Brisanter Hiroshima-Appell an Tokio und Washington

5. August 2010, 18:34

Erstmals nimmt ein offizieller Vertreter der USA an einer Gedenkfeier zum Atombombenabwurf auf Hiroshima teil

Der Bürgermeister will die Gelegenheit für einen politisch hochbrisanten Vorstoß nutzen.

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Zum 65. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima will Tadatoshi Akiba, seit fast zwölf Jahren Bürgermeister der Stadt, die historisch erste Teilnahme von Vertretern anderer Staaten an der Gedenkfeier zu einem Angriff auf Japans Sicherheitspolitik nutzen. Wie er bereits ankündigte, wird er heute, Freitag, in seiner Rede an Japans Regierung appellieren, aus dem Schutz des nuklearen Schirms des Alliierten USA herauszutreten.

Darüber hinaus wird er die Regierung auffordern, die drei nicht-nuklearen Prinzipien der japanischen Sicherheitspolitik - Atombomben nicht zu produzieren, nicht zu besitzen und nicht ins Land zu lassen - ausdrücklich festzuschreiben. Frühere Regierungen haben den USA trotz dieser Prinzipien mit einem Geheimvertrag die Einfuhr von Atomwaffen an Bord von Kriegsschiffen nach dem Motto "Nicht fragen, nichts sagen" genehmigt.

Akibas Forderungen besitzen angesichts der jüngsten Entwicklungen große sicherheitspolitische Brisanz. Denn sie greifen die Grundfesten der amerikanisch-japanischen Allianz vor erlesenem Publikum aus aller Welt an. Zwar ist Barack Obama den Einladungen nicht gefolgt, als erster US-Präsident an einer offiziellen Gedenkfeier zu den Atombombenabwürfen teilzunehmen. Statt seiner wird allerdings mit John Ross erstmals ein US-Botschafter in Japan einer solchen Zeremonie beiwohnen.

Darüber hinaus sind UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sowie Vertreter anderer Regierungen angereist. Ban traf bereits am Donnerstag bei seinem ersten Besuch in Nagasaki, dem Schauplatz des zweiten Atombombenabwurfs, mit Überlebenden zusammen. Ihnen sagte er, sie könnten auf ihn zählen, wenn es um eine atomwaffenfreie Welt gehe.

Akiba wird seinerseits Ban, US-Botschafter Ross und den anderen Regierungsvertretern vorhalten, dass die Bürger die treibende Kraft auf dem Weg zu einer atomwaffenfreien Welt seien, deren Ideal Obama selbst im April 2009 in Prag als das Endziel seiner Politik bekräftigt hat. Harte Worte kündigte er an die Adresse der japanischen Regierung an: Diese habe gesagt, sie wolle an der Spitze der Bewegung zur Abschaffung von Atomwaffen marschieren. Doch während die Atombombenopfer und die Welt es hofften, scheine die Führung in Tokio es nicht zu tun.

Akibas Worte haben zusätzliches moralisches Gewicht erhalten: Erst am Montag wurde er als einer von mehreren Geehrten mit dem "Nobelpreis Asiens" , dem Ramon Magsaysay Award, ausgezeichnet. Der Preis ist nach dem ehemaligen philippinischen Präsidenten benannt.

Die Worte des Bürgermeisters bringen vor allem Japans erstmals regierende Demokratische Partei in Verlegenheit. Denn vor der Machtübernahme vertrat sie weitgehend pazifistische Positionen. Doch nach dem Regierungsantritt machte die Parteiführung den linken Flügel schnell mundtot und wandelte sich unter Hinweis auf Chinas Aufrüstung und Nordkoreas Drohungen zu einer starken Befürworterin der Allianz mit den Vereinigten Staaten.

Zuerst gaben die Demokraten ihren Plan auf, den US-Luftwaffenstützpunkt Futenma auf Okinawa an einen Standort außerhalb der Insel umzusiedeln. Wegen des gebrochenen Wahlversprechens trat Premier Yukio Hatoyaama Anfang Juni zurück. Nun scheint die Regierung sogar darauf zuzusteuern, die Realität nicht den nicht-nuklearen Prinzipien der japanischen Außenpolitik anzupassen, sondern die Prinzipien der Realität. Ein vom Kabinett berufener Ausschuss wird voraussichtlich der Regierung vorschlagen, den USA den Transport von Atomwaffen in Japans Hoheitsgewässern sowie der eigenen Rüstungsindustrie Waffenexporte zu gestatten.

Pazifistisches Gewissen

Die Bürgermeister von Hiroshima begreifen sich seit dem Atombombenabwurf als der Pflock, der Japans pazifistische Grundausrichtung sichert und ein Abdriften des Landes in neue militärische Abenteuer verhindert. So hat einer von Akibas Vorgängern, Takeshi Araki, 1982 die Vereinigung Bürgermeister für den Frieden gegründet, der Akiba heute vorsteht. (Martin Kölling aus Tokio DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2010)

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Musclehead
 
00
13.8.2010, 14:21
Ressourcen

Nuclear-Free Future Award Preisträger Tadatoshi Akiba Profil von Claus-Peter Lieckfeld:
http://nuclear-free.com/deu/akiba.htm
(jetzt mit Link http://derstandard.at/128098409... Washington )

puzzled
03
11.8.2010, 10:44
Zur Frage der militärischen Notwendigkeit, bzw. der Notwendigkeit an sich der Atombomben empfehle ich diesen - wenn auch etwas älteren - Artikel:

http://www.nzz.ch/2005/08/0... CZ09T.html

short cut
01
11.8.2010, 11:57
@puzzled

Danke fuer den Link.

puzzled
00
17.8.2010, 21:19

Gerne :)

Surge
 
00
16.8.2010, 00:22
wirklich..

..sehr interessant!

Harry Meier
 
30
Ich stelle jetzt einfach mal eine Frage in den Raum.

Wären die Atombomben gefallen, wenn Japan Pearl Harbor nicht überfallen hätte?

Oder kann ich mich aufregen, wenn ich einem 3x3 Meter Kasten eine Watschn gebe und der mir dafür dann alle Knochen bricht?

Mork vom Ork
00
10.8.2010, 09:23
2. Teil

Wenn die USA also mit Flächenbombardements vorgegangen wären denke ich wäre die Psychologische Wirkung lange nicht so gewesen, wie mit diesen 2 Bomben - ein längerer Krieg und noch viel mehr Tote.

Soll keine Verteidigung sein und keinesfalls die Opfer herabspielen, aber ich denke doch, dass man sich aus dem gemütlichen Sessel des zentraleuropäischen 21. Jahrtausends herausbewegen muss, um die Situation im Pazifik beurteilen zu können.

Rene Stangeler
01
10.8.2010, 23:44
Es gab Flächenbombardements

der Amis auf Japan. Einige Monate vor Abwurf wurde Tokio bombardiert, es brannte fast die Hälfte Tokios nieder (Holzhäuser), es gab rund 200.000 Tote. Auch andere Städte wurden bombardiert. War unlängst auf arte in einer Sendung über den damaligen Us-Verteidigungsminister zu sehen.

Mork vom Ork
00
10.8.2010, 09:20

Tatsache ist, dass die Japaner sich auf den Inseln massiv eingegraben hatten und sich genauso fanatisch in einen Totalen Krieg hineinmanövriert haben wie die Deutschen. Das hätte auf Seiten der Alliierten noch einmal zehntausende Tote bedeutet.

Man kann aus meiner Sicht den Amerikanern vielleicht vorwerfen, dass sie nicht zuerst einmal eine Bombe vor Tokio ins Meer geworfen haben - um den Effekt zu zeigen. Ob das etwas gebracht hätte - ich denke nicht.

Die Atombombe war für die Militäts - ich glaube nicht, dass man sich der langfristigen Bedrohung durch Strahlen bewusst war - auch kein anderes Mittel als Flächenbombardements. Schauen sie sich Bilder von Dresden und Co an - so groß ist der Unterschied nicht.

Der Zwersch
00

Eine Demokratie sollte schon irgendwie an den Tag legen können, dass sie besser ist als eine Militärdiktatur.

ardilla
00

Ja, nur möglicherweise in Europa statt in Japan.

Thomas Blattl
00
Warum wollten die unbedingt den Tenno behalten?

Ist schon irgendwie tragikomisch. Die Japaner wurden offensichtlich ge-nuke-t, weil sie ihren Kaiser, oder zumindest das Kaisertum, behalten wollten. Normalerweise werden Kaiser, Könige und ähnliches Gesocks von ihren Völkern verjagt, wenn sie einen Krieg verloren haben (siehe das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, Russland und China). Da bedarf es keiner besonderen Aufforderung durch die Sieger, das machen die Besiegten schon alleine. Na ja, die Japaner ticken eben anders.

Der gelahrte Hund
 
00
10.8.2010, 12:53
So einfach ...

... ist das wahrscheinlich nicht: Im Zuge der 1930er-Jahre (Wirtschaftskrise auch in Japan massiv!) hat eine extrem nationalistische Radikalisierung "von oben her" stattgefunden. So ist aus einer entstehenden zivilen und demokratischen Politik über den Verlauf weniger Jahre eine Militärdiktatur gemacht worden, in der ein Tenno möglicherweise nur sehr eingeschränkt mitmischen konnte. Und schlussendlich war die Kapitulation dann doch ein "kaiserlicher Beschluss", der den himmlischen Chef fast das Leben gekostet hätte, weil ein paar Offiziere ihn deswegen um die Ecke bringen wollten. So viel vielleicht zum Loswerdenwollen ...

Mork vom Ork
00
10.8.2010, 09:24

Gegenfrage:

Warum wollten die Deutschen ihren Führer behalten?

Die Japaner waren noch lange nicht so weit wie die Deutschen 1945... Die Bombe hat das geändert. Ohne Bombe wäre der Krieg noch eine Zeit lang weitergegangen.

OGHaha
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Tenno heisst dt.: "Himmlischer Herrscher", erklärt dass Einiges?

byron sully
02

danke für's ändern der überschrift, das wort "peinlich" war in dem zusammenhang wohl hauptsächlich für diejenigen peinlich, die diese überschrift formuliert hatten...

dr.no3
03
danke für die warum wurden 2 A-bomben abgeworfen grafik

antwort
um auszuprobieren welche bauart mehr menschen tötet

Theorie-Praxis
12

Dabei sollte man auch die weitere US-Forschungsgeschichte und die zahlreichen Nuklearopfer und -nomaden im Pazifik nicht vergessen - siehe Weissgall: Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll …
Das sollte helfen solche Fragen zu beantworten.

Fritz Wunderlich
10

und französische, britische, sowjetische, chinesische, indische, pakistanische
wobei die drei letzteren schon auf die erfahrungen der anderen aufbauen konnten

sfoglio
02
das hatte vorwiegend technische gründe.

vom kanonenrohrprinzip wusste man, dass es 100% funktioniert. aber an u235 heranzukommen war ungleich schwieriger als an pu239. dagegen ist die pu239 bombe viel schwieriger zu konstruieren.

hätte man große mengen von u235 herstellen können wäre die implosionsbombe wohl nie oder erst viel später konstruiert worden.

so setzte man auf beide typen, um notfalls eine funktionierende bombe (kanonenrohr prinzip) und im bestenfall einen zweiten funktionierenden typ von bomben zu haben, für den die materialbeschaffung um einiges leichter wäre.

-> rätsel gelöst.

Paul Achatz
 
114

"Wegen des gebrochenen Wahlversprechens trat Premier Yukio Hatoyaama Anfang Juni zurück."

Die Japaner haben wirklich einen ganz anderen Ehrenkodex als wir.

Fritz Wunderlich
72

ja, ein korruptionskandal jagt den anderen
der ehrenkodex besteht nur aus dem gesichtsverlust, wenn man erwischt wird, deshalb treten sie zurück: gesichtsverlust, nicht wegen gebrochener wahlversprechen, parteispenden, etc.

Fritz Wunderlich
51
es dürfte allen etwas schwerfallen, zu differenzieren:

der persönliche ehrenkodex, wie er ungeschrieben gesellschaftlich verstanden wird, zwingt sie dann zum rücktritt, weil der gesichtsverlust ein öffentlicher ist

es ist kein politischer ehrenkodex

das unterscheidet die politische kultur japans noch von unserer, wobei in der wirtschaft die rücktritte bereits selten geworden sind, bei öffentlich aufgedeckten fehlern
nicht unterscheidet sich die politische kultur bei parteispenden, persönlicher bereicherung, politischen feudalismus, postenbesetzungen, seilschaften etc.
im gegenteil, die treiben es so gewaltig, dass bei auslandskonteneröffnung von japanern die banken verpflichtet sind, sie nach verwandtschaft zu politikern zu befragen!!!!!

Mostbluzza
05
ja wenigstens was,

hams schon mal den ex- jap. finanzminister weinen sehen ... ob wegen rücktritt oder schande egal.

bei uns gibts keinen rücktritt, keine schande und kein weinen. egal was passiert, lachende gesichter, aufstieg oder schweigegeldpostenversorgung. von harakiri reden ma gar nicht. warum sollte man sich bei uns killen, wenn man nach (firmenchef, manager) einem skandal besser versorgt ist, als vorher (politiker).

Fritz Wunderlich
30

ich sehe, sie haben nichts verstanden

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