"Man verschwendet viel Zeit damit"

6. August 2010, 17:46
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Aufgeklärte Jugend surft gegen den Strom - Fünf Schüler sprechen über ihr Internetverhalten

Wien - "Ich bin eigentlich ständig im Internet", gesteht Kiara (16), während sie keck unter ihrer schwarzen Hutkrempe hervorblinzelt. "Denn ich hab ein iPhone, und das benütz ich immer, wenn ich sonst nichts zu tun hab", erzählt die Schülerin aus Wien. Selbstsicher verschränkt sie ihre Arme, schaut sich in der Runde um und wartet auf die Reaktionen ihrer vier Sitznachbarn.

"Ich glaub, ich bin diesbezüglich eine Außenseiterin", reagiert Leonie (15). "Ich bin nicht mal täglich im Internet und hab mich auch von allen Social Networks abgemeldet", berichtet die Grazerin. "Man merkt irgendwann, wie viel Zeit man damit verschwendet." 

"Das ist doch witzig", wirft Julia (19) ein. "Ich versuche auch von Facebook wegzukommen! Denn ich möchte nicht, dass meine potenziellen Arbeitgeber sehen, in welchen Gruppen ich dabei bin." "Das Abmelden hilft da aber gar nichts", ergreift Nicolas das Wort. "Deine Einträge bleiben gespeichert", sagt der 16-Jährige altklug. "Ist es nicht interessant, dass wir automatisch über Facebook reden, obwohl das Hauptthema das Internet ist?", fragt Livia (17) in die Runde. Alle müssen ihr recht geben. Doch warum haben Facebook und Co einen derart hohen Stellenwert?

"Ich hab Freunde in Neuseeland und Südafrika und kann so mit ihnen in Kontakt bleiben", verteidigt Kiara die Notwendigkeit von Social Networks. "Außerdem hab ich meine Uroma auf Facebook entdeckt", erzählt die 16-Jährige begeistert. Peinlich sei es nicht, dass sich auch ältere Personen im Netz bewegen, "doch ich würde nie meine Eltern als Freunde annehmen, wenn ich sie auf Facebook entdecken würde", schmunzelt Livia.

"Ich fürcht mich auch ein bisschen vor dem Internet", gesteht Leonie. "Besonders die Idee vom gläsernen Mensch, also dass alle Infos über dich gespeichert sind, ist echt gruselig." "Wirklich Angst hab ich nur davor, dass jemand mein Profil hackt und unter meinem Namen schreibt", sagt Livia.

Durch stummes Kopfnicken symbolisieren ihre Diskussionskollegen Zustimmung, als auch schon ein neues Kapitel zur Sprache kommt: Onlinegames. "Ich hab eine Zeit lang recht intensiv World of Warcraft gespielt" , gibt Julia zu. "Dreimal pro Woche, mehrere Stunden. Dabei gab es durchaus Momente des Suchtverhaltens" , gesteht die 19-Jährige. Als sie jedoch miterlebt habe, dass ein Freund wegen seines exzessiven Spielverhaltens sitzengeblieben ist, habe sie den Kriegern den Rücken gekehrt.

Dass es bei diesen Gemeinschaftsgames nicht darum gehe, Leute kennenzulernen, darin sind sich die Teenager einig. "Ich würde mich auch sonst nie mit irgendjemand treffen, den ich nur übers Internet kenne", stellt Nico klar und ergänzt: "Beziehungen im Netz anzuleiern geht für mich gar nicht." "Ich möchte nie mit wem befreundet sein, von dem es online kein Bild gibt", bringt sich Leonie ein. "Wer weiß, vielleicht trifft man dann auf einen Perversen - igitt", sagt Livia angeekelt.

Und was machen die Jungen, wenn sie nicht gerade in Social Networks unterwegs sind, chatten, Infos für Hausarbeiten googeln oder Mails schreiben? "Musik runterladen und Filme anschauen. Das ist für Leute in unserem Alter ganz normal", erklärt Livia. "Klar schadet es den Künstlern, aber auch ich lade mir ab und zu was runter" , sagt Kiara. "Bei kleinen, unbekannten Bands finde ich es asozial", wägt Livia ab. Großen Weltstars schade es aber nicht.

Ob sie denn auch schon Erfahrungen mit Online-Pornografie gemacht hätten, möchte ich gegen Ende der Debatte wissen, wobei ich mir nur eine geringe Chance ausrechne, darauf überhaupt eine Antwort zu bekommen. "Also Pornos sind ja wohl das Unerotischste, was es gibt", echauffiert sich Kiara und bekommt sofort Rückendeckung von Livia: "Ja, du hast recht. Pornos sind grauslich! Aber vielleicht sollten wir den Mann in unserer Runde fragen, ob er damit schon Erfahrungen gemacht hat?", wendet sich Livia in frecher Manier an Nicolas. "Ja, genau! Denn es sind doch angeblich die Männer, die darauf abfahren", schließt sich Kiara der Aufforderung an und blinzelt gespannt zur anderen Tischhälfte hinüber.

Ohne jegliche Röte im Gesicht antwortet der 16-Jährige, dass er diese Vorliebe nur von Kumpels kenne: "Als ich mal bei einem Freund lernen wollte, lief im Hintergrund ganz selbstverständlich ein Porno am PC. Das war schon absurd", sagt Nicolas und grinst. Leonie findet das nicht abwegig. Schließlich wisse sie um die Motivation, sich Pornos reinzuziehen: "Unter meinen Freunden gilt das Motto: 'Ich schau mir 'nen Porno an, weil ich cool sein will, und nicht, weil er mir gefällt.'" (Bettina Reicher, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.8.2010)

  • Bei Leonie (15), Nicolas (16), Livia (17), Julia (19) und Kiara (16) (von links) kommen zuerst die Vorsicht, dann der Übermut.
    foto: standard/fischer

    Bei Leonie (15), Nicolas (16), Livia (17), Julia (19) und Kiara (16) (von links) kommen zuerst die Vorsicht, dann der Übermut.

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