Australiens nukleare Welt-Müllhalde

6. August 2010, 18:53
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Australische Regierung will im Zentrum des roten Kontinents ein Endlager für Atommüll einrichten

auf Land, das von Aborigines bewohnt wird. Einige Politiker hoffen, dereinst Uranmüll aus der ganzen Welt dort lagern zu können.

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Es ist australisches Outback wie aus dem Bilderbuch. Rote Erde, verwittertes Gestein, bizarr geformter Fels, trockenes Spinifex- Gras. Eine Natur im isolierten Inland des Kontinents, die sich seit Jahrmillionen kaum verändert hat. Und so soll es auch bleiben, das Gebiet von Muckaty Station etwa 120 Kilometer nördlich des Dorfes Tennant Creek im Northern Territory. Das fordern viele der dort seit Jahrtausenden lebenden Ureinwohner. Die traditionellen Besitzer dieses Landes sind verzweifelt, weil die sozialdemokratische Regierung gegen ihren Widerstand ein Endlager für radioaktive Abfälle errichten will.

Die Idee aufgeworfen hatte noch die konservative Regierung, angeführt von Premierminister John Howard. Als 2007 die neue Regierung gewählt und Kevin Rudd Premierminister wurde, sahen die Aborigines vom Walmampa-Clan das Projekt als tot und begraben - doch weit gefehlt.

Gruppe von Anwälten wollte Regierung verklagen

Die Labor-Regierung belebte die Idee unter dem Druck der mächtigen Bergbauindustrie wieder und drängte auf Vollzug. Doch grundsätzliche Fragen von Kritikern und Experten sind nicht beantwortet. Ist die Geologie in diesem fast täglich von Erdbeben erschütterten Gebiet überhaupt geeignet? Wie sollen die Abfälle gesichert werden, wie transportiert?

Im April gab eine Gruppe von Anwälten bekannt, sie wolle die Regierung verklagen und damit die Pläne stoppen, weil Canberra nicht alle beteiligten Landbesitzer konsultiert habe. Für mehrere Aborigines-Gruppen der Region ist das Gebiet von großer religiöser Bedeutung.

Doch es gibt auch Befürworter. Einige Aborigines der Region sind der Meinung, ein nukleares Endlager sei gut für ihre Gemeinde: Sie erhoffen sich Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten und Lizenzabgaben.

Zweitgrößter Uranförderer

Kevin Rudd wurde Ende Juni in einem parteiinternen Machtkampf entthront. Julia Gillard, seine bisherige Stellvertreterin, übernahm das Amt und rief für den 21. August Wahlen aus. Seither ist es um das Projekt Muckaty still geworden. Eine Gillard-Regierung würde es wohl aber wieder aufleben lassen. Denn Canberra ist unter Zugzwang.

Australien hat zwar nur ein Atomkraftwerk, und das produziert Material für medizinische Zwecke. In Spitälern im ganzen Land häufen sich aber die Nuklearabfälle, die bisher zur Entsorgung nach Europa verschifft werden. Seit Jahren fordern Wirtschaftskreise, Australien müsse seinen Atommüll im eigenen Boden endlagern.

Doch für Umweltschützer und Grüne ist Muckaty nur ein Vorwand für einen weitaus größeren Plan. Australien ist der zweitgrößte Uranförderer der Welt und ein bedeutender Exporteur des Brennstoffs. Mindestens 25 Prozent aller weltweit nachgewiesenen Uranvorkommen befinden sich in australischem Boden. Der internationale Druck auf Canberra wächst, verbrauchte Nuklearbrennstäbe von den Exportländern zurückzunehmen und zu entsorgen. Einige konservative Politiker sehen eine Chance für ein Geschäft - ein Riesengeschäft.

Eine treibende Stimme ist der südaustralische Senator Nick Minchin. Sein Traum ist, die isolierte australische Binnenregion in seinem Bundesstaat zur nuklearen Müllkippe für die Welt zu machen. Es ist anzunehmen, dass der konservative Oppositionsführer Tony Abbott ein solches Szenario begrüßen würde, falls er am 21. August Julia Gillard schlägt und Premierminister wird. (Urs Wälterlin, DER STANDARD - Printausgabe, 7./8. 8. 2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Lkw transportiert uranhaltiges Erz aus einer Mine in Australiens Northern Territory.

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