Österreichs Wikipedia-Lieferanten

6. August 2010, 17:22
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Jakob Dohr: Bundesliga und Bundespolitik - Christoph Breitler: Fehlersucher und Parasitenerklärer - Kurt Kulac: Wissensbefreier und Käferexperte

Angefangen hat alles mit 16, da besserte Jakob Dohr in einem Artikel über die Umbenennung des Liebenauer Stadions in Graz von Arnold-Schwarzenegger-Stadion in UPC-Arena einiges aus. Wenig später meldete er sich als offizieller Benutzer an. Er fragt sich selbst oft, warum er seit Jahren nicht von Wikipedia loskommt.

"Zum Teil macht man es deswegen gern, weil man aus einer Region kommt und Dinge von dort besser kennt" , überlegt Dohr. So sei er etwa mit dem Hauptartikel zum Grazer Fußballverein Sturm schlichtweg unzufrieden gewesen: "Ich hab gesehen, dass der Rapid-Artikel wesentlich besser war, also wollte ich, dass auch Sturm einen gescheiten bekommt." Es stecke viel mehr hinter dem Projekt Wikipedia, als man glauben würde: "Sehr viel Politik und Herzblut. Oft streitet man ewig mit anderen Nutzern, über ein einziges Zitat, ob es reingehört oder nicht. Neutralität ist eines der wichtigsten Prinzipien bei uns." Zu Dohrs Themenfeldern gehört aber auch Überregionales, denn neben der Arbeit an einer Liste aller steirischen Politiker, die je im Landtag saßen, widmet sich Dohr auch der Bundesliga und erstellte die Seite über Österreichs Bundespräsidenten. Dohrs Berufsziel: Journalist.

Fehlersucher und Parasitenerklärer

Christoph Breitler hatte seinen Erstkontakt mit Wikipedia, als er 2003 Rechtschreibfehler darin ausbesserte. In der Zwischenzeit hat er das virtuelle Lexikon unter anderem mit Wissen über den Erreger der Malaria gespeist. Seine Schwerpunkte sind Parasiten und Bakterien. Er ist auch im "echten" Leben Biologe. Als angemeldeter Autor hat man andere Möglichkeiten, aber auch mehr Verantwortung: "Es geht letztlich um Rückverfolgbarkeit" . Wie Kurt Kulac (siehe Artikel rechts) ist auch Breitler Gründungsmitglied des österreichischen Vereins. Das Gemeinsame bei Wikipedia sei wichtig und ein Garant für Qualität: "Es ist nicht so gedacht, dass jemand auf seinen Artikeln sitzt, es ist sogar so, dass man manchmal keine Lust hat, etwas allein zu schreiben, und am Ende sind die Artikel besonders informativ, neutral und gut aufgebaut, an denen besonders viele mitgearbeitet haben." Die totale Durchdringung, die das Lexikon aus dem Netz in wenigen Jahren in sämtlichen Lebensbereichen geschafft hat, könne man nicht hoch genug einschätzen. Breitlers Lieblingsbeispiel: Das Magazin RNA Biology publiziert wissenschaftliche Beiträge nur dann, wenn der betreffende Forscher auch bereit ist, seine Ergebnisse Wikipedia zur Verfügung zu stellen. 

Wissensbefreier und Käferexperte

Eigentlich ist Kurt Kulac Rechtsanwaltsanwärter, doch wenn man bei Wikipedia einfach nur das Wort Käfer eingibt, dann kommt man zu seiner wahren Leidenschaft. "Ich bin ein Hobbynaturwissenschafter" erzählt der Grazer, der 2008 den Verein Wikimedia Österreich in Graz gegründet hat. Wikimedia ist der Zusammenschluss von Wikipedia-Autoren in Österreich. Kulac ist von der Idee hinter Wikipedia überzeugt: "Es geht darum, Wissen frei zur Verfügung zu stellen, es zu befreien."

Insekten haben es Kulac angetan, über Käferfotografien kam er zum Onlinelexikon, bald fing er auch zu schreiben an, seinen ersten Artikel auf Wikipedia schrieb er 2004. Selbst bei der Erstellung von Seiten über Insekten sei es wichtig, neutral zu bleiben: "Auch da gibt es natürlich Expertenstreitigkeiten, es ist immer wichtig, in einem Artikel möglichst viele Standpunkte vertreten zu haben."

Kulac' Autorenschaft bei Wikipedia ist für ihn mehr als nur ein Hobby, mittlerweile verbinden ihn auch viele Freundschaften mit dem Verein, und er liebt die jährlichen weltweiten Treffen der Wikipedia-Leute: "Letztes Jahr war es in Buenos Aires, heuer in Danzig, nächstes Jahr fahren wir nach Israel" . (cms/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.8.2010)

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