Unterwegs zur Demokratie 2.0

6. August 2010, 18:10
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Neue Technologien ermöglichen eine andere Art von Partizipation für Digital Natives

Krakau/Wien - Normalerweise wird hier große Oper gegeben. Aber an diesem heißen Sommertag gehört die Bühne ganz den Aktivisten. Krakau, die "Community of Democracies" , trifft sich zu ihrer Jahrestagung. Unter dem Schnürboden des hypermodernen Opernhauses sitzen Experten, die über "Neue Medien und Demokratie" diskutieren. Eine Dame von Google ist dabei, ein ägyptischer Blogger und Matt Harrison, ein Milchgesicht von der amerikanischen Westküste, das mit seinem Prometheus Institute an der Demokratie 2.0 arbeitet.

In Irvine haben Harrison und die Mitarbeiter seiner NGO eine iPhone-Applikation namens "DIY Democracy" entwickelt. "Das ist eine Abkürzung für ‚do-it-yourself democracy‘. Das klingt ein wenig hemdsärmelig, ich weiß. Aber so sind wir Amerikaner nun einmal" , sagt Harrison. 250.000-Mal ist die kostenlose App inzwischen bei iTunes heruntergeladen worden. Kein Wunder, denn das Ding kann schon in seiner ersten Version - eine zweite kommt demnächst - einiges.

Protest gegen Gesetz in Arizona

"Wir wollen damit um nichts weniger als den Gesetzgebungsprozess beeinflussen" , erklärt der Gründer und Präsident des parteiunabhängigen Thinktanks. Die App ist gemäß der staatspolitischen Aufgabenteilung in den USA in eine Bundes-, Staaten- und Lokalebene unterteilt. Man kann damit Gesetzestexte abrufen, beinahe unmittelbar in Kontakt mit seinem jeweiligen Abgeordneten, Senator oder Bürgermeister treten, sich mit Gleichgesinnten vernetzen oder Initiativen starten - von Petitionen für dringend notwendige Straßenreparaturen bis zum Protest, aktuell etwa gegen das Einwanderungsgesetz in Arizona.

Zielgruppe sind für Harrison, der Steve Jobs als den derzeit größten Innovator weltweit bewundert, vor allem junge, engagierte Leute und daneben noch "emerging democracies" . "Wer will Amerika in dieser Frage denn überholen?" , fragt er provozierend. Die Mobilfunk-Demokratietechnologie sei schneller und effizienter als alles bisher Dagewesene und genau das Richtige für aufstrebende Demokratien in aller Welt.

derBrecher.com

Mit aufstrebenden Demokratien hat es Walid al-Saqaf nicht zu tun. Eher mit dem Gegenteil. Der Forscher an der Universität Örebro in Schweden versucht, mit seiner Website alkasir.com (zu Deutsch: derBrecher.com) despotischen Regimen die Internetzensur zu erschweren. Der aus dem Jemen stammende Softwareentwickler hat dafür ein Programm geschrieben, das es Usern in solchen Ländern ermöglicht, die Sperrmechanismen kostengünstig und ohne Bedarf an großen Bandbreiten im Netz zu umgehen. Auf seiner Website kann es kostenlos heruntergeladen werden.

Daneben findet sich auf alkasir.com auch eine Cyberzensur-Weltkarte, auf der Länder verzeichnet sind, die den Internetzugang beschränken, sowie auch alle Webseiten, die jeweils nicht zugänglich sind. Unter den betreffenden Staaten war auch al-Saqafs Heimat, der Jemen. Ob er schon "Feedback" zu seiner Arbeit aus Sanaa bekommen hat? "Nein" , erklärte der Softwareentwickler zuletzt in Krakau, "noch nicht. Aber ich fahre demnächst hin, mal sehen, was passiert." Auf Mails reagiert al-Saqaf seit seiner Abreise in den Jemen nicht mehr. (DER STANDARD Printausgabe, 7.8.2010)

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