"Die Begeisterung für die Möglichkeiten im Netz ist noch immer gleich groß"

6. August 2010, 17:06
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derStandard.at wurde 1994 in der Wiener "Bierklinik" geboren - 16 Jahre später diskutierte sich die gleiche Beislpartie zurück in die Zukunft des Internets

Thomas Seifert dozierte im Stehen. Es war ein kalter Novembertag 1994. Reporter Seifert, damals bei "Der Falter" tätig, kam gerade aus den USA und stieß erst später zur geselligen Runde der STANDARD-Archivare Gerlinde Hinterleitner, Klaus Weinmaier, Sascha F. Zeller und der STANDARD-Redakteurin Eva Linsinger dazu. Die eingeschworene Gemeinschaft der Archivare war gerade auf der Suche nach neuen Möglichkeiten: "Ich war kurz vor dem Absprung", so Weinmaier. Hinterleitner: "Uns war fad. Wir waren offen und bereit für neue Herausforderungen". Da kam Seifert mit seinen Erfahrungen gerade recht.

Er erzählte vom "hot new thing" in den Staaten, wo gerade das "Time Magazine" und die "New York Times" online gingen. Wow. World Wide abrufbar zu sein, das war plötzlich möglich. Im engen Raum am rustikalen Stammtisch in der Wiener Innenstadt erweiterten sich die Pupillen. Nur: Wie den STANDARD ins Internet bringen?

Es bedurfte einer raschen Recherche. Freilich mit Old-School-Methoden wie dem Telefon. Ein ca. 80-seitiges Buch zur Einführung ins Netz wurde angeschafft, über Seifert wurden die richtigen Kontakte hergestellt. Man marschierte zunächst zu Gudula Feichtinger von der Firma Ping, die die Zauberworte sprach: "Ein Modem muss her!" "Modem setzt sich zusammen aus Modulator und Demodulator, vom sendenden Modem wird ein digitales Signal aufmoduliert, vom empfangenden Modem wird daraus die ursprüngliche Information zurückgewonnen", erklärte das schlaue Buch. Ein 14,4er sollte es werden und dazu ein 286-er Computer. Oder war es ein 386-er? Was-weiß-der-Stammtisch.

Fehlte nur noch ein Programmierer. Es gab da einen bei Apple ließ man sich sagen: Thomas J. Volgger. Dieser wurde mit gehörigem Respekt aufgesucht. Die Tür von Apple blieb jedoch zunächst verschlossen. "Einmal versuchen wir's noch", dachte Hinterleitner und tatsächlich öffnete Volgger, der gerade auf dem WC gewesen war, die Pforten. Er musste nicht lange überredet werden, die IT-Messe "Global Village", die in Wien geplant war, stand ins Haus, dafür wollte er das Projekt "Online-Standard" umsetzen. Ein knappes halbes Monat war Zeit. Der damalige STANDARD-Verlagsleiter Michael Sedivy fing ebenfalls Feuer, als er hörte, dass die Zeitung "weltweit abrufbar" werden könnte, und machte 10.000 Schilling locker, jenen weltliche Lohn, den der "HTML-Guru" haben wollte. Am 2. Februar 1995 war man dann online.

Back to the Future

16 Jahre später treffen einander Seifert, Hinterleitner und Weinmaier wieder im gleichen Lokal (Linsinger kam später nach, Zeller war verhindert). Seifert ist in der Zwischenzeit bei der "Presse" gelandet, Hinterleitner ist Chefin von derStandard.at, Weinmaier ist dort Content Solutions-Guru. Auf dem Tisch liegen drei smarte Handies und ein iPod.

Diesmal doziert Seifert im Sitzen. Er komme gerade aus Singapur ("weiß ich eh über Facebook", wirft Weinmaier ein) und habe dort eine neue Erfahrung gemacht: In einem technischen Museum in der Kinderabteilung sei ihm ein "Elektroden-Dingsbums" aufgesetzt worden mit welchem er ein Auto über seine Gedanken steuern konnte. Es habe zwar nicht perfekt funktioniert, zeige aber, was sich in den vergangenen 20 Jahren verändert habe. Damals spielten die Kinder mit zwei Strichen und einem Punkt Tennis, heute bewegen sie per Gedanken echte Dinge oder real wirkende 3-D-Animationen.

Während Hinterleitner darüber sinniert, wie toll es wäre, sich einfach nur zu denken, man wolle nach Brünn fahren und das Auto setzt das automatisch um, und Weinmaier sich an sein erstes Computerspiel "Panzerschlacht" erinnert, redet sich Seifert an diesem kühlen Sommerabend warm. Über den BBC-Podcast habe er heute gehört, dass die Datenmenge im Netz gerade ein Zettabyte erreicht. Der Computer, mit dem DER STANDARD online ging, hatte damals im Bestfall einen Arbeitsspeicher von 4 Megabyte, jedes "Pimperl-Handy" hat heute ein Vielfaches von dem.

Ab wann hat sich das Internet durchgesetzt? "Die Killer-Applikation war E-Mail", ist Seifert überzeugt. Als die Faxgeräte in den Redaktionen aufhörten zu rattern. "Heute hat man in jedem polnischen Kaffeehaus und in jeder noch so abgelegenen Strandbar in Griechenland Internet-Zugang und kann seine Mails checken", schwärmt. Seifert, der sich zwischendurch einen Almdudler bestellt, nickt zustimmend und berichtet aus der Provinz in Ghana und Indien, wo er bestens connected war. Stichwort: Almdudler: Weinmaier schränkt ein, dass der Empfang in Österreichs Alpen mit bestimmten Providern noch zu Wünschen übrig lässt und dass er beim Bergsteigen immer ein Zweit-Handy in der Tasche hat.

"Die mobilen Endgeräte wachsen einem immer mehr ans Herz", so Seifert, der stolz darauf ist noch kein iPad zu besitzen, weil er diesmal nicht zu den "early adopters" zählen will. Mittlerweile müsse man sich aktiv Refugialräume suchen, um Zeit zur Reflexion zu haben. Weinmaier: "Die große Gefahr bei iPhone oder iPad ist die unmittelbare Zugänglichkeit, weil man keinen Rechner mehr hochfahren muss."

Spannend findet Seifert die Diskussion um die "brain augmentation": "Detailwissen schwindet, mit einem Fingertipp kann man jede Frage dieser Welt schnell beantworten." Gerade Letzteres findet Hinterleitner jedoch so toll, weil es die Qualität einer Unterhaltung erhöhe.

Aber hat das Internet auch die Qualität des Journalismus verbessert? "Die Neuen Medien haben durch die Userbeteiligung mit Sicherheit dazu geführt, dass die Idee des allwissenden Journalisten kollabierte", meint Seifert und findet das auch gut so. Hinterleitner denkt schon weiter in die Zukunft: "Texte werden Passagen beinhalten, in denen der Autor seine Änderungen kennzeichnet oder dem User seine Zweifel transparent darlegt."

Während man sich am Tisch nicht wirklich darüber einig ist, ob Postings für einen Artikel tatsächlich einen Mehrwert haben, weil viele davon vernachlässigbar seien, beschreibt die Online-Chefredakteurin den Idealfall: "Aus dem Zusammenspiel von dem, was der Journalist geschrieben hat und dem was die User dazu schreiben, bekommst du ein besseres Bild als das, das du vorher bekommen hast. Der Nicht-Insider bekommt insgesamt einen besseren Journalismus geboten." Die Herausforderung für die Medien werde sein, die Kommunikation mit dem User auf kluge Art einzubauen, so Seifert.

Einigkeit herrscht am Tisch darüber, dass der Hype rund um das Internet noch lange nicht vorüber ist. Hinterleitner: "Die Begeisterung für das Netz ist bei mir noch immer gleich groß wie damals als wir zum ersten Mal weltweit abrufbar waren." Die große Frage werde sein, wie es uns verändert, wenn Dinge wie das iPad immer näher an uns heranrücken. Seifert: "Man merkt ja heute wie die jungen Leute super professionelle Poser sind. Damals gab es die Bewegung der Volkszählungsverweigerer, die keine Daten hergeben wollte. Heute stellen alle freiwillig ihre Daten ins Netz."

Einen Unterschied zu damals machen die Diskutanten noch fest: Früher machte das Internet über das Modem noch einen Ton ("Zdoing zdoing"), heute ist es nur mehr stummer Diener. (Rainer Schüller/derStandard.at/Langfassung, 07.08.2010)

  • Die gleiche Beislpartie wie anno 1994 diskutierte heuer wieder über die Zukunft des Internets.
    foto: derstandard.at

    Die gleiche Beislpartie wie anno 1994 diskutierte heuer wieder über die Zukunft des Internets.

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