Schwarzer Kaffee und rote Badehosen

11. August 2010, 06:17
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Welche Web 2.0-Strategien verfolgen die Wiener Parteien vor der Wahl? derStandard.at hat nachgefragt

Im ersten Teil des Web 2.0-Checks durchleuchtete derStandard.at die Aktivitäten der Politiker auf Twitter und Facebook.

Was hinter den Auftritten steckt, welche Web 2.0 -Strategien die im Landtag vertretenen Wiener Parteien verfolgen und ob es Regeln im Umgang mit Social Media gibt beantwortet derStandard.at in der Fortsetzung.


Schwarzer Kaffee

"Soziale Netzwerke verwenden wir, um unsere Botschaften zu verbreiten und die Bekanntheit der Kandidatinnen zu steigern", erklärt eine Verantwortliche der ÖVP Wien. Zur Online-Aktivität gezwungen werden die Kandidaten der Wien-Wahl von ihr nicht: "Wir stellen es den Kandidaten frei, sich in sozialen Netzwerken zu bewegen. Sonst wirkt das alles sehr schnell aufgesetzt und unauthentisch." Besonders stolz zeigt man sich in der ÖVP auf die Reaktionen der Christine Marek-SMS-Kampagne. Dabei bringt sie ihre Forderungen ganz Social Media-konform in Kleinbuchstaben und 140 Zeichen an. "So etwas findet natürlich einen Widerhall, die Leute reagieren darauf."

Regelmäßige Updates in Bewegtbild und Ton über die PR-Aktionen von Christine Marek bekommen Wahlberechtigte (und alle anderen) über ihr Youtube-Konto. Interessierte können die Spitzenkandidatin unter anderem beim Kaffeeplausch mit - zumeist recht betagten - Wienern bewundern und danach die Begeisterung der selben über den Kaffeeplausch hautnah miterleben. Das wollten User immerhin schon 131 Mal - die Spitzenaufrufzahl der Kaffeehausgespräche. Für alle 47 Videos zusammen gab es insgesamt 8.474 Aufrufe.

Regeln für die Interaktion in sozialen Netzwerken gibt es keine. Da vertraut man in der Volkspartei ganz auf den Hausverstand der Agierenden. "Das wäre auch der falsche Gedanke. So funktionieren soziale Netzwerke einfach nicht." Derzeit tüftelt die ÖVP an einer neuen Website, bis zum Start wird noch nichts genaues verraten.

Blogger im klassischem Sinne gibt es in der Wiener ÖVP nicht, ein blogähnliches Konstrukt betreibt allerdings Mustafa Iscel. Der Favoritner Bezirksrat zeigt sich kreativ, wenn es darum geht, seine TV-Auftritte auf seiner Website zu präsentieren: Die - zumeist türkischen - Fernsehbeiträge filmt er mit einer Videokamera ab.


Grüne Individualisten

Die Grünen Wien setzen auf individuelle Gestaltungsansätze. So kann sich jeder auf „ich mach grün" registrieren und seine personalisierte Seite zusammenstellen. Peter Kraus, Online-Campaigner der Wiener Grünen, sagt dazu: "Wir gehen mit unserer Online-Kampagne in die Richtung der Personalisierung und geben den UserInnen die Möglichkeit für sie zugeschnitte Inhalte zusammenzustellen. Die Leute werden aufgerufen, Ideen zu bringen und selbst Aktionen zu machen, um mit kleinen Dingen ein Teil der ganzen Kampagne zu werden." 

Die Kandidaten animieren, bei Facebook und Twitter aktiv zu werden, muss Kraus nicht mehr: "Über 70 Prozent sind auf Facebook, die Hälfte ist auf Twitter. Damit sind wir so weit vor allen anderen Parteien, da müssen wir sie nicht mehr extra unterstützen." Auch bei den Grünen gibt es keine Anweisungen wie die Kommunikation im Web 2.0 erfolgen soll, die seien der Authentizität hinderlich. In Punkto Konkurrenzbeobachtung verlassen sich die Grünen auf das Feedback der Sympathisanten: "Wir bekommen von OnlineaktivistInnen selber immer wieder Hinweise, wo was passiert. Wir verlassen uns einfach auf die GrünsympathisantInnen und schauen, dass die was für uns tun, anstatt KampfposterInnen anzuheuern."

Über Youtube versuchen die Grünen die Dokumentation ihrer Projekte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die breite Öffentlichkeit umfasst in diesem Fall 26.510 Abrufe der 93 Videos.

Aktiv sind die Grünen auch in der Blogosphäre. Gesammelt gibt es alle Einträge von grünen Bloggern (österreichweit) auf der Website. Der bekannteste aktive Wiener Blogger ist Christoph Chorherr, der in seinem neuesten Eintrag versuchte, die Menge des in den Golf von Mexiko gelaufenen Öls graphisch darzustellen.


Rote Vernetzung

Bei der SPÖ Wien darf nicht jeder mitmachen: Mitglied im Redbook - eine Art Facebook für Sozialdemokraten - wird nur, wer entweder von einem bereits registrierten Mitglied eingeladen wird oder sich auf einer Warteliste einträgt. Wer nicht innerhalb einer Woche freigeschalten wird, kann nicht Teil des Redbooks werden."Momentan gibt es österreichweit rund 2000 UserInnen bei Redbook. Das ist angesichts der notwendigen Freischaltung durch ein bestehendes Mitglied bereits jetzt eine sehr gute Zahl", sagt Mathias Tötzl, IT-Verantwortlicher der SPÖ. "Weiters konnte ich feststellen, dass es im letzten Monat überdurchschnittlich viele Neuanmeldungen gab. Das Interesse an den Mitmachangeboten des Team für Wien ist also trotz Urlaubszeit sehr groß, Tendenz steigend."

Ins Gespräch gekommen ist das "Team für Wien" mit ihrem Aufruf zum "Kampfposten" in Online-Foren. "Wien ist einfach eine tolle Stadt - Deswegen wähle ich im Oktober Michael Häupl" - diese Botschaft soll in Foren von Online-Medien verbreitet werden. Screenshot von derStandard.at mit genauer Anleitung inklusive. Übrigens nur eine der Strategien, so könnte man Michael Häupl doch auch in Gesprächen an "stark frequentierten Orten" positiv erwähnen, wie auf der Website vorgeschlagen wird.

„Michael Häupl wird es auf Twitter nie geben"

Für die Kandidaten auf Facebook und Twitter gibt es seitens der Partei keine inhaltlichen Vorgaben. „Die Kandidaten sind als Privatpersonen vertreten. Wir zwingen niemanden, aktiv zu werden", sagt Tötzl. Im Web 2.0 hält er Glaubwürdigkeit für besonders wichtig: "Deswegen wird es nie einen Michi Häupl Twitter-Account geben. Das wäre unauthentisch."

Auch die SPÖ Wien veröffentlicht regelmäßig Image- und PR-Videos über Youtube. Das neueste ist eine Ankündigung der SPÖ Bädertour. Junge, ständig tanzende Männer in Baywatch-roten Badehosen inklusive.

Ob auch die Blogger rote Badehosen tragen, ist der Redaktion nicht bekannt. Bekannt ist, dass auch die SPÖ den Service anbietet, die Einträge der roten Blogger gesammelt über eine Website abzurufen. Sonja Wehsely, Peko Baxant und Siegi Lindenmayr - gerade Wiener Politiker sind hier stark vertreten.


Ungeschnittenes Blau

Die Facebook Seite von HC Strache sichert den Freiheitlichen die Führungsposition, wenn die insgesamte Anzahl von Fans und Freunden gewertet wird. Das geht auch konform mit der Social Media-Strategie der FPÖ Wien, wie Joachim Stampfer, IT-Verantwortlicher der Freiheitlichen, bestätigt: "Wir konzentrieren uns stark auf Facebook, dort ist die Kommunikation mit den über 51.000 Leuten vergleichsweise billig." Twitter spielt im freiheitlichen Universum nur eine untergeordnete Rolle, Youtube wird weitaus mehr Relevanz zugemessen.

"Regeln gibt es für die Web 2.0-Kommunikation nicht. Wir verlassen uns darauf, dass die Kandidaten wissen, was sie schreiben können und was nicht", erklärt man.

"Auf Youtube stellen wir Videos von den Pressekonferenzen und Parlamentsdebatten zur Verfügung. So haben Interessierte die Möglichkeit, HC Strache ungeschnitten zu erleben." Insgesamt wollten das Leute schon 987.706 mal, das ist die Anzahl der Gesamtaufrufe aller 428 Uploads. Der FP-Channel der speziell für die Wien-Wahl angelegt wurde, ist weniger erfolgreich. 329 mal wurden die Videos insgesamt abgerufen.

Die FP-Politiker sind blogging-faul. Keiner der bekannten Kandidaten (die aktuelle Liste wird erst Mitte August veröffentlicht) für die Wien-Wahl im Oktober verfügt über einen regelmäßig betreuten Blog. (Julia Hold, derStandard.at, 11.8.2010)

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