"Der Begriff Burnout wird inflationär verwendet"

6. August 2010, 18:10
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"Burnout" benennt viele Befindlichkeitsstörungen, es werden schwerwiegende Störungen verniedlicht, aber auch Kränkungen hochstilisiert

STANDARD: Wenn es um Zustandsbeschreibungen der Arbeitswelt geht, liegt der Begriff Burnout derzeit sehr weit vorne ...

Wagner: Der Begriff wird inflationär verwendet. Dass heute so viel Burnout diagnostiziert wird, bildet nicht lediglich einen entsprechenden Anstieg der Prävalenz ab, sondern ist zumindest im selben Ausmaß darauf zurückzuführen, dass diese Etikett salonfähig geworden ist und für verschiedenste Befindlichkeitsstörungen genutzt wird. Manchmal wird mit Burnout eine handfeste psychische Störung verniedlicht, ein anderes Mal wird eine Kränkung oder ein Konflikt im Arbeitsumfeld zu Burnout hochstilisiert.

STANDARD: Für Psychologen und Psychiater ist das aber ein Phänomen, das ihre Fachdisziplin ständig begleitet.

Wagner: Ja, wir teilen unseren Forschungsgegenstand mit dem Laienwissen der Bevölkerung. Kaum wird eine Diagnose breiter bekannt, gewinnt sie an Eigendynamik, wird Teil des gesellschaftlichen Diskurses und somit für unterschiedlichste Interessen genutzt.

STANDARD: Burnout wurde zunächst als "Managerkrankheit" bekannt - ist Burnout ein Überschussphänomen?

Wagner: Ob Burnout eine Art Luxuskrankheit ist, kann ich nicht sagen. Aber es kommt wohl nur in "satten" Gesellschaften vor, wie etwa auch die Anorexie. Es wäre natürlich verlockend zu sagen, dass Burnout genauso wenig auf eine objektive Überforderung im Beruf zurückzuführen ist wie Anorexie auf einen Mangel an Nahrung. Aber so einfach darf man es sich auch nicht machen. Spezifische Faktoren mit schädigendem Potenzial sind da - Beschleunigung, Weiterbildungsanforderung -, aber auch der Anspruch: Du musst nur die richtige Entscheidung im Leben treffen, dann wirst du glücklich.

STANDARD: Jeder ist seines Glückes Schmied, daher selber schuld, wenn er es nicht geschafft hat?

Wagner: Ja, das ist ein Risikofaktor für die seelische Gesundheit. Es wird immer mehr entscheidbar, viele Lebensformen sind möglich. Das ist nicht nur ein Segen, sondern schafft auch einen enormen Optimierungsdruck.

STANDARD: Was interessiert Sie fachlich an der Burnout-Debatte?

Wagner: Burnout ist ein Missverhältnis zwischen Anstrengung und Befriedigung. Wer von seiner Arbeit nur die Existenzsicherung erwartet, wird nicht an Burnout leiden. Genauso wie Partnerschaften heute häufiger scheitern, weil sie mit zu viel Erwartungen überfrachtet werden, werden überzogene berufliche Erwartungen zumeist enttäuscht. Hinzu kommen aber auch noch andere Faktoren, die es zunehmend erschweren, dass Arbeit als befriedigend und sinnstiftend erlebt wird.

STANDARD: Welche sind das auf der organisationalen Ebene?

Wagner: Unternehmen optimieren permanent ihre Strukturen, das heißt, es kann immer weniger Identität und Solidarität entstehen. Permanente Umbesetzungen zerstören "die Seele" des Unternehmens, indem Beziehungen nicht mehr wachsen können und sich Arbeitnehmer als zunehmend austauschbar erleben. Darüber hinaus erlebe ich aus der Arbeit mit Klienten, dass es als besonders verhöhnend und frustrierend erlebt wird, wenn viele Sitzungen zu den Werten, den Leitbildern, stattfinden, sich diese dann aber lediglich als Behübschung, als Kulisse im Arbeitsalltag herausstellen, die Kluft zwischen Taten und Worten, zwischen Sein und Schein sehr groß ist.

STANDARD: Zurück zum "Sammelbegriff" Burnout: Sehen Sie auch Missbrauch?

Wagner: Missbrauch - ich möchte so sagen: Wenn die Arbeitsmoral korrumpiert ist, wird bei gesundheitlicher Beeinträchtigung eher die Beschwerde präsentiert, als alle Kraft auf das Gesundwerden gelenkt. Das hat gelegentlich auch mit Anspruchsdenken der Menschen zu tun. Da bin ich wieder bei der Entsolidarisierung, denn krankgeschrieben werden heißt ja, den Kollegen mehr Arbeit zuzumuten. Aber ja: Die Diagnose Burnout wird auch benutzt, um sich Auszeiten zu verschaffen. Andererseits nützen die Betroffenen den Arzt oft nur zur Krankschreibung, nehmen keinerlei Behandlung in Anspruch, als wäre die Entlastung vom Beruf schon heilsam genug.

STANDARD: Sich Auszeiten zu verschaffen - ist das verwerflich oder eine sinnvolle Reißleine? "Ich kann nicht mehr" zu sagen entspricht ja nicht dem Erfolgscode ...

Wagner: Ob das langfristig nicht vielleicht sogar sinnvoll ist, um Schlimmeres zu verhindern, ist schwer zu sagen, vielleicht ja. Ein längerer Krankenstand wegen Burnout ohne spezifische Behandlung, in der die individuell wirksamen Stressoren gewichtet werden und an sinnvollen Veränderungen gearbeitet wird, ist aber aus fachlicher Sicht nicht vertretbar. (Karin Bauer/DER STANDARD; Printausgabe, 7./8.8.2010)

ELISABETH WAGNER (43) ist Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin mit Praxis in Wien und Baden sowie Lehrtherapeutin für systemische Therapie.

  • Burnout als Missverhältnis von Anstrengung und Befriedigung: Psychiaterin Elisabeth Wagner.
    foto: standard/urban

    Burnout als Missverhältnis von Anstrengung und Befriedigung: Psychiaterin Elisabeth Wagner.

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