"Es gibt nichts außer einer Tagebucheintragung"

6. August 2010, 18:49
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Wenn Josef Bucher und der alternative Unternehmer Heinrich Staudinger aufeinandertreffen, geht es um Löhne in China, die kaputte Weltwirtschaft und Zuwanderung

Standard: Wird die Haider-Konten-Affäre für das BZÖ zum Überlebenskampf?

Bucher: Nein, von dieser Kampagne wird aus meiner Sicht nichts übrig bleiben. Es gibt nichts, außer eine Tagebucheintragung eines Herrn Meischberger. Das betrifft eine Zeit, in der ich mich nicht einmal für Politik interessiert habe. Das BZÖ neu unter Josef Bucher ist eine neue Partei.

Standard: Trotzdem ist die Identifikation mit Haider da.

Bucher: Ja, die ist da. Dennoch wird aus meiner Sicht nichts von dieser Kampagne übrig bleiben, ich kann es mir nicht vorstellen.

Standard: Sie sprechen von einer Kampagne. Wer steckt dahinter?

Bucher: Einer Kampagne, genau. Von wem weiß ich nicht. Da stecken Interessen dahinter, dass man das Thema über Tage spielt, ohne dass es irgendwelche Fakten gibt. Ich bin immer ein Mensch der Seriosität gewesen, mir kann man nichts anlasten.

Standard: Bei der Zuwanderung spricht das BZÖ im Ausländercheck von klaren Spielregeln. Das klingt ziemlich nach Wildwest.

Bucher: Naja, ok, aber Spielregeln sind wichtig. Früher war die Haltung "Zuwanderungsstopp" . Das BZÖ neu steht für geordnete, qualifizierte Zuwanderung. Ohne Zuwanderung kommen wir nicht aus, ganz einfach. Ich sage aber auch ganz offen: Wenn wir schon die Möglichkeit haben, Zuwanderer bei uns zu integrieren, sollten wir auch nur die Besten nehmen.

Staudinger: Unsere Firma ist sieben Kilometer neben der Grenze. Wir haben jetzt endlich zwei Tschechen in der Firma. Die Grenze zwischen Österreich und Tschechien ist mit soviel Trauma belastet, dass diese Öffnung uns so gut täte, wenn wir endlich kooperieren lernen. Es tut uns regelrecht weh, dass wir auf diese Fachkräfte nicht zugreifen können.

Bucher: Bei mir arbeitet in der Rezeption auch eine Ungarin, in der Küche zwei Deutsche und im Service eine Tschechin. Alle bestens integriert.

Standard: Sie sagen nicht Nein zur Zuwanderung?

Bucher: Nein, das habe ich nie. Aber nur die, die der Arbeitsmarkt wirklich braucht. Jeder, der das leugnet, hat keine Ahnung von der Wirtschaft und vom Arbeitsmarkt.

Staudinger: Global glaube ich, dass wir einen freundlichen Umgang mit der Zuwanderung finden müssen. Denn dass die Wirtschaft Zuwanderer braucht, daran habe ich überhaupt keinen Zweifel. Wenn man diesen Migrationsdruck lindern möchte, müsste man aber eine gerechtere Welt als Ziel auf der Tagesordnung ganz oben halten. Viel von diesem Migrationsdruck resultiert aus himmelschreienden Ungerechtigkeiten.

Standard: Das BZÖ bezeichnet sich als Reformbewegung für den Mittelstand. Was ist denn der Mittelstand?

Bucher: Der Mittelstand umfasst alle, die in Österreich entweder Lohn- oder Einkommenssteuer bezahlen. Egal für welche Höhe des Einkommens. Diejenigen, die auf Leistung setzen und mehr verdienen wollen.

Staudinger: Ich sehe es so, dass aus Ihrem Begriff die Arbeitslosen oder alleinerziehenden Mütter rausfallen und dass generell immer mehr Menschen aus dem Mittelstand rausfallen. In eine vollkommen unnötige Armut. Ich glaube nicht, dass diese Tendenz ein Resultat bitterer Not ist, sondern von einem falschen Umgang mit Reichtum herrührt.

Bucher: Ich bin ja für soziale Absicherung, überhaupt keine Frage. Aber über die Grenzen hinaustragen: "Österreich ist das gelobte Land und bei uns kriegst du diese 744 Euro", führt noch zu schwerwiegenden Auswirkungen im Bereich der Schwarzwirtschaft. Viele pfuschen nebenbei und stellen sich mit 55 zum ersten Mal die Frage, wie sie sich die Pension finanzieren wollen. Wir führen viele auf eine völlig falsche Spur, wo sie später in existenzielle Not geraten.

Standard: Im BZÖ-Programm ist auffällig oft die Rede von der Leistungsorientierung.

Bucher: Weil wir von dem Prinzip ausgehen, dass Leistung sich lohnen muss. Wenn wir das untergraben, so wie wir das mit dem politischen Projekt Mindestsicherung machen, dann hab ich die Sorge, dass wir vielen jungen Menschen auf ihren Lebensweg die Einstellung mitgeben: "Du brauchst dich im Grunde nicht sonderlich zu bemühen, der Staat ist jederzeit zur Stelle." Das ist eine völlig falsche Botschaft an junge Menschen.

Staudinger: Ich glaube, dass es den meisten Menschen ein Anliegen ist, einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten zu können. Da geht es aber los: Welche Beiträge bringen der Gemeinschaft Geld, und welche bringen kein Geld. Zum Beispiel ist Kinderaufzucht quasi Gratis-Arbeit, während das Weltbörsen-Spekulieren eine ertragsreiche Arbeit sein kann. Das sind Rahmenbedingungen, die so manchen Menschen, der gerne einen Beitrag leisten möchte, die Lust verderben.

Standard: Haben Sie schon einmal jemanden kündigen müssen?

Staudinger: Nein. Wir haben einfach ein anderes Menschen- und Wertebild. Wenn wir den Profit steigern wollen, müssten wir 20 Schuster rausschmeißen und in Ungarn produzieren lassen und schon verdienen wir ein paar hundertausend Euro mehr im Jahr. Das machen wir aber nicht. Und zwar weil wir es nicht wollen, weil wir uns gern haben und weil wir gern daheim arbeiten wollen.

Standard: Stellt es Ihnen als wirtschaftsorientiertem Menschen da nicht die Haare auf?

Bucher: Nein, das ist eine vorbildliche Unternehmenskultur und höchst ehrenwert. So etwas verdient eigentlich den Staatspreis.

Staudinger: Setzen Sie sich bitte ein dafür!

Standard: Sagen Sie, dass die Mindestsicherung zu weniger Leistungsbereitschaft führt?

Bucher: Nein, Arbeitslosigkeit kann jedem von uns passieren. Aber diese Vollkasko-Mentalität, wo man Menschen suggeriert: "Du kannst in Österreich nicht in eine notleidende Situation kommen", ist falsch. Ich sehe das im Global-Zusammenhang: Wie die Menschen in China den Leistungswillen pflegen und bei uns der Leistungsgedanke zunehmend ins Hintertreffen rückt, da habe ich meine Sorge. Die werden uns davongaloppieren: In der Produktivität, in der Prosperität, in der Leistungsbereitschaft. Das ist sehr gefährlich und führt in die Sackgasse Arbeitslosigkeit.

Staudinger: Im Bezirk Gmünd haben von 70.000 Einwohnern 15.000 in der Textilindustrie gearbeitet. Davon sind keine 300 Arbeitsplätze übriggeblieben. Die haben den Job nicht verloren, weil sie zu faul gewesen sind, sondern weil Arbeiter in Fernost die selbe Arbeit im selben Tempo machen - nur billiger. In der Textil- und Schuhbranche ist das ein absolut unfairer Wettbewerb. Wenn wir im Waldviertel einen Schuh erzeugen, zahlen wir zehn Euro Staatsabgaben, während der chinesische Schuh einen Euro Staatsquote einbringt. Diese Rahmenbedingungen haben nichts mit Leistung und Fleiß zu tun.

Standard: Was wäre denn das bessere Gesellschaftsmodell?

Staudinger:Ich sehe überhaupt nicht ein, warum wir mit 1000-Euro-Löhnen gegen 30-Euro-Löhne im freien Wettbewerb konkurrieren. Das hat mit Fairness überhaupt nichts mehr zu tun. Ich bin viel in Afrika, weil wir zwei Spitäler unterstützen. Und dort ist es noch grauenhafter: Tansania hatte eine perfekte Kette von Baumwolle am Feld bis zum fertigen Textil. Das ist alles kaputt, weil sie nicht gegen die chinesische Textilindustrie antreten können. So stehen wir in diesen globalen Wettbewerb. Ich stimme Ihnen also nicht zu, dass das eine soziale Hängematte ist. Ich finde vielmehr, dass Unmengen ungeheuer fleißiger Menschen arbeitslos geworden sind. Diese Hetzjagd wird immer schneller. Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass wir uns den Arsch aufreißen sollen, damit es der Wirtschaft gut geht, die in Wirklichkeit kaputt und krank ist (lacht). Jetzt schauen S' nicht so!

Bucher: Sie sprechen immer nur von einer Branche. Rahmenbedinungen muss es natürlich geben.

Staudinger: Wenn wir die 300.000 Arbeitslosen analysieren würden, werden wir draufkommen, dass 100.000 aus der Textil- und Schuhindustrie sind. Jeder von ihnen würde 400 Euro in den Gemeinschaftstopf erwirtschaften, wenn er eine Hacke hätte. So aber kostet er.

Bucher: Ein großer Teil der Arbeitslosen ist einfach schlecht qualifiziert. Laut einer Studie können 20 Prozent der Lehrlinge nicht rechnen oder sinnerfassend lesen. Wir müssen am Bildungssystem arbeiten.

Standard: Würde sich das BZÖ für mehr Investitionen im Bildungsbereich einsetzen ?

Bucher: Bildung ist das Um und Auf. Jeder Österreicher und jede Österreicherin hat Anspruch auf Bildung. So steht es auch in unserer Verfassung. Da ist aus meiner Sicht - und da nehme ich unsere Regierungsbeteiligung von 2000 bis 2006 nicht aus - zu wenig geschehen. Wir haben ein Bildungssystem, das längst überaltert und nicht mehr zeitgemäß ist und von den Gewerkschaften, anstatt von den Schülern dominiert wird. Über das Bildungssystem kann man viel Wachstum erzeugen.

Standard: Bei dem Thema Sondersitzungen hat die Opposition Sie schlussendlich hängen lassen.

Bucher: Nicht die Opposition, sondern nur Herr Strache. Mit den Grünen sind wir in Kontakt. Es wird Sondersitzungen Ende August geben, wenn Strache wieder im Lande ist und wenn er die Unterschriften seiner Abgeordneten zustande bringt. Das ist aber ein irres Spiel, das er betreibt. Zuerst die Ansage, wir werden die Bundesregierung vor uns hertreiben und es gibt wöchentliche Sondersitzungen und dann sagt er "Tschüss, ich bin auf Ibiza" .

Staudinger: Ibiza, passt eh zu ihm.

Bucher: Dann steht wieder in der Zeitung, ob er einen Sonnenbrand oder einen neuen Pickel hat. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8. 8.2010)

ZU DEN PERSONEN

Josef Bucher (44) ist seit 2008 Klubobmann und seit 2009 auch Chef des BZÖ. Der Kärntner kommt aus der Tourismusbranche, 2002 zog er für die FPÖ in den Nationalrat ein, nach der Parteispaltung schloss er sich dem BZÖ an. Seit der Rückkehr der FPK zur FPÖ steht seine Partei in einem erbitterten Streit mit der Partei von Strache. Bucher ist verheiratet und Vater dreier Söhne.

Heinrich Staudinger (57) ist Geschäftsführer von GEA, die gesunde Schuhe vertreiben, und mittlerweile auch Haupteigentümer der Waldviertler Schuhwerkstatt. Staudinger besitzt auch eine Möbelwerkstatt, alle Unternehmen befinden sich in Schrems. Der geborene Oberösterreicher ist sozial stark engagiert und betreibt die "Sonnenfamilie", die größte Fotovoltaikanlage im Waldviertel.

  • Der BZÖ-Chef Josef Bucher (links) erklärt GEA-Chef Heinrich 
Staudinger und Standard-Mitarbeiterin Julia Herrnböck die 
Mechanismen der Marktwirtschaft. Staudinger bleibt sichtbar skeptisch, 
was die Wettbewerbsfairness für die Schuh- und Textilindustrie betrifft
 und will sich nicht mit 30-Euro-Löhnen in China matchen.
    foto: standard/fischer

    Der BZÖ-Chef Josef Bucher (links) erklärt GEA-Chef Heinrich Staudinger und Standard-Mitarbeiterin Julia Herrnböck die Mechanismen der Marktwirtschaft. Staudinger bleibt sichtbar skeptisch, was die Wettbewerbsfairness für die Schuh- und Textilindustrie betrifft und will sich nicht mit 30-Euro-Löhnen in China matchen.

  • Heinrich Staudinger: "Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass wir uns für eine kaputte Wirtschaft den Arsch aufreißen."
    foto: standard/fischer

    Heinrich Staudinger: "Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass wir uns für eine kaputte Wirtschaft den Arsch aufreißen."

  • Josef Bucher: "Arbeitslosigkeit kann jedem von uns passieren. Aber diese Vollkasko-Mentalität ist falsch."
 
    foto: standard/fischer

    Josef Bucher: "Arbeitslosigkeit kann jedem von uns passieren. Aber diese Vollkasko-Mentalität ist falsch."

     

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