Ungeschliffene Anklage

5. August 2010, 18:22
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Ein Diamantengeschenk für ein Model ist kein Beweis für die Schuld am Krieg

Naomi Campbells Zeugenaussage vor dem Kriegsverbrechertribunal für Sierra Leone hat der Anklage nicht geholfen. Denn Campbell hat zwar angegeben, einen Beutel (und nicht, wie kolportiert, ein Mayonnaiseglas) mit "schmutzigen Steinen" bekommen zu haben. Sie weiß aber nicht, wer ihr die Steine in jener Nacht des 21. Septembers im Haus von Nelson Mandela in Kapstadt überbringen hat lassen. Sicher ist nur, dass sie am Abend zuvor mit Nelson Mandela und dem damals frisch gewählten Präsidenten von Liberia, Charles Taylor, zusammengesessen war und einige Männer ihr danach den Beutel auf ihr Zimmer gebracht haben. Die Steine habe sie später einem Wohltätigkeitsverein von Mandela gegeben, sagt Campbell.

Der Auftritt des Supermodels, das im Sierra-Leone-Tribunal zur Superzeugin hochstilisiert wurde, hat sich als Medienphänomen ohne viel Substanz entpuppt. Und das ist sogar gut. Denn dass Taylor einem Model einen Diamanten geschenkt hat, kann nicht das juristische Fundament für seine Verurteilung sein. Campbells Auftritt, der dem Tribunal zumindest mehr Aufmerksamkeit verschafft hat, offenbart im Grunde juristische Schwächen. Beim Prozess gegen Taylor, dem vorgeworfen wird, zwischen 1991 und 2002 im Nachbarland Sierra Leone die Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) mit Waffen ausgestattet zu haben und dafür mit sogenannten "Blutdiamanten" bezahlt worden zu sein, tauchten viele Fragezeichen auf. Dass Taylor mit der RUFeine kriminelle Vereinigung gebildet hat, ist aber ebenso schwer zu beweisen, wie der direkte Link zu den Diamanten.

Sicher ist: Im Bürgerkrieg in Sierra Leone kamen zehntausende Menschen ums Leben. Die Milizen hackten 20.000 Zivilisten Hände und Arme ab. Taylor, der im Nachbarland Liberia mit dem Slogan "Er hat meinen Vater getötet, er hat meine Muter getötet, aber ich werde ihn wählen" an die Macht gekommen war, führte seinen eigenen Krieg. In Den Haag - der Prozess wird aus Sicherheitsgründen nicht in Freetown geführt - steht der brutale und zynische Warlord wegen Mord, Vergewaltigung, Verstümmelung und dem Einsatz von Kindersoldaten vor Gericht.

Die Anklage ist allerdings so ungeschliffen wie die Diamanten, um die es geht. Einer der RUF-Führer, Issa Sesay, hatte etwa ausgesagt, dass das Geld für den fraglichen Waffenkauf nicht von Taylor, sondern vom libyschen Staatschef Muammar Gaddafi stamme. Der Versuch der Anklage, Taylor für die Kriegsverbrechen der RUFim Nachbarland über den Weg der Diamanten zur Verantwortung zu ziehen, war wohl der falsche Ansatz. Der Fall Taylor zeigt, wie schwierig es ist, die politische Verantwortung für Kriegsverbrechen zu beweisen. Das war bereits beim verstorbenen Angeklagten Slobodan Milošević zu sehen.

Eine internationale Rechtsprechung, die Verbrechen von Einzelnen so effizient nachgeht, dass die Straflosigkeit, die insbesondere in Afrika Verzweiflung und Brutalität fördert, eingedämmt wird, steht erst am Anfang. Der Prozess gegen Taylor bleibt aber ein Meilenstein, weil er zeigt, dass auch ein ehemaliger Präsident nicht der Strafverfolgung entkommen kann.

Das Tribunal - acht von 13 Angeklagten wurden verurteilt - hat dazu beigetragen, dass nun Förderländer und Diamantenhändler versuchen, den Handel mit "Konfliktdiamanten" zu unterbinden. Campbells Auftritt hat zumindest gezeigt, dass Diamanten nicht immer "a girl's best friend" sind. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2010)

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