Therapie fürs Fernsehen

6. August 2010, 18:43
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Hochwertige Online-Videos stellen fürs TV eine Konkurrenz dar - Firmen entdecken "Webisodes" als effizientes Marketingwerkzeug

Fiona Wallice ist vermutlich die schlechteste Psychotherapeutin der Welt. Sie ist arrogant, geldgierig und vor allem ungeduldig. 50-minütige Sitzungen? Zeitverschwendung. Wer sich von Fiona behandeln lässt, hat genau drei Minuten - und trotzdem nicht viel zu sagen: "Wenn Sie irgendwann einmal zu reden aufhören, würden Sie sehen, wie es funktioniert", unterbricht Fiona barsch, wenn der Patient nicht schnell genug zum Punkt kommt.

Web Therapy gehört zum amüsantesten, das der US-Serienmarkt derzeit hervorbringt. Sehen kann man die Folgen allerdings nicht im Fernsehen, sondern im Web - und zwar ausschließlich. Friends-Darstellerin Lisa Kudrow spielt die hantige Therapeutin bereits in mehr als vierzig Folgen, jede einzelne von ihnen ist nicht länger als sieben Minuten. Zur Therapie kommen inzwischen auch prominente Gäste, etwa Hollywood-Actrice Jane Lynch.

Professionalisierung von Webserien

Die Serie gilt als typisches Beispiel für die Professionalisierung von Webserien. Waren es früher mehrheitlich Amateurvideos, erleben die Webvideos gegenwärtig einen Qualitätssprung, der für das herkömmliche Fernsehen ernstzunehmende Konkurrenz bedeutet. Das hängt vor allem mit geänderten Sehgewohnheiten der (jugendlichen) Zielgruppe zusammen, die sich immer schwerer von Laptop oder Handy trennen will und mittlerweile auch das Fernschauen dorthin verfrachtet.

Webvideoberater Stefano Semeria verweist zudem auf geänderte Wahrnehmungsmuster: "Wer im Internet Bewegtbilder schaut, lässt sich nicht mehr passiv berieseln, er will sich mitteilen, austauschen. Das ändert die Wahrnehmung." Semeria berät mit seiner Agentur Allscreenz von Berlin aus internationale TV-Sender und Produktionsfirmen.

Marketingtool

Vor allem Firmen sehen die Chance, sich ein effizientes Marketingtool zu schaffen und investieren in "Webisodes". Semeria: "Online-Produzenten können ganz konkret auf bestimmte Zielgruppen zugehen und sie maßgeschneidert ansprechen. Das ist der Reiz für die Werbewirtschaft und macht Webvideo gegenüber Fernsehen spannend." Streuverluste sind so ausgeschlossen.

Von ihrer Machart unterscheiden sich die Kurzvideos dann oft nur noch in der Länge, nicht aber in der Qualität von hochwertigen TV-Serien. Web Therapy etwa wird finanziert vom Autohersteller Lexus, der auf seiner Online-Plattform "L-Studio" noch mehr Webserien zeigt.

Kein echtes Geschäftsmodell

Skeptiker zweifeln dennoch an der ökonomischen Tragfähigkeit der Webserien, zumal es noch kein echtes Geschäftsmodell dazu gibt. "Für die großen Produzenten sind die Verdienstmöglichkeiten noch zu gering. Bis jetzt sind das alles eher Experimente" , sagt Semeria. Wobei das kreative Potenzial nicht zu unterschätzen sei: "Die Innovationskraft im Netz ist viel höher, weil man im Vergleich zu TV-Serien mit weniger Budget versuchen muss, ein großes Publikum zu erreichen."

Noch schwieriger ist das bei selbstfinanzierten Projekten: Das Webmusical Dr. Horribles Sing-A-Long konnte 2008 als eine der Webserien die Produktionskosten einspielen. DVDs und Soundtrack sind ebenfalls zu haben. Synergien ergeben sich daraus in jedem Fall, wie auch Web Therapy zeigt: Showtime macht mit Lisa Kudrow eine TV-Serie: Mindestens zehn halbstündige Folgen kündigt der US-Sender für nächstes Jahr an. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.8.2010)

Nächster Teil: Beste Online-Serien

Zum Thema: STANDARD-Schwerpunktausgabe Digitale Welt

  • Online-Videoserien wie "Dr. Horribles Sing-A-Long" (oben) und ...
    foto: screenshot

    Online-Videoserien wie "Dr. Horribles Sing-A-Long" (oben) und ...

  • ...  Lisa Kudrows "Web Therapy" gefallen immer mehr.
    foto: screenshot

    ... Lisa Kudrows "Web Therapy" gefallen immer mehr.

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