Atombomben-Abwurf brachte US-Präsidenten nicht um den Schlaf

5. August 2010, 15:24
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65. Jahrestag des Abwurfs von "Little Boy" über Hiroshima - Über 300.000 Menschen starben an den Folgen

Wien – Der nukleare Angriff der USA auf die japanische Stadt Hiroshima jährt sich am Freitag zum 65. Mal. Als erster US-Botschafter nimmt dieses Jahr John Ross an der Gedenkveranstaltung in Hiroshima teil, ebenfalls zum ersten Mal wird heuer auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon dort erwartet. Der Generalsekretär soll außerdem mit dem japanischen Premier Naoto Kan zu Gesprächen zusammentreffen.

Im November letzten Jahres ließ US-Präsident Barack Obama mitteilen, die im Zweiten Weltkrieg durch amerikanische Atombomben zerstörten Städte Hiroshima und Nagasaki noch während seiner Amtszeit besuchen zu wollen. Er wäre der erste amtierende Präsident der USA, der die ehemaligen Kriegsschauplätze besichtigt.

Am 6. August 1945 brach der Schütze William Parsons mit dem nach seiner Mutter benannten B-29 Bomber "Enola Gay" und einem Team von Begleitflugzeugen mit der vier Tonnen schweren Atombombe Richtung Japan auf. Nach über sechs Stunden Flugzeit explodiert um 08:15 Ortszeit in 567 Metern Höhe eine Uranbombe, genannt "Little Boy", über Hiroshima. Drei Tage später zerstörte eine weitere Atombombe, diesmal mit Plutonium bestückt, die Hafenstadt Nagasaki. Der Sprengsatz "Fat Man" entsprach der Sprengkraft von 22.000 Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT.

"Bombe bringt mich nicht um den Schlaf"

Sechs Tage nach dem Angriff auf Nagasaki erklärte Japan seine Kapitulation, womit der Zweite Weltkrieg beendet war. US-Militärstrategen und Politiker stellten die nukleare Kriegsführung lange Zeit als einzigen Ausweg aus dem Weltkrieg dar. Noch Jahre später hatte der damalige US-Präsident Harry S. Truman erklärt, die Bombe hätte ihn nicht um seinen Schlaf gebracht.

Hiroshima wurde als Ziel des Vernichtungsschlages ausgewählt, weil es Sitz des militärischen Hauptquartiers der kaiserlichen Armee für Westjapan war. Nach nur drei Jahren Entwicklungsarbeit wurde die Nuklearwaffe am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico getestet.

Die Explosion verursachte eine Druckwelle, die mit einer Anfangsstärke von 35 Tonnen pro Quadratmeter und mit einer Geschwindigkeit von 440 Metern pro Sekunde Gebäude und Menschen niederwalzte. Die Lungen der Menschen hielten dem Druck nicht Stand und kollabierten. Viele wurden meterweit durch die Luft geschleudert oder von herumfliegenden Trümmern und Glassplittern tödlich verletzt. Im Umkreis von 500 Metern um den "Ground Zero" waren fast alle Menschen sofort tot. Die Temperatur erreichte eine Sekunde lang zwischen 3.000 und 4.000 Grad Celsius.

Im Hypozentrum wirkte eine Gammastrahlung von 11.700 rem, eine absolut tödliche Strahlendosis. Erste Symptome der akuten Strahlenkrankheit traten durch Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auf. Die Überlebenden des Bombenabwurfs, genannt "hibakushas", litten an ständigen Kopfschmerzen, Haarausfall und Infektionen. Die Spätfolgen der radioaktiven Verseuchung zeigen sich bis heute in Form von Schilddrüsen-, Lungen-, und Brustkrebs oder Leukämie.

300.000 Tote durch Langzeitschäden

Exakte Angaben können weder über die Zahl der Todesopfer noch über jene der Verletzten und Überlebenden gemacht werden. Schätzungen zufolge sollen 140.000 Menschen bis Ende 1945 an den direkten Folgen der Atombombe gestorben sein. Das japanische Gesundheitsministerium zählt heute über 300.000 Menschen, die an den Langzeitfolgen verstorben sind.

Heute erinnern in Hiroshima nur noch Mauerreste und die ausgebrannte Stahlkuppel einer Ausstellungshalle an die Ereignisse des 6. August 1945. Beim Wiederaufbau der zu 90 Prozent zerstörten Stadt wurden diese Elemente unverändert gelassen und als Atombomben-Dom in den Friedenspark der Stadt integriert. Die jährliche Gedenkfeier ist eine Mahnung an die Welt, die Schrecken einer Atombombenexplosion nie zu wiederholen. (red/APA)

=> Chronologie und Hintergrund

Chronologie: Der Weg zu Hiroshima und Nagasaki

  • 17. Dezember 1938: Otto Hahn und Fritz Strassmann spalten erfolgreich ein Uranatom. Es ist der Beginn des Uranprojekts der Nationalsozialisten.
  • 2. August 1939: Albert Einstein warnt US-Präsident Franklin D. Roosevelt vor einer deutschen Atombombe. Er drängt Washington, die Forschungen zu intensivieren.
  • Juni 1942: Die USA starten ein eigenes geheimes Atomwaffenprogramm, das Manhattan-Projekt unter Führung des Physikers Robert Oppenheimer.
  • 2. Dezember 1942: Enrico Fermi und andere Wissenschafter lösen an der Universität von Chicago die erste kontrollierte Kettenreaktion aus.
  • 16. Juli 1945: Die USA testen in der Wüste von New Mexiko erstmals eine Atombombe.
  • 26. Juli 1945: Die Alliierten fordern Japan in der Erklärung von Potsdam zur sofortigen Kapitulation auf. US-Präsident Harry Truman informiert den Staatschef der Sowjetunion und Generalsekretär der KPdSU, Joseph Stalin, dass die US-Streitkräfte über eine Atombombe verfügen.
  • 6. August 1945: Der B-29-Bomber "Enola Gay" wirft eine Atombombe mit dem Namen "Little Boy" über der japanischen Stadt Hiroshima ab. 140.000 Menschen werden getötet.
  • 9. August 1945: Eine zweite Atombombe mit dem Namen "Fat Man" wird über Nagasaki abgeworfen. 75.000 Menschen kommen ums Leben.
  • 15. August 1945: Der japanische Kaiser Hirohito kapituliert.

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Stichwort "Little Boy" und "Fat Man"

  • "Little Boy"

Größe: 3,20 Meter lang, ca. 0,74 Meter im Durchmesser
Gewicht: 4.400 Kilogramm
Sprengkraft: 12.500 Tonnen TNT
Mechanismus: Ein knapp 2,3 Kilo schweres Geschoß Uran-235 wird durch ein Rohr auf 7,7 Kilo Uran-235 gefeuert. Beim Aufeinandertreffen der beiden Stücke beginnt die atomare Kettenreaktion.
Name: Ursprünglich "Thin Man" (Dünner Mann), nach Verkürzung des Geschoßrohres aber "Little Boy" (Kleiner Bub)
Abwurf: Über Hiroschima vom Bomber "Enola Gay" des Typs B-29. Detonierte 576 Meter über dem Shima-Krankenhaus am 6. August
1945 um 8.16 Uhr.
Tote: 140.000 bis Ende des Jahres 1945

  • "Fat Man"

Größe: 3,25 Meter lang, 1,50 Meter im Durchmesser
Gewicht: 4.536 Kilogramm
Sprengkraft: 22.000 Tonnen TNT
Mechanismus: Zwei Halbkugeln mit Plutonium werden durch konventionellen Sprengstoff zusammengetrieben, es folgt die atomare Kettenreaktion.
Name: Dicker Mann, Anspielung auf auf den britischen Premierminister Winston Churchill
Abwurf: Ursprünglich für Kokura bestimmt, drehte der B-29-Bomber wegen der Luftabwehr dort nach Nagasaki ab. Die Bombe explodierte 500 Meter über der Stadt am 9. August 1945 um 11.02 Uhr.
Tote: 75.000 bis zum Ende des Jahres 1945

(red/APA)

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    Die Bodencrew des B-29 Bombers "Enola Gay" vor dem Abflug Richtung Hiroshima.

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    Die zerstörte Stadt Hiroshima, gesehen von einem Rot-Kreuz-Spital rund eineinhalb Kilometer vom Epizentrum der Nuklearexplosion entfernt.

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    Der Atompilz, den der Abwurf von "Litttle Boy" erzeugte, erreichte eine Höhe von über sechs Kilometer.

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