Der Krähenkönig im Technogarten

5. August 2010, 17:09
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Elektronische Rockmusik zwischen exaltiertem Geschepper, Ausdrucksgesang und reduziertem Computerpluckern: Blixa Bargeld reibt sich mit Carsten Nicolai

Wien - Der Gegensatz könnte größer nicht sein. Entindividualisierter, emotionsloser Minimal-Techno trifft auf den großen, vom Ego her zehn Meter großen Krähenkönig. Der ruft die Apokalypse und das erlösende Ende mit kehligen Schlachthausgesängen aus der Schule Antonin Artauds herbei: Die Welt geht unter, aber wir bleiben hier.

Der Krähenkönig wurde 1959 in Westberlin als Christian Emmerich geboren. Er gab ab 1980 als mit Amphetaminen genährtes Skelett Blixa Bargeld in schwarzem Tuch den sterbenden Schwan der sogenannten Industrial-Szene. Die dazugehörige Band nennt sich heute noch Einstürzende Neubauten. Sie begibt sich allerdings im gemäßigten Alterswerk nicht mehr ständig in Gefahr, sich auf Bühnen mit zu Klangquellen zweckentfremdetem Baumaterial und dazugehörigen Maschinen erheblich zu verletzen. Obwohl seine Musiker noch immer lieber nachts auf Baustellen statt tagsüber bei Hornbach einkaufen gehen, wie Herr Bargeld betont. Vor einigen Jahren betrieb er übrigens preisgekrönt Werbung für diese Baustoffhandlung. Fragen Sie nach bei Youtube. Es lohnt sich.

Technokünstler Carsten Nicolai wurde 1965 in der ostdeutschen Karl-Marx-Stadt geboren. Er lernte in seiner Jugend statt Weltuntergang lieber erst einmal Gärtner. Später studierte er (Landschafts-) Architektur, anschließend Laptop. Heute zählt er mit Klang- und Videoinstallationen, mit seinem Label Raster-Noton (Archiv für Ton und Nichtton) und unter Pseudonymen wie Alva Noto sowie Kollaborationen mit Ryuichi Sakamoto oder Michael Nyman zu den weit über die Musik hinaus wirkungsmächtigen Figuren der experimentellen, in deren DNA-Bereich forschenden elektronischen Musik.

Mysteriöse Biografie

Dass also ein aufs Wesentliche konzentrierter Künstler wie Carsten Nicolai als Alva Noto und der schon lange den höchstens noch fürs Finanzamt relevanten bürgerlichen Namen verwerfende Blixa Bargeld nun als Projekt "anbb" gemeinsam rocken, erstaunt einigermaßen. Nach einigen Testauftritten im Vorjahr, unter anderem beim Kremser Festival Kontraste, liegt nun mit Ret Marut Handshake ein erster gemeinsamer Tonträger auf Vinyl sowie als Download vor.

Zwischen exaltiertem Geschepper und Ausdrucksgesang und reduziertem Computerpluckern wurde so mit dem Titelstück tatsächlich elektronische Rockmusik generiert. Kristallin klingende, saubere Digitalsounds treffen auf Bargelds ebenfalls mit Laptop verfremdete Vokalakrobatik.

Textlich umkreist man dabei die mysteriöse Biografie des deutschen Autors B. Traven alias Ret Marut, der bis zu seinem Tod 1969 mit auf Deutsch wie Englisch verfassten Romanen, allen voran Das Totenschiff und Der Schatz der Sierra Madre, Kapitalismuskritik mit klassischen Abenteuerromanen verschränkte.

Neben Ret Marut Handshake und Stücken wie Electricity Is Fiction, die den klassischen Baugruben-Sound der Einstürzenden Neubauten ins elektronische Handgepäck des Techno-Jetset überführen, überraschen vor allem zwei Coverversionen. Zum einen One, eine Bearbeitung eines Mainstream-Popsongs von Harry Nilsson aus den 1970er-Jahren. Hier musste dem Antimusiker Carsten Nicolai von Antimusiker Blixa Bargeld erst einmal erklärt werden, was ein Akkord ist. Nicolai programmierte die Einzeltöne der Akkorde mühsam über Sinuskurven nach. Entstanden ist daraus eine ziemlich berührende Technoballade.

Zum anderen gräbt man sich mit dem US-Traditional I Wish I Was A Mole In The Ground tief zurück in die Musikgeschichte. Dort entdeckte man in diesem 1924 erstmals dokumentierten Song nicht nur moderne Aspekte wie den Nihilismus. Auch die Repetition minimalistisch variierter Motive ist demnach keine Innovation des Techno. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 06.08.2010)

  • Kristallin klingende, saubere Digitalsounds treffen auf ebenfalls mit 
Laptop verfremdete Vokalakrobatik: Blixa Bargeld, der Krähenkönig (li.),
 und Carsten Nicolai als Alva Noto.
    foto: florian schulte

    Kristallin klingende, saubere Digitalsounds treffen auf ebenfalls mit Laptop verfremdete Vokalakrobatik: Blixa Bargeld, der Krähenkönig (li.), und Carsten Nicolai als Alva Noto.

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