Motschkern

6. August 2010, 17:17
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Fest- und Gesellschaftsspiele 6 - Von Andrea Schurian

Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen - diesen sehr einprägsamen und alltagstauglichen Merksatz nach Ludwig Wittgenstein könnte man für gelernte Österreicher noch erweitern: Worüber man keine Kenntnis hat, darüber soll man nicht schimpfen und raunzen.

Zum Beispiel dieser eine, sicherlich sehr gebildete, Herr mittleren Alters im Café Bazar in Salzburg. Interview mit einem der großartigsten zeitgenössischen Komponisten, Wolfgang Rihm. Auf dem Kaffeehaustisch eine deutsche Tageszeitung.

Nun betritt der Herr die Szene, outet sich als Zeitungs-Feinspitz und beginnt einen Disput über die Qualität der Tageszeitungen im Allgemeinen und die der österreichischen im Besonderen. Letztere, sagt er, lese er nie. Ob Innen-, Außen-, Wirtschaftspolitik: Qualitätszeitungen gebe es hierzulande nicht. Und, "ja, auch in Ihrem Standard" werde über Kultur zwischen nichts und viel zu wenig berichtet.

Warum weiß er das alles, wenn er die österreichischen Zeitungen nicht liest? Genau. Er weiß es nicht. Es ist schlicht ein Vorurteil, sollte nicht mit (durchaus berechtigter) Kritik verwechselt werden und ist als österreichische Infektionskrankheit unter dem Namen "Motschkern" bekannt. Klar. Verbesserungen sind immer nötig. Um die zu bemerken, sollte man die Zeitungen allerdings schon auch lesen. (Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.08.2010)

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