Jeder Landschaft ihre Melancholie

5. August 2010, 17:16
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Claudio Magris und Karl Schlögel begaben sich auf europäische Spurensuche

Salzburg - Wer zwischen "Dichter zu Gast" Claudio Magris und Historiker Karl Schlögel einen standpunktorientierten Disput erwartete, wurde enttäuscht. Beim Thema "Das Weltreich der Melancholie" wurde wenig gelesen und gar nicht diskutiert. Zwei Intellektuelle erwiesen sich eher gegenseitige Reverenz. Beiden ist natürlich ein scharfer Blick auf Europa zu eigen; im Landestheater schienen sie aber Mühe zu haben, den berühmten roten Faden zu finden, unternahmen Ausflüge zu Themen wie Zeit und Raum, Landschaft und Sprache.

Natürlich haben Magris und Schlögel viel zu sagen. Magris rezitierte aus Die Revolution und zeigte damit Schlögels große Empathie für osteuropäische Befindlichkeiten. Dann Schlögel: Als "Meister des Blau" habe Magris dem Meer ein Denkmal gesetzt. In seiner Geschichte Aus der Lagune, aus der Schlögel las, finden sich Magris' Urthemen: Reisen, Odyssee, Mythos, Veränderung, Widerstand. "Reisen und Schreiben" , so der Essayist, "sind für mich der Kampf gegen die Vergessenheit."

"Osteuropa hat viel mit Melancholie zu tun" , stieg Magris ein. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs habe man Zugang zu neuen Landschaften gehabt, "mit dem archäologischen Blick des Reisenden" . Und: Nur weil Utopien gefallen seien, dürfe man nicht aufhören, die Welt zu verbessern. Hinter dem Eisernen Vorhang erlaubte ein "entschleunigter Lebensrhythmus, genauer hinzusehen", so Schlögel. Das Tragische dabei: Überall fand sich die Spur einer präzedenzlosen Zerstörung. Magris und Schlögel sind sich einig: Melancholie hat mit Sprachlosigkeit zu tun. Bei Magris hört die Entdeckung der Landschaft nicht bei der topografischen Komponente auf, setzt sich in den Gesichtern, der Sprache und der Mentalität fort. Hier verknüpft sich sein Geist mit Schlögel, dem "Landschaftsleser". (wec, DER STANDARD/Printausgabe, 06.08.2010)

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