusste sie wunderbar in Beziehung zu anderer Musik zu setzen.

Standard: Zu anderer - und historischer Musik. Mögen Sie diese Unterscheidung in zeitgenössisch und historische Musik?

Rihm: Nein. Jede Musik ist zeitgenössisch. Sie muss gemacht werden. Wenn Sie heute Mozart spielen, so gibt es die Musik ja nicht als Objekt aus Mozarts Zeit. Das sind Noten, die immer wieder neu gelesen, gelöst, erlöst und gespielt werden müssen.

Standard: Der Unterschied ist: Mit lebenden Musikern kann man über die Interpretation reden. Ingo Metzmacher, Dirigent der "Dionysos" -Uraufführung, schätzt genau diese Gespräche mit Ihnen über Musik ...

Rihm: ... weil ich davon ausgehe, dass Musik interpretiert werden muss. Musik ist eine Vorgabe für eine geistige und sinnliche Auseinandersetzung und kein Gesetzestext oder Polizeidekret, das im Stechschritt befolgt werden muss. Das ist doch furchtbar.

Standard: Die Angst der Interpreten vor dem Urteil des Komponisten?

Rihm: Kunst entsteht aus Angstfreiheit, aus Lebensbejahung. Ein Interpret, der Angst hat vor einem Stück, soll es lassen. Diejenigen, mit denen ich zu tun hatte, hatten nie Angst sondern immer Vertrauen in mich und das, was ich ihnen überlasse.

Standard: Und wie sehr vertrauen Sie den Interpreten? Ich habe Sie beim letzten "Kontinent" beobachtet, als Sie Ihrem Stück mit geschlossenen Augen zugehört haben.

Rihm: Das hat psychische Ursachen. Ich unterliege, wenn ich eigener Musik begegne, einer gewissen Ausschließlichkeit, die auch mit Scham zu tun hat. Ich muss dann allein sein mit der Musik. Ich empfinde sie als etwas Schutzloses, Schützenswertes und muss alle guten Geister herbeirufen, mit allen guten Gedanken dabei sein, damit es dem Kind gutgeht. Man will nicht, dass es strauchelt, dass ihm etwas widerfährt. Aber man kann nichts mehr tun. Daher schließe ich die Augen. Ich kann auch bei Premieren nicht im Saal sitzen. Vielleicht ist das hochneurotisch, aber ich muss im Hintergrund bleiben. Meist sitze ich beim Inspizienten und höre, wie die Bühnenarbeiter ihre Geschichten erzählen.

Standard: "Quid est deus" , das Stück, bei dem ich Sie beobachtete, sind Reflexionen über Gott: Sind Sie gläubig?

Rihm: Das sind Gottesdefinitionen, in welche unendlich viel menschliches Wissen und Ahnen eingeflossen ist, Texte, die einen kulturellen, nein, geistigen Fond bezeichnen. Ich selbst bin gläubig in der Weise, die mir gegeben ist: Ich zweifle und ringe mit Gott und seinem Namen. Vielleicht erwarte ich zu sehr, dass er sich mir zeigt. Also geht er an mir vorüber.

Standard: Sie haben in einem Interview gesagt, Musik sei vielleicht die einzige Kunstform, die nicht Leben beschreibt, sondern Leben ist. Wie meinen Sie das?

Rihm: Musik ist durch das Werden und Vergehen gekennzeichnet. Sie ist kein besitzbares Objekt. Musik ist ein Prozess, etwas, was soeben begonnen hat und alsbald enden wird. Schon die kleinste Einheit der Musik, der Ton, ist gekennzeichnet von Werden und Vergehen, von Beginnen, Sein und Vergehen. Deswegen weist Musik - wie keine andere Kunstform - so sehr auf Leben und Tod, auf das dem Menschen gegebene zeitliche Sein hin. Und deshalb hat Musik oft die Wehmut in sich. Viele Hörer können nicht benennen, was mit ihnen geschieht, aber sie spüren etwas, es wird ihnen anders ums Herz. Das hat mit den nur der Musik eigenen Ähnlichkeiten von Leben und Tod zu tun.

Standard: Aber, anders als das Leben, könnte ein Musikstück wiederholt werden?

Rihm: Nein. Es gibt keine Wiederholung. Wenn Sie am Klavier 25-mal ein a spielen, so sind es 25 Einheiten, 25 Individuen. Die können sich zu einer Gestalt vereinigen. Aber auch dies ist nur eine individuelle Erscheinung, die nie mehr wiederholbar ist. Wiederholung gibt es weder in der Kunst noch im Leben. Seit Anbeginn der Welt fallen Schneeflocken. Nie war eine wie die andere. So ist es auch in der Musik.

Standard: Beschäftigen Sie sich mit dem eigenen Vergehen, mit Ihrem Tod?

Rihm: Ja, täglich. Stündlich. Augenblicklich. Jetzt. Soeben. Auch, indem ich es vergesse.

Standard: Ab wann wussten Sie, dass Sie Komponist werden wollen?

Rihm: Ich habe, noch ehe ich schreiben konnte, meiner Mutter Gedichte diktiert. Und obwohl ich noch kaum Noten schreiben konnte, als ich Blockflötenunterricht bekam, habe ich sofort versucht, selber Stücke zu schreiben. Dann wurde ein Klavier angeschafft, und ich habe sofort zu komponieren angefangen, was natürlich Quatsch war. Ich habe immer nur improvisiert am Instrument, nie richtig geübt. Ich wollte stets selber etwas machen. Zeichnen, Malen, anfangs war es ein grund- und allkünstlerisches Verhalten, ein Produzieren auf allen Ebenen. Die Musik blieb übrig.

Standard: Intellekt oder Emotion: Was braucht es zum Komponieren?

Rihm: Mit Emotion allein kommen Sie nicht zum Ausdruck, mit Intellektualität allein aber auch nicht. Sie müssen beides haben. Die Notenschrift, das Fixieren eines musikalischen Gedankens in dieser Kürzelform mit Punkten und Strichen auf fünf Linien ist eine intellektuelle Arbeit des Triebverzichts und der Abstraktion. Aber das kann nicht genügen. Zur Intellektualität muss die Intelligenz kommen. Der nur intellektuelle Künstler ist genauso wie der nur nichtintellektuelle Künstler ein dummer Künstler. Der Künstler muss intelligent sein und fähig, seine Intellektualität und Emotionalität zu bündeln. Darin drückt sich die alte Antinomie des Apollinischen und des Dionysischen aus. Wenn Sie nur in der apollinischen Weise die Oberfläche gestalten, sind Sie irgendwann bei einer schönen Tapete. Wenn Sie nur in der Tiefe rumwühlen, sind Sie irgendwann im Sumpf. Beides ist keine Gestalt, die in irgendeiner Weise kommunizieren kann.

Standard: An wen denken Sie beim Komponieren: an den Zuhörer oder an die Interpreten?

Rihm: Mein erster Zuhörer bin ich selber. Ich möchte, dass das, was ich schreibe, in eine sinnliche Erscheinung mündet, die den Weg in die geistige Welt erschließt. Wenn es das nicht tut, habe ich einen Fehler gemacht. Virtuos ist etwas nicht, weil man es nicht spielen kann, sondern weil man das Können des Interpreten herausfordert.

Standard: Haben Sie das "Dionysos" -Ensemble herausgefordert?

Rihm: Auf das Zeitliche bezogen, ja. Aber was die Stimmbehandlung betrifft, bin ich jemand, der sehr gern mit den Sängern ihre Partie durchgeht und auf die stimmlichen Möglichkeiten - ja, ich verwende diesen Ausdruck ohne Scheu und Scham - zuschneidert. Wenn es Mozart tat, ist es für mich keine Schande.

Standard: "Dionysos" hat Sie mehr als zehn Jahre beschäftigt. Wie lange braucht es, um den Kopf frei zu haben für das nächste Projekt?

Rihm: Ich komme jetzt überhaupt nicht zum Arbeiten, weil ich hier - ich sage es in aller Doppeldeutigkeit - gezwungen bin, mich zu genießen.

(DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.08.2010)

Wolfgang Rihm (58), geboren in Karlsruhe, gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Komponisten. Mit bewusster Distanz zum Konstruktivismus der Nachkriegsmoderne setzt Rihm in seinen Werken auf eine komplexe Subjektivität des Ausdrucks.

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    Wolfgang Rihm: "Ich kann auch bei Premieren nicht im Saal sitzen. Vielleicht ist das hochneurotisch, aber ich muss im Hintergrund bleiben."

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