Saudi-Arabien verhandelt noch über Blackberry-Messenger

6. August 2010, 15:17
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Verschlüsselung kaum zu knacken - Regierung will sich in die Datenströme einklinken können

Im Streit um die Datenkontrolle beim Smartphone Blackberry haben Saudi-Arabien und der kanadische Hersteller Research in Motion bis zur letzten Minute verhandelt. Trotz der für Freitag gesetzten Frist lief der umstrittene Dienst für Kurznachrichten auf dem Handy tagsüber weiter. Die kanadische Regierung versuchte in dem Konflikt zu vermitteln.

Zusammenarbeit

"Wir arbeiten eng mit den Vertretern von Research in Motion und mit den Behörden vor Ort zusammen, um bei der Bewältigung dieser Herausforderung zu helfen", sagte Handelsminister Peter Van Loan am Donnerstag in Ottawa. Kanada sei besorgt wegen der weitreichenden Folgen der von Saudi-Arabien geplanten Unterbrechung des Messenger-Dienstes. Der freie Fluss von Kommunikation und Information sei wichtig.

Kreisen zufolge gab es in den Verhandlungen Fortschritte, aber zunächst keinen Durchbruch. RIM sei möglicherweise bereit, ein Rechenzentrum in dem Königreich zu installieren, über das dann ein Teil der verschlüsselten Daten laufen könne, berichtete die Online-Ausgabe der arabischen Tageszeitung "Al-Hajat". In Verhandlungskreisen hieß es, der kanadische Hersteller werde im Laufe des Tages eine Lösung vorlegen. "Es gab Fortschritte", sagte die mit den Gesprächen in Riad vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. Die RIM-Vertreter würden sich nun mit der Firmenzentrale beraten.

Beliebt

Der Dienst ist in dem konservativen islamischen Königreich vor allem bei Jugendlichen beliebt, die auf diesem Weg unverfänglich Kontakt mit dem anderen Geschlecht aufnehmen können. Offiziell machen die Regierung und andere Staaten wie der Vereinigten Arabischen Emirate und Indien ihre Kritik jedoch an Sicherheitsbedenken fest. Demnach nutzen Terroristen die Technik zur Vorbereitung von Anschlägen. Anders als die übrigen Handy-Firmen lässt RIM seine Datenströme nicht über die Server eines lokalen Telefonanbieters laufen, sondern über eigene Server in Kanada und Großbritannien.

Auch der Libanon meldete Anspruch auf einen Zugang zu den Blackberry-Daten an. Die Regierung hoffe darauf, dass der Hersteller ein entsprechendes Programm installiere, erklärte Telekommunikationsminister Charbel Nahhas der Zeitung "As-Safir". Über Einschränkungen für die Blackberry-Dienste sei noch nicht entschieden. Dagegen denkt Medienberichten zufolge Algerien seinerseits über ein Verbot nach. Die Verwendung des Blackberrys werde derzeit überprüft, sagte Telekommunikationsminister Moussa Benhamadi der Zeitung "El Khabar". "Wenn sich herausstellt, dass das Gerät für unsere Wirtschaft und unsere Sicherheit eine Gefahr ist, dann werden wir es stoppen."

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben am Sonntag angekündigt, alle Internet-basierten Dienste des Smartphones ab dem 11. Oktober zu sperren. Damit wäre mit dem Blackberry in dem Golfstaat nur noch telefonieren möglich.

Verschlüsselung kaum zu knacken

Sicherheitsdienste einiger Länder beißen sich an den beliebten Blackberry-Telefonen derzeit die Zähne aus. Von den Geräten verschickte Nachrichten bleiben ihnen verborgen. Dass liegt daran, dass der Hersteller Research in Motion (RIM) einige Sachen komplett anderes macht als die mittlerweile sehr zahlreiche Konkurrenz. Die Telefone verschicken die E-Mails und andere Nachrichten zwar wie ebenso wie beispielsweise das iPhone von Apple über das Internet. Doch verschlüsseln Blackberrys den Schriftverkehr sofort beim Absenden und machen ihn damit für neugierige Nachrichtendienste oder Industriespione unlesbar. Nach Angaben von RIM kommen auch die schnellsten Rechner der Verschlüsselung nicht auf die Spur. Die zu knacken würde einige Milliarden Jahre dauern, so die Firma. Damit gehen die E-Mails ganz einfach im Hintergrundrauschen des Internets unter.

Der Grund für die Besonderheiten liegt in der Entstehungsgeschichte des Blackberry. Ursprünglich wurde das Gerät ausschließlich für den E-Mail-Verkehr entwickelt. Seinerzeit, Anfang des Jahrtausend, war RIM damit Trendsetter und musste alle dafür notwendigen Programme, Standards und Computer selbst entwickeln - und hält an dieser Sonderposition bis heute fest. So laufen Blackberrys beispielsweise nur mit dem gleichnamigen Betriebssystem.

Zentral

Eine zweite Besonderheit ist die zentrale Struktur des Blackberry-Netzes. RIM wickelt den E-Mail-Verkehr weltweit über zwei eigens dafür aus dem Boden gestampfte Rechenzentren ab, eines in Kanada für Nordamerika und das zweite in Großbritannien, in dem die elektronische Post aus dem Rest der Welt ankommt. Behörden anderer Länder haben somit keinen Zugriff auf die Daten. Kritiker bemängeln jedoch, dass eventuell die Sicherheitsbehörden der beiden Länder, in denen die Server stehen, unbemerkt die Korrespondenz aus aller Welt mitlesen könnten. RIM weist das von sich, doch trauen einige Regierungen und internationale Organisationen dem Sicherheitsversprechen offensichtlich nicht und schreiben ihren Angestellten andere Kommunikationsgeräte vor. Es könnte auch daran liegen, dass viele Manager und Politiker lieber ein schickes iPhone in der Tasche tragen wollen. (APA/Reuters/red)

 

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