ProSiebenSat.1 und RTL bauen gemeinsames Internetportal auf

6. August 2010, 10:57
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Kostenlos Sendungen Tage bis zu sieben Tage nach Ausstrahlung im TV herunterladen - Puls 4 dabei, ORF wartet ab, ATV prüft

ProSiebenSat.1 und RTL bauen gemeinsam eine offene TV-Plattform im Internet auf. Das berichtet die "Financial Times Deutschland" (Freitagausgabe). Auf diesem gemeinsamen Onlineportal sollen Nutzer kostenlos Nachrichtensendungen, Serienfolgen, Filme und Shows abrufen können - bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung im TV. Entsprechende Pläne legen die beiden deutschen Privatsender zur wettbewerbsrechtlichen Prüfung der EU-Kommission vor.

Mit dem gemeinsamen Projekt - das dem US-Portal Hulu ähneln soll - reagieren die beiden führenden deutschen Privatsender auf die zunehmende Verschmelzung von Internet und TV. Immer mehr Nutzer wollten ihre Lieblingssendungen im Netz anschauen, ohne sich an feste Sendezeiten halten zu müssen.

Die neue werbefinanzierte Onlineplattform soll allen interessierten Sendern in Deutschland und Österreich offenstehen, ausdrücklich auch den öffentlich-rechtlichen Anstalten, heißt es in der "FTD".

ProSiebenSat.1 und die RTL-Digitaltochter RTL Interactive gründen dafür eine Gemeinschaftsfirma, die als technischer Dienstleister fungiert. Die Sender sind nur Betreiber. Damit sollen Kartellprobleme umgangen werden. RTL und ProSiebenSat.1 sind größte private TV-Anbieter in Deutschland. Sie sind deshalb unter ständiger Kontrolle der Wettbewerbshüter.

Neues Terrain

Mit dem Aufbau einer senderübergreifenden Zentralmediathek betritt die Branche in Deutschland neues Terrain. Bisher haben Privatsender wie Öffentlich-Rechtliche unabhängig voneinander Onlinevideoportale aufgebaut. Einige Angebote wie RTL now oder das ProSiebenSat.1-Pendant Maxdome setzen dabei vor allem auf Bezahlangebote, andere auf gratis abrufbare TV-Sendungen. Die diversen Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Anstalten bündeln gebührenfinanzierte Programme.

Diesen Wirrwarr soll die geplante Plattform mildern. Es entstehe erstmalig die Möglichkeit, "TV-Inhalte zeitversetzt über eine zentrale und übersichtliche Internetplattform abzurufen", sagte ein Beteiligter. Die Plattform werde den Wettbewerb stärken und solle dazu beitragen, "die teilnehmenden TV-Sender im Wettbewerb mit internationalen Internetangeboten gut aufzustellen".

Die von den US-Medienkonzernen News Corp., NBC Universal und Disney betriebene TV-Plattform Hulu etwa strebt seit langem nach Europa - scheiterte zuletzt allerdings mit dem Versuch, in Großbritannien Fuß zu fassen. Eine Hulu-Kopie solle das deutsche Onlineportal aber nicht werden, heißt es. Anders als das US-Portal, das auch Bezahlinhalte und ein umfangreiches Sendungsarchiv anbietet, konzentrieren sich RTL und Pro Sieben auf ein kostenloses Abrufangebot. Dieses soll Sendungen maximal sieben Tage nach Ausstrahlung anbieten. "Bezahlangebote sind nicht vorgesehen", hieß es im Umfeld des Projekts.

Jeder beteiligte Sender kann auf der Plattform selbst entscheiden, welche Inhalte er freigibt. Auch die Vermarktung der Werbung liegt bei den einzelnen TV-Häusern. Im Gegenzug wird eine voraussichtlich nutzungsabhängige Gebühr für den Plattformbetreiber fällig. Die ersten Reaktionen anderer Sender fielen dem Vernehmen nach positiv aus.


Puls 4 dabei, ORF wartet ab, ATV prüft

Die geplante gemeinsame Internet-TV-Plattform ProSiebenSat.1 und RTL wird sich vom amerikanischen Vorbild in einem Punkt unterscheiden: "Die neue Plattform ist kein Content-Aggregator wie Hulu.com", sagte ProSiebenSat.1-Konzernsprecher Julian Geist am Freitag zur APA. Während Hulu eine On-Demand-Abspielplattform ohne eigene Sender-Kanäle darstellt, sollen auf der geplanten Seite alle teilnehmenden Sender eigene "Channels" bekommen.

"Wir werden mit RTL eine technische Plattform zur Verfügung stellen, auf der sich alle Sender mit eigenem Kanal platzieren können", so Geist. Explizit eingeladen sind auch öffentlich-rechtliche Sender. "Es steht allen offen und es würde uns natürlich sehr freuen, wenn ARD und ZDF mitmachen".

Abgezielt wird auf den gesamten deutschsprachigen Markt, also auch österreichische Sender könnten an Bord sein. "Puls 4", im Eigentum von ProSiebenSat.1 stehend, werde "definitiv dabei sein müssen", sofern die Plattform online gehen darf, so Geist. "Hoffentlich" werde es auch einen ORF-Kanal geben.

Die Eigentümer RTL und ProSiebenSat.1 teilen sich die Ausspielplattform jeweils zur Hälfte, wobei große Gewinne vorerst nicht Ziel der Senderfamilie sind, betonte Geist. Für die Konsumenten wird der Dienst jedenfalls gratis sein. Und: Die Plattform soll kein Angebot für Live-Streamings sein, sondern für On Demand-Inhalte. Sprich: Jeder Sender kann Inhalte zum Download bereitstellen.

Allfälligen Rechteproblemen sieht man bei ProSiebenSat.1 derzeit gelassen entgegen. So könnte man über Geo-Routing Zugriffe auf Inhalte sperren, wenn diese nur national verbreitet werden dürfen, gibt Geist zu bedenken. Auf diese Weise schützt auch das Vorbild "Hulu.com" seine Inhalte vor Zugriffen von außerhalb der USA: Wessen Rechner außerhalb der Landesgrenzen steht, der wird automatisch gesperrt. Möglich wäre zwar eine Umgehung über Proxy-Server, was für den Durchschnittsverbraucher jedoch eine wenig attraktive Variante darstellt.

Denkbar wäre auch, für Österreich und Deutschland unterschiedliche Einstiegsseiten zu gestalten. Zu Vorgesprächen mit öffentlich-rechtlichen Sendern zeigte sich Geist zurückhaltend.

ORF-Kommunikationsschef Pius Strobl zeigte sich auf APA-Anfrage abwartend: "Die Kernfrage ist, was uns das nutzen würde." Er verwies darauf, dass der ORF gemäß EU-Vorgaben ohnehin nicht alles online verbreiten dürfe. "Alles was wir ins Internet stellen dürfen, stellen wir ja ins Netz." Man werde sich das Angebot jedoch sehr genau anschauen, bevor man eine Entscheidung treffe. Klar sei jedoch, dass man keine US-Serien ins Internet stellen werde.

ATV-Geschäftsführer Ludwig Bauer sprach von einer "grundsätzlich sinnvollen Idee, eine möglichst große Bewegtbildplattform zu etablieren, um sich von der Vielzahl an kleinen Plattformen und Verbreitungsmöglichkeiten zu differenzieren". Ob eine Teilnahme von ATV Sinn mache, könne man jedoch erst beurteilen, wenn man die Bedingungen der Betreiber an die einzelnen Sender kenne. (APA)

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