Untergang einer Kultur im mystischen Kloaschitzwald

5. August 2010, 16:12
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Zahlreiche Funde bei Ausgrabungen an einem burgenländischen Gräberfeld beleuchten das Ende der Awaren

Sigleß/Eisenstadt - Vor rund 1.200 Jahren siedelten noch Awaren im Raum des heutigen Nordburgenlandes, nach dem ersten Drittel des neunten Jahrhunderts verschwindet das asiatische Reitervolk plötzlich aus der Gegend und hinterlässt unter anderem in Sigleß (Bezirk Mattersburg) ein großes Gräberfeld mit rund 50 Hügeln. In einem lokalen Waldstück führt die Archäologin Dorothea Talaa seit 2007 Grabungen durch, ihre Untersuchungen liefern wertvolle Hinweise über das Verschwinden der awarischen Population.

Die Awaren, ein in Zentralasien beheimatetes Steppenvolk, zogen im 6. Jahrhundert gegen Westen und ließen sich dabei auch in Pannonien nieder. Die in Sigleß gefundenen Gräber beinhalten zum Teil bisher außergewöhnliche Funde, wie das Skelett eines groß gewachsenen Schwertträgers und eine Silbermünze christlicher Prägung, die als Grabbeigabe diente.

Mystischer Kloaschitzwald

Als Stelle mit einer fast mystischen Atmosphäre beschreibt die Archäologin Dorothea Talaa das Gebiet des Kloaschitzwaldes, in dem die Grabungen durchgeführt werden. Österreichweit gebe es nur zwei weitere derartige Hügelgräberfelder, in Gars am Kamp und bei Maria Taferl. "Wir haben bis jetzt an die 50 Grabhügel ausmachen können, davon ist auch der Großteil bereits vermessen", schilderte die Wissenschafterin.

27 Hügel wurden auch bereits dokumentiert. Dabei stellte sich heraus, dass die frühmittelalterlichen Gräber zumindest ein urgeschichtliches Gräberfeld aus der Eisenzeit und ein römisches Brandgräberfeld aus dem ersten Jahrhundert nach Christus überlagern. Es gebe aber auch Funde aus der Bronzezeit, der Spätantike und der Steinzeit.

Aus bisherigen Erfahrungen wisse man, dass die über den Gräbern aufgeschütteten Hügel aus archäologischer Sicht "steril" seien. Deshalb könne man sie vorsichtig abtragen, ohne jedoch das Erdreich händisch abgraben zu müssen. Neben Hügeln mit einer Grabstelle fanden sich auch Familiengräber. Außerdem habe man Überreste vieler Babys und Kleinkinder gefunden. Deren Skelette seien teilweise so unterentwickelt, dass man den Eindruck habe, als wären sie verhungert.

Verbotene heidnische Hügel

Die Bestattung unter Hügeln war in karolingischer Zeit von der fränkischen Administration als heidnisch verboten worden. Die Funde in Sigleß machten den Eindruck, "als ob die Leute in einer Art Synkretismus gelebt haben": "Es ist eine Art Mischreligion mit vielen heidnischen Elementen", so Talaa. Das Christianisierte trete dabei sehr in den Hintergrund.

Insgesamt gebe es "eine Multi-Kulti-Situation" - Elemente der Weltreligionen seien mit heidnischen Religionsvorstellungen vermengt. In den Gräbern fanden sich neben sehr großen Menschen eher nordeuropäischen Typs auch viele kleine Leute, die offensichtlich asiatischer Abstammung seien. 

"Jahr der Waffen"

"Highlight" bei den Ausgrabungen in Sigleß in diesem Jahr sei der Fund eines sehr groß gewachsenen Mannes, der mit seinem Schwert bestattet wurde. Heuer sei überhaupt "ein Jahr der Waffen", so Archäologin Dorothea Talaa. Neben dem Schwertträger wurden bisher auch Gräber von zwei Lanzenträgern freigelegt. Die gefundenen Waffen - eine karolingische Flügellanze und eine fränkische Spatha, ein zweischneidiges Schwert - durften einst nur von Aristokraten getragen werden. Außerdem bestand für sie ein Ausfuhrverbot.

Ein Spathaträger im awarischen Gebiet sei deshalb sehr ungewöhnlich, die Waffe sei für damalige Verhältnisse "ungeheuer wertvoll" gewesen. Sie überlege deshalb, ob es sich beim Träger nicht um einen emigrierten Angehörigen der bayerischen Aristokratie gehandelt haben könnte, der sich - aus welchen Gründen auch immer - dem Einfluss Karls des Großen entzogen habe. Dies sei jedoch derzeit nur Theorie.

Von den Funden im Kloaschitzwald gibt es auch eine Verbindung zu Resten einer in Mattersburg freigelegten, zerstörten Siedlung aus derselben Zeit. Die dort ansässigen Bauern hatten die in den Gräbern von Sigleß bestattete Aristokratie im siebenten und achten Jahrhundert ernährt. Vor allem für das Jahr 822 seien klimatische Verschlechterungen belegt, die zum Ende der awarischen Aristokratie und der Kriegerkaste beigetragen haben dürften, so Talaa. Danach höre man eigentlich nichts mehr von den Awaren.

Verhungert und im Kampf umgekommen

Die Forscherin will sich nun des Unterganges der awarischen Population besonders annehmen. Es gebe Indizien, dass die Leute teilweise verhungert und teilweise bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen seien. Darauf deuteten Skelette aus dem asiatischen Raum abstammenden Kriegern mit eingeschlagenem Schädel hin. Ansatzpunkte für die Forschung würden sich dabei im Nordburgenland und im Wiener Becken bieten. Der Kloaschitzwald und die Siedlung von Mattersburg hätten dabei eine Schlüsselposition.

Die heurige Kampagne will Talaa demnächst abschließen. Es sei geplant, das Gräberfeld nach Abschluss der Dokumentation zu erhalten. Das wäre auch überregional einmalig, meint die Archäologin. Ein solches Hügelgräberfeld, hergerichtet als archäologische Stätte, "das gibt es eigentlich nirgends, soweit ich weiß." (red/APA)


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    Zahlreiche gut erhaltene Funde - wie dieser groß gewachsene Schwertträger - zeichnen ein detailliertes Bild von der awarischen Population im nordburgenländischen Sigleß.

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