Eine Albtraumspezies

6. August 2010, 16:36
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Mit "Generation X" wurde der kanadische Autor Douglas Coupland berühmt - In zwei Wochen erscheint sein neuer Roman "Generation A"

Über die Einsamkeit im digitalen Zeitalter und die Möglichkeit einer neuen Gesellschaft.

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Maisfelder sind wohl der größte Horror, den es auf dem ganzen Scheißantlitz dieser Erde zu sehen gibt. Und das meine ich nicht in einem Hier-wird-Joe-Pesci-mit-dem-Aluminiumbaseballschläger-totgeprügelt-Sinn, ich meine damit nicht Alien-Kornkreise und auch nicht zerstückelte Tramper. Ich meine es nicht mal in einem Abfallprodukte-von-Alien-Autopsien-werden-als-Kunstdünger-benutzt-Sinn. Nein, ich meine das in Hinsicht Big-Corn-Archer Daniels-Midland / Cargill / Monsanto-Fruktose / Isoglukose-Biomethanol. Mais ist ein gottverdammter Albtraum. Vor tausend Jahren war er bloß ein Grashalm mit einem einzigen lumpigen Samenkorn dran; heute ist er ein aufgeblähter, ellenlanger, buttriger Kohlenhydratdildo. Das muss man sich mal reintun: Maisstärkemoleküle sind anderthalb Kilometer lang. In den Siebzigern hat sich Big Corn ein paar neue Enzyme patentieren lassen, die diese Kilometer in eine Billion einzelner Fruktoseschnipsel zerhacken. Ein paar Jahre später sind diese frisch befreiten Fruktosemoleküle in die nationale Nahrungskette eingefallen. Zackbumm! Eine ganze Nation wird verfettet. Fakt ist, dass der menschliche Körper nicht dafür eingerichtet ist, Angriffen hochdosierter Fruktosesirupe zu widerstehen. Das Zeug gelangt in deinen Körper, und dein Körper sagt sich: Hmmm ... wandle ich das jetzt in Scheiße um, oder mach ich daraus Wabbelspeck? Au ja, Wabbelspeck! Mais stellt den Scheiße-Schalter aus. Und wie reagiert die Stärkeindustrie darauf? Wie bitte - wir? Wir sollen mit schuld sein an der Fettsuchtepidemie? Ist doch absurd, Mann. Die Leute essen seit den Achtzigern einfach mehr zwischen den Mahlzeiten. Und jetzt sei still und trink schön deine Coke mit der neuen Formel.

Geiler Mähdrescher

Mann, Menschen sind die absolute Albtraumspezies. Wir verdienen wirklich alles, was wir uns selbst antun. Aber wer zum Teufel lässt sich mitten in einem Maisfeld in Mahaska County, Iowa, auf einem Mähdrescher von einer Biene stechen? Ich Idiot. Herzlich willkommen in Oskaloosa übrigens, mit all den Sehenswürdigkeiten, die den Ort zu einem lohnenden Ausflugsziel machen. Hier gibt es für jeden etwas, angefangen beim historischen Marktplatz über das Kulturzentrum, die preisgekrönte Stadtbücherei bis zur William-Penn-Universität und drei Golfplätzen.

Das meiste vom letzten Absatz hab ich im Internet geklaut. Was die Homepage der Stadt zu erwähnen vergaß, ist die Meth-Küche ("Labor" klingt so nach Cletus & Brandeen) meines Vaters, die vor ein paar Jahren von der DEA ausgehoben wurde. Dad und die Drogenfahndung sind nie gut miteinander ausgekommen.

Vor sechs Jahren klaute mein Vater mal völlig verstrahlt in einem Anfall von Paranoia den Büchereibus, dessen Überreste er dann im Sandbunker des vierzehnten Lochs auf dem berühmten Edmundson Park and Golf Course versenkte. In der irrigen Annahme, Überwachungstechnologie der DEA zu vernichten, zündete er den Wagen an und verlor daraufhin seine Augenbrauen, seinen Führerschein, seine Freiheit und sein Besuchsrecht bei meinen beiden Halbschwestern, die in Winnebago County leben.

Kaum raus aus dem Knast, ging er gleich wieder an die Arbeit, und als seine Meth-Küche gebustet wurde, grillte eine herumfliegende Dose kochenden Toluols seinen Hinterkopf. Er verbrachte sechs Wochen im Gefängniskrankenhaus, bis er halbwegs wieder auf den Beinen war. Mein Onkel Jay, Rechtsanwalt und Händler für Emissionszertifikate in Palo Alto, konnte die Kaution überweisen und flog Dad zwecks Therapie seiner Zwangsstörung nach Kalifornien ein. Dad fing sich im Flugzeug an schlecht gereinigten Kopfhörern antibiotikaresistente Staphylokokken ein, die seine Brandwunden infizierten; bis zur Landung auf dem San Francisco International war ungefähr ein Viertel seines Kopfs zerfressen. So begruben wir Dad, Onkel Jay verkaufte die Hälfte der Farm, und ich bekam dafür von ihm Maizie, den geilsten Mähdrescher der Welt.

Seit damals schickt Onkel Jay mir einen recht großzügigen Gehaltsscheck dafür, dass ich das Meth-Kochen sein lasse (und nicht den Weg meines Daddys gehe), eine relativ ruhige Kugel schiebe, während ich mich um die Felder kümmere und regelmäßig vor den Augen des unheimlichsten rumänischstämmigen Laborassistenten in ganz Iowa in einen Erlenmeyerkolben pisse (nur für den Fall, dass ich die ersten beiden Bedingungen unserer Vereinbarung vergessen haben sollte). Der Urin wird an Ort und Stelle untersucht, um zu klären, ob ich nicht seit dem Dienstag davor irgendwem die Hand gegeben habe, der einen mit Mohn bestreuten Bagel gegessen hat. Es ist nicht direkt ein Vergnügen, wie ein gesperrter Olympionike behandelt zu werden, aber Onkel Jay macht Cleansein zur Bedingung dafür, dass ich Maizie behalten kann. Echt, jeder, den ich kenne - die gesamte Nation -, ist pausenlos auf Droge, dumm wie Dreck und hat lebensgefährliches Übergewicht. Normalerweise wär ich der perfekte Kandidat für alles drei gewesen, nur darf ich erstens keine Drogen nehmen, wenn ich meinen Scheck will, zweitens bin ich nicht komplett verblödet und doch zumindest flüchtig am Weltgeschehen interessiert, und drittens halte ich Mais für das Böse schlechthin.

Echtzeitsatellitenkamera

Okay, hier ist das, was ich bei der Geschichte mit der Hausdurchsuchung unterschlagen habe: Die DEA fand außerdem noch eine Kräckerdose im Retrodesign, in der sich die Zeigefinger zweier Toter befanden. Dad hatte sie benutzt, um einem schon lang laufenden Scheckbetrug Glaubwürdigkeit zu verleihen, aber es gab noch einen dritten Finger, den ich wenig später einer Computerwartungstechnikerin der DEA, einem Mädchen namens Carly verkaufte, das einen eigenen Schwindel laufen hatte. Im Tausch gegen den Finger gab sie mir einen Mörderblowjob und Zugriff auf die geostationären Echtzeitüberwachungssatelliten der DEA. Es hätte von meiner Seite durchaus was Längerfristiges mit Carly werden können, doch sie verlangte, dass ich mir meinen Pferdeschwanz abschneide und ihn Locks of Love spende. Und tschüss, Carly! Warum ich Zugang zu einer Echtzeitsatellitenkamera haben wollte? Für meine Kunst natürlich.

An dem Tag also, an dem ich von dieser verdammten Biene gestochen wurde, war ich draußen mit Maizie, einem derart luxuriösen Mähdrescher, dass ein Kreuzfahrtschiff für Schwule daneben arm aussehen würde. Ich war nackt, und warum nicht! Die ergonomisch eingerichtete Fahrerkabine war voll klimatisiert; ihr aus einem Stück gefertigter Rahmen, Gummidichtungen und schallabsorbierende Materialien reduzierten den Geräuschpegel auf nahe null. Rundumverglasung ließ mich einen Besucher früh genug auf meine Farm kommen sehen, um mir schnell ein Paar Shorts überzuziehen.

Ich hatte meine vier Plasmafernseher laufen, auf 1 die NFL, auf 2 irgend so eine durchgeknallte koreanische Gameshow, in der die Leute Tierkostüme trugen, um Preise zu gewinnen, die wie aufblasbare Plastikbuchstaben aussahen, auf 3 die Echtzeitansicht der DEA von meiner Farm und auf 4 eine Satellitenverbindung zu einem Freak namens Charles, der bei BBDO in Singapur arbeitet, wo er Werbeminuten für das Satellitenfernsehen einkauft. Charles zahlt mir hundert Dollar die Stunde dafür, mich nackt in meiner Fahrerkabine arbeiten sehen zu können. Hatte ich vergessen, das zu erwähnen? Willkommen in der New Economy. Wenn ich noch ein paar Extraeinnahmen damit machen kann, irgendeinen Schnuckel auf der anderen Erdhalbkugel aufzugeilen, wisst ihr was? Da bin ich dabei! Charles, mach deinen Reißverschluss auf. Hosen von Zegna, und das weiß ich, weil ich dein geheimes Online-Profil lese: lions-and-tigers-and-bears@labelwhore.org. Wie dem auch sei, der sexuelle Teil von Charles' Tagesprogramm schien erledigt zu sein, und wir beide unterhielten uns. Charles lästerte insbesondere über den Staat Iowa und nannte ihn den "Rechteckstaat" . Ich belehrte ihn sofort, dass genau genommen Colorado der rechteckige Staat ist. Charles meinte dazu: "Gut, die Gesamtform ist zwar rechteckig, aber wenn du dir eine Karte mit den Countys von Colorado anguckst, sieht das aus wie ein Haufen Papierfetzen, die von Vorschulkindern aneinandergelegt worden sind, während Iowa in genau sorgfältig ausgerichtete Rechtecke unterteilt ist."

Keine Bienen

Wichtiger aber war, dass ich über diese Echtzeitkamera mein heutiges Meisterwerk im Auge behielt, einen vier Hektar großen Schwanz mit Eiern, den ich in den Mais mähte, um ihn als längst überfälliges Dankeschön an Gott zu schicken, weil er dafür gesorgt hatte, dass ich ausgerechnet in das kulturelle Äquivalent einer dieser Maschinen reingeboren wurde, mit der sie in Baumärkten die Farbe durchschütteln. Ich musste in diesem Jahr Onkel Jay nicht mit hohen Ernteerträgen beeindrucken - das gesamte Getreide war mit einem Gen kontaminiert, an dem zwar keine Bienen (das war Geschichte), dafür aber Motten und Wespen eingingen. In einer Anwandlung von Gemeinsinn hatte die Stärkeindustrie beschlossen, die Ernte zu vernichten. Ich war nicht übermäßig sauer - man musste die gute Seite sehen: Subventionen! Daher konnte ich diese Scheißstängel ummähen, wie ich Lust und Laune hatte. Der verhängnisvolle Augenblick kam, kurz nachdem mir Charles von einem Lap-Dance erzählt hatte, den er in der Vorwoche in einem Nachtklub mit Pre-op-Transen gewonnen hatte. Eins von Maizies Fenstern klapperte leicht, also rüttelte ich an den Scharnieren. Ich öffnete und schloss es, und, zackbumm, dabei wurde ich gestochen. (Douglas Coupland, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.08.2010)

Douglas Coupland, "Generation A" . Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. € 20,40 / 333 Seiten. Tropen bei Klett Cotta, Stuttgart 2010 (Erscheint am 20. 8.)

Zum Thema: STANDARD-Schwerpunktausgabe Digitale Welt

  • Keine Bienen, keine Liebe und eine Welt der Pharmaindustrie und des 
Wahnsinns:Douglas Coupland.
    foto: klett cotta

    Keine Bienen, keine Liebe und eine Welt der Pharmaindustrie und des Wahnsinns:Douglas Coupland.

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