EU: Internetboom bringt eine Million neue Arbeitsplätze

6. August 2010, 19:09
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Kommissarin Neelie Kroes darüber, wie die nächste Generation der Googles und Skypes in Europa starten kann

Die nächste Generation der Googles und Skypes müsse die Chance haben, in Europa zu starten, zu wachsen und zu bleiben. Dafür will sie Voraussetzungen schaffen, sagt Neelie Kroes im Interview mit Thomas Mayer.

Standard: Frau Kroes, erinnern Sie sich an den Tag, als Sie zum ersten Mal online gingen, was war ihre erste Erfahrung damit?

Kroes: Meine erste Erfahrung machte ich über meinen privaten E-Mail-Account. Inzwischen bin ich natürlich etwas stärker involviert.

Standard: Wie fühlt sich das Internet aus ihrer Sicht an, mehr oder weniger zwanzig Jahre nach der allgemeinen Einführung?

Kroes: Bei mir sind es noch keine zwanzig Jahre. Jedenfalls fühlt es sich viel bequemer an. Ich habe zum Beispiel auf meinem Telefon Zeitungsanwendungen und Twitter, einen Blackberry, der wunderbar ist für E-Mails. Also, ich bin dankbar für die neuen Möglichkeiten. Zum Beispiel rufe ich manchmal meine Enkelinnen via Internet an und wir können uns und dann per Video sehen, was großartig ist, weil ich sie persönlich nicht so oft treffen kann. Meine Hoffnung ist, dass alle Europäer diese Möglichkeiten bekommen. Wenn wir mit unserer Digitalen Agenda für Europa (DAE), meinem Fünf-Jahres-Programm, erfolgreich sind, dann wird das der Fall sein.

Standard: Ändert sich Ihrer Wahrnehmung nach unser Verständnis des Privaten?

Kroes: Das Internet hat jeden Aspekt unseres Lebens verändert. Es hat es viel leichter gemacht, unsere privaten Informationen zu teilen. Oft sind Leute sich nicht bewusst, wie sehr ihre persönlichen Daten sichtbar sind, wenn sie sie ins Web stellen. Mir erscheint es wichtig, dass die Bürger ihre eigene Verantwortung verstehen und wahrnehmen, und dass sie Vorsorge treffen, wenn sie private Informationen austauschen. Aber sie sollen sich auch für eine große Offenheit entscheiden können, wenn es um Zugang zu vielfältigen und innovativen Medien und Diensten geht, oder zu gezielter Information, die oft nur durch Werbung getragen werden.

Standard: Oder die zu Missbrauch von Daten führt.

Kroes: Natürlich gibt es Verpflichtungen für jene Organisationen, die persönliche Daten sammeln und verarbeiten, wie das in EU-Richtlinien und nationalen Gesetzen geregelt ist. Letztes Jahr hat die Union ihre „ePrivacy- Directive" modernisiert, die den Schutz des Privaten für den Sektor der elektronischen Kommunikation zugrunde legt. Das umfasst Telekoms und Internet-Provider. Jetzt erneuern wir gerade die allgemeine Datenschutzrichtlinie. Ziel dabei ist es, die Datenschutzregeln an die neuen technologischen Herausforderungen anzupassen, im nächsten Jahr Legislativvorschläge auf den Tisch zu legen.

Standard: Das WorldWideWeb wurde vom Briten Tim Berners-Lee am Forschungszentrum CERN bei Genf erfunden. Zwanzig Jahre später sind praktisch alle wichtigen Spieler im Netz US-Firmen. Ist Europa genetisch unfähig, seine eigenen Erfindungen der allgemeinen und kommerziellen Nutzung zuzuführen?

Kroes: Das ist wohl wahr, auch auf dem Gebiet der ICTs, der Informations- und Kommunikationstechnologien. Und es ist erstaunlich, angesichts der exzellenten Forscher, die wir haben. Denn Europa ist industriell und technologisch auf wesentlichen Gebieten eindeutig führend, wie bei Telekommunikationsausrüstung und -dienstleistungen, bei eingebundenen Computersystemen, in der Businesssoftware, bei Photonics, optischer Technologie, bei Industrierobotern zum Beispiel. Auch in der Nanoelektronik. Europa hat sehr starke Aktiva in Technologie und Kreativität, wir kennen viele erfolgreiche Online-Businesses, die in Europa entstanden sind. Aber Europa könnte viel mehr tun um die Bedingungen zu verbessern, die Innovation begünstigen und zu einem Wachsen der Kleinbetriebe führen. Das würde einen digitalen Binnenmarkt erfordern, die Schaffung einer verbesserten und sicheren Breitband-Infrastruktur, die Anregung von Innovation durch neue Geschäftsmodelle, und vor allem die Entwicklung neuer Anwendungen, ebenso die Verstärkung der Forschungsanstrengungen.

Standard: Davon spricht man aber in der Union seit gut zehn Jahren, bisher mit mäßigem Erfolg.

Kroes: Das ist der Grund, warum die EU-Kommission das in Angriff nehmen wird. Die Herstellung eines voll funktionierenden digitalen Binnenmarktes bis zum Jahr 2015 ist ein Hauptziel unserer Agenda. Wir werden enge Zusammenarbeit von öffentlichem Sektor und der Industrie ermuntern um sicherzustellen, dass die europäische Forschung nachfrage- und anwendergetrieben ist. Was die Zukunft des Internet betrifft, werden wir öffentlich-private Partnerschaften einrichten. So werden wir hoffentlich mehr private Investitionen in Forschung und Entwicklung bekommen. Schließlich wird die Kommission offene Plattformen unterstützen, ebenso wie Standards für neue Produkte und Dienstleistungen. Wir sind zuversichtlich, dass diese Anstrengungen die Innovation in Europa fördern werden, speziell auf Gebieten, wo wir im Rückstand sind. Schließlich wird das sicherstellen, dass unsere Wirtschaft auf den globalen Märkten wettbewerbsfähig bleibt, damit wir zurückkehren in die Führungsposition.

Standard: Die Entwickler von Skype, so wie viele andere Start-ups, mussten in die USA gehen, um Erfolg zu haben. Warum ist es für neue Ideen und Firmen in Europa so schwierig?

Kroes: Europa ist wie ein Bienenstock an kreativen Unternehmern und Forschern. Wir sind Spitze bei Ideen, aber wir wandeln das oft nicht in kommerziellen Erfolg um. Die meisten unserer Patente kommen kommerziell nie auf die Beine. Würden die Dinge in Europa ordentlich laufen, würden sich Start-ups nicht gezwungen sehen, nach Übersee zu gehen oder sich ihr finanzielles Backing anderswo zu besorgen. Idealerweise würden sie Jobs schaffen und das in ihrer Heimat erreichen. Aber unglücklicherweise passiert das noch nicht. Aber Europa muss seinen Lebensstandard absichern, also sollten wir uns mit den Fakten konfrontieren und daraus auch die Lehren ziehen.

Standard: Welchen Schluss ziehen Sie daraus?

Kroes: Europas zersplitterter Markt, insbesondere die Online-Märkte, aber auch bei anderen Dienstleistungen, behindern die Unternehmen. Sie können nicht leicht aufsteigen. Bürokratie, Papierkrieg und unbewegliche Arbeitsmärkte können dieser Art von Unternehmen viele Probleme machen. Was ich nicht will ist, dass viele gut gemeinte Gesetze und Regelungen uns am Ende schaden. Ich will eine Balance finden, damit die nächsten Googles und Skypes die Chance haben, in der EU zu starten, zu wachsen und zu bleiben.

Standard: Was können sie konkret dazu beitragen?

Kroes: Den Einheitlichen Europäischen Zahlungsraum (SEPA) zu vervollständigen ist ein naheliegender Schritt. Der wird es allen Unternehmen, vor allem den kleinen, erleichtern, elektronische Zahlungen und Inkasso über alle nationalen Grenzen hinweg mit sicheren und effizienten Zahlungsmethoden abzuwickeln. Die Verpflichtung unserer Digitalen Agenda zur Verbesserung des eGovernments zielt darauf ab, sicherzustellen, dass Firmen weniger Zeit brauchen, um administrative Prozeduren abzuwickeln und um neue Geschäftsmöglichkeiten zu gewinnen. Im Speziellen geht es dabei um die volle Umsetzung der EU-Regeln zu eProcurement, eIdentification und eAuthetication, wie das heißt. Bei grenzüberschreitenden Dienstleistungen eröffnet das viele neue Möglichkeiten, Geschäfte über den einheitlichen Währungsraum des Euro hinaus zu tätigen. Bis zum Jahr 2011 sollten sich die EU-Staaten auf eine gemeinsame Liste von grenzüberschreitenden öffentlichen Dienstleistungen verständigen, konkret elektronische Zertifikate, die man braucht, um als Auftragnehmer bei Beschaffungsprozessen anerkannt zu werden. Das wird Unternehmer in die Lage versetzen, ein Geschäft irgendwo in Europa durchzuführen, unabhängig vom eigenen Standort. Solche Dienstleistungen sollten ab 2015 online verfügbar sein.
Ich sage laut und deutlich: Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologie sind mit einer Menge von Vorabkosten verbunden. Wir versuchen das zu reduzieren, um den Nutzen, den sie haben, attraktiver zu machen. Gleichzeitig dränge ich die Unternehmer, die Möglichkeiten zu ergreifen, damit wir alle gemeinsam vorankommen.

Standard: In ihrer Agenda kündigen sie auch andere, sehr konkrete Ziele an, etwa die Garantie, dass bis 2013 alle Europäer Breitbandanschluss haben sollen, oder in zehn Jahren eine Mindestgeschwindigkeit von 30 Megabit pro Sekunde gelten soll, und das, obwohl Staaten seit der Telekomderegulierung nicht mehr im Geschäft des Netzwerkbaus sind, und obwohl die meisten Online-Entwicklungen praktisch über Nacht und von Privaten angestoßen wurden. Machen solche 5-Jahres-Pläne von Kommission und Staaten überhaupt noch Sinn?

Kroes: Die Breitbandnetzwerke von heute haben den gleichen revolutionären Effekt wie die Entwicklung der Elektrizität oder der Transportwege im vergangenen Jahrhundert und davor. Sie ändern die Art, wie wir leben, arbeiten, Geschäfte machen, und wie die Leute kommunizieren. Der ICT-Sektor macht bereits fünf Prozent der Wertschöpfung in Europa aus. Jüngste Studien zeigen, dass eine raschere Entwicklung der Breitbandtechnologie eine Million Arbeitsplätze schaffen kann, ein wirtschaftliches Wachstum von 850 Milliarden Euro bis zum Jahr 2015.

Standard: Worin sehen sie die Aufgabe der öffentlichen Hand dabei?

Kroes: Unglücklicherweise können diese Breitbandnetzwerke nicht über Nacht geschaffen werden. Es braucht jahrelange Vorbereitung und Planung, ebenso beträchtliche Mengen an Kapital. Der private Sektor ist nicht sehr erpicht darauf, in schnelle Datennetze außerhalb der dicht besiedelten Gebiete zu investieren, wie wir sie in den städtischen Zentren finden. Unsere Agenda zielt darauf ab, private Investitionen zu stimulieren, sodass Europa gegenüber seinen größten Mitbewerbern in der Welt nicht zurückfällt. Es ist daher nicht genug, Fünf- oder Zehn-Jahres-Pläne zu zeichnen. Wir würden unsere Bürger im Stich lassen, würden wir uns zurücklehnen und sagen, die Dinge werden sich schon irgendwie von selbst regeln. Die Agenda zielt darauf ab sicherzustellen, dass die nötigen Konditionen geschaffen werden, damit niemand von der digitalen Welt ausgeschlossen wird und alle Bürger und Firmen die digitale Technologie nützen können.

Standard: Bisher kochen die Staaten dabei ihr eigenes Süppchen. Wie wollen sie das beenden?

Kroes: Wir brauchen klare Bedingungen für die Unterstützung durch den öffentlichen Sektor bei diesen Investitionen. Wir brauchen Finanzinstrumente, die auf die Risken solcher Investitionen zugeschnitten sind, und wir brauchen eine Übereinkunft von nationalen und lokalen Regierungen, damit die administrativen Hürden abgebaut werden, die die Errichtung solcher Netzwerke behindern.

Standard: Wie stehen Sie zur Netzwerkneutralität, dem Recht der User und Dienstleister festzulegen, auf welche Weise sie ihre Internetanbindung verwenden, im Gegensatz zum Recht der Netzanbieter, bestimmte Dienste gegenüber anderen zu priorisieren, oder Aufschläge zu verlangen, wie bei Skype?

Kroes: Die Debatte darüber ist in den vergangenen Monaten intensiv angewachsen. Mein Standpunkt ist, dass das Internet offen und neutral sein sollte. User sollten in der Lage sein, Zugang zu den Inhalten zu bekommen, den sie wollen. Gleichzeitig sollten aber auch Anbieter und Betreiber solcher Inhalte die richtigen Anreize bekommen um innovativ zu bleiben. Um die richtige Balance zwischen den verschiedenen Interessen herauszufinden, hat die Kommission vor kurzem ein Konsultationsverfahren zu offenem Internet und Netzneutralität gestartet. Wir werden den Bericht über die Ergebnisse an das Parlament und den EU-Rat weiterleiten. Wir haben alle Betroffenen eingeladen, darunter die großen Internet- und Telecom-Unternehmen, Inhaltsanbieter, Medien und TV-Betreiber, Vertreter der Zivilgesellschaft, damit sie uns ihre Ansichten mitteilen, ob Anbieter Dienste priorisieren dürfen sollen oder ob es da Probleme einer unzulässigen Diskriminierung gibt, speziell bei Diensten von Netzwerkbetreibern und deren Tochterunternehmen. Sie sollen uns sagen, ob eine solche Praxis Probleme für die User bringt, und ob die geltenden EU-Regeln ausreichen, die Konsumenten zu schützen. Wir erwarten uns Input von allen Seiten, sodass wir diese Themen sorgfältig und möglichst objektiv prüfen können, und herausarbeiten können, welche Maßnahmen nötig sind.

Standard: Offene Daten setzen voraus, dass Regierungen, inklusive die EU-Institutionen, raschen Zugang zu Informationen geben. Derzeit ist das schwierig bis unmöglich. Wie entgegenkommend sind Regierungen, was hält die Kommission davon?

Kroes: Europäische Bürger verlassen sich auf Produkte und Dienste, die auf riesigen Mengen an Information fußen, die von öffentlichen Einrichtungen produziert, gesammelt und ausgetauscht werden. So ist das beim Navigationssystem, bei der Wettervorhersage, und bei Finanz- und Versicherungsleistungen. Aber trotz des ökonomischen Wertes dieser Daten, geschätzte 27 Milliarden im vergangenen Jahr, fanden wir heraus, dass die meisten schwer zugänglich sind oder nicht weiterverwendet werden. Die Position der Kommission ist, dass wir noch mehr Zugang zu Daten im öffentlichen Sektor erreichen sollten. Das könnte zusätzlicher Antrieb sein für den Inhaltsmarkt in Europa, auch das bringt Wachstum und Jobs. Wir werden auch dazu noch dieses Jahr ein Konsultationsverfahren von Stakeholdern in Gang setzen. Es geht um die EU-Richtlinie zur „Weiterverwendung von Informationen des öffentlichen Sektors". Wenn nötig, werden wir Vorschläge machen, wie die Richtlinie im Jahr 2012 modifiziert werden soll.

Standard: Auch dazu gibt es eine Menge von hehren Absichtserklärungen der Staaten, aber keine Aktion.

Kroes: Im November 2009 haben die Mitgliedstaaten zwei Erklärungen angenommen, wo sie übereingekommen sind, Daten frei zugänglich zu machen und in ein offenes maschinenlesbares Format zu bringen, zum Nutzen des Unternehmertums, der Forschung und der Transparenz. Es gibt also einen hohen Grad an politischer Übereinstimmung. Aber jetzt ist es Zeit, dass die Regierungen ihre Versprechungen einlösen. Einige Länder gehen voran. So hat Großbritannien im Jänner 2010 einen einzigen Online-Zugangspunkt für nicht-persönliche Daten eingerichtet, über die die Regierung verfügt, zu finden auf www.data.gov.uk .Andere Staaten und Regionalregierungen folgen diesem Beispiel. Aber da ist noch jede Menge Raum für Verbesserungen. Da wir selber tun sollten, was wir predigen, wird auch die Kommission Wege suchen, wie wir auf diesem Gebiet vorangehen können, um unsere eigenen Informationsquellen umfassender und leichter zugänglich zu machen.

Standard: Im Gallo-Bericht des EU-Parlaments wird verlangt, dass Netzanbieter die Behörden alarmieren sollen, wenn Verstöße gegen das Copyright durch die User vorliegen. Wie stehen Sie dazu?

Kroes: Die Online-Piraterie zu bekämpfen ist für die Kreativindustrie eine entscheidende Sache. Die Netzteilnehmer haben dazu eine sehr unterschiedliche Sichtweise, wie man das Recht auf geistiges Eigentum im digitalen Zeitalter besser regeln soll. Alle sind sich einig, dass wir mehr Bewusstsein brauchen bezüglich der Bedeutung von Rechten auf geistiges Eigentum, und die Konsequenzen für deren Raub. Alle Maßnahmen müssen die Interessen von Rechteinhabern und Benützern fair ausgleichen, speziell was ihr Recht auf Information und Privatsphäre betrifft. Um die beste Lösung sicherzustellen, wird es dazu einen umfassenden Dialog über das Copyright geben, mit einem Fokus auf digitale Inhalte. Ich gehe das offen an, ohne ein Problem oder eine Lösung auszuschließen. Am Ende werden wir an einer Stärkung des geistigen Eigentums arbeiten und die relevanten Gesetze überprüfen. Die Kommission wird an brauchbaren Lösungen arbeiten, um das Copyright auf EU-Ebene zu stärken.

Standard: Sollten User das Recht haben, die Löschung von persönlichen Daten und Informationen über sie zu verlangen? Oder anders gesehen, gibt es das Recht für Dritte zu wissen, welche Art von personenbezogenen Informationen auf legalem Wege online verfügbar gemacht wurden?

Kroes: Ich glaube, dass persönliche Daten nur uns selbst als Individuen gehören, und niemand anderem. Deshalb haben nur wir das Recht zu entscheiden, was damit geschieht, sie an die Öffentlichkeit zu bringen, ob das nun online oder in der Offline-Welt geschieht, oder sie von dort zu entfernen, wo sie gerade sind. Die geltenden Datenschutzregeln verpflichten Organisationen, die personenbezogene Daten sammeln und verarbeiten, diese zu entfernen, sobald sie nicht mehr für den Zweck, für den sie gesammelt wurden, gebraucht werden. Und jeder Einzelne hat das Recht zu verlangen, dass seine Daten in solchen Fällen gelöscht werden.

Standard: Das ist wenig in Zeiten von Google, Facebook und Twitter.

Kroes: Dort, wo jemand Informationen über ihn öffentlich gemacht hat, ist es schwierig, alle Kopien und Spuren wieder zu löschen. Deshalb ist es ja so wichtig, dass man vorsichtig ist, wenn man Informationen über sich selber preisgibt. Junge Leute und Kinder sind dabei einem besonderen Risiko ausgesetzt, und sie haben manchmal ein begrenztes Verständnis von den Folgen einer Veröffentlichung. Um sie besser zu schützen, hat die Kommission eine Vereinbarung von Sozialen Netzwerkdiensten vermittelt, um den Schutz von Minderjährigen sicherzustellen, zum Beispiel indem Profile von Kindern per Voreinstellung privat bleiben.

Standard: Ein großes Problem sind für viele die Kosten, die Daten-Roaming verursacht, in Europa und außerhalb. Was tut die Kommission gegen Exzesse, die da stattfinden, wenn zum Beispiel mit Rechnungen über hunderte und tausende Euro abgecasht wird, wenn jemand im Urlaub arglos im Netz surft. Der Chefredakteur von Bild hat eine Rechnung von 42.000 Euro aus Marokko öffentlich gemacht.

Kroes: E-Mails abrufen oder Videos via Smartphone anschauen im Ausland wird bei den Europäern mehr und mehr populär. Um Bürger vor solchen Rechnungsschocks zu schützen, hat die Kommission im März beim Daten-Roaming ein Abschalt-Limit eingeführt, das ursprünglich nur angeboten wurde, wenn der Kunde es wünschte. Seit 1. Juli wird für alle Kunden per Voreinstellung ein Limit von 50 Euro wirksam, es sei denn, jemand hat vorher ein anderes Limit ausgewählt, höher oder niedriger. Die Roaming-Regeln verlangen von den Mobilbetreibern die Roamingverbindung zu unterbrechen, sobald der monatliche Verbrauch dieses Limit überschreitet, es sei denn, die Abonnenten geben an, dass sie beim Roaming darüber hinaus gehen wollen. Die Betreiber müssen eine Warnung schicken, wenn 80 Prozent des Limits erreicht ist. Diese Roaming-Regeln gelten aber nur in den 27 Mitgliedsländern so wie auch in Island, Liechtenstein und Norwegen. Aber die Betreiber haben zugestanden, dass es wichtig ist, transparent zu sein und Schocks zu vermeiden, um zufriedene Kunden zu haben. Die Kommission erwartet von ihnen, dass sie ähnliche Mechanismen anwenden für Kunden, die auch außerhalb der EU reisen.

Standard: Die Einrichtung, die das Internet lenkt, die ICANN, ist in den USA basiert, mit anhaltendem Einfluss der US-Regierung. Was tut die Kommission, um die europäischen Interessen zu verteidigen?

Kroes: Es ist wahr, dass das US-Wirtschaftsministerium im ICANN eine spezifische Rolle spielt. Aber diese Einrichtung regiert nicht das Internet, wenngleich sie die Verantwortung hat bei wichtigen koordinierenden Funktionen, wie der Vergabe von Domain-Namen. Sie vergibt die vertrauten Webadressen, die wir überall sehen und jeden Tag verwenden. Das wichtigste Prinzip, das die Kommission in Fragen der Internet-Führung vertritt, ist zu akzeptieren, dass das Internet eine weltweite Ressource darstellt, die im Interesse aller Staaten betrieben wird. In der Tat sind die Themen, mit denen sich ICANN beschäftigt, manchmal in der nicht englischsprachigen Welt wichtiger. Ein gutes Beispiel ist die neue Möglichkeit, Internet-Domain-Namen auf Griechisch, Cyrillisch, Chinesisch, Arabisch oder Hindi-Schrift zu registrieren, neben vielen anderen Variationen. Die Kommission wird in den ICANN-Prozessen weiterhin ein sehr aktiver Teilnehmer bleiben, um die Interessen der EU zu schützen und zu fördern.

Standard: Wie sehen Sie denn die Lage bei der Versorgung in Österreich, wie steht das Land im Vergleich zu anderen da?

Kroes: Der österreichische Telekommarkt ist besonders im Mobiltelefonbereich dynamisch. Es gibt viele innovative Angebote und wettbewerbsfähige Preise. Ein Ergebnis davon sind 11 Millionen Mobilanschlüsse im Herbst 2009. Das bedeutet eine Durchdringung von 133,5 Prozent, im Vergleich zu 121,9 Prozent im EU-Schnitt. Das gilt aber auch für den Breitbandmarkt. Die Durchdringungsrate beim Breitband liegt zwar mit 22,7 Prozent etwas unter dem EU-Schnitt von 24,8 Prozent, die zahlen sind von Jänner 2010. Aber Österreich ist eines der besten Länder beim mobilen Breitband, mit 15,1 Prozent Marktdurchdringung. Im EU-Schnitt sind es nur 5,2 Prozent. Dazu kommt, dass die Bürger in den Großstädten sich bereits an der nächsten Generation von superschnellen mobilen Breitbanddiensten erfreuen können, und die Kommission begrüßt es sehr, dass die Regierung angekündigt hat, dass dies im ganzen Land verfügbar gemacht werden soll. Aber gute Breitbanddienste können nicht nur mobil angeboten werden. Die Regierung hat bereits die nötigen Gesetze angepasst, um die Entwicklung der „Next Generation Access"-Netze zu fördern. Jetzt muss das umgesetzt werden, damit die User breite Anwendungsmöglichkeiten haben, kabelgestütztes Breitband zu guten Preisen. ( Interview original Englisch, Übersetzung Der Standard/Thomas Mayer, Printausgabe, 7. August 2010)

Zur Person

Neelie Kroes (69), liberale Politikerin aus den Niederlanden, seit Februar 2010 EU-Kommissarin für die Digitale Agenda der Union, zuvor ab 2004 mächtige Wettbewerbskommissarin in Brüssel, verhängte über IT-Unternehmen wie Microsoft oder Intel empfindliche Strafen in dreistelliger Millionenhöhe.

Links:

  • Was im vergangenen Jahrhundert Elektrizität und Verkehrswege bewirkten, übernehmen aus Sicht von Digital-Kommissarin Kroes heute die schnellen Breitbandnetze: Sie revolutionieren unser Leben.
    foto: epa/hoslet

    Was im vergangenen Jahrhundert Elektrizität und Verkehrswege bewirkten, übernehmen aus Sicht von Digital-Kommissarin Kroes heute die schnellen Breitbandnetze: Sie revolutionieren unser Leben.

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