"Snobismus, andersrum"

5. August 2010, 17:44
6 Postings

Jeremy Hackett ist eine Koryphäe in Sachen Stil. Im Gespräch mit Stephan Hilpold erklärt der Herrenmodemacher, wie er seine Krawatte am liebsten mag, was er an Mods findet und warum er sich nicht als Konservativen sieht.

Standard: In England sind Sie so etwas wie ein Modepapst. Wie streng sind Sie?

Jeremy Hackett: Ich will Menschen nicht vorschreiben, was sie zu tragen haben. Hilfestellungen ja, Vorschriften nein.

Gibt es überhaupt noch Vorschriften?

Hackett: Es gibt ein bestimmtes Regelwerk. Die meisten Engländer akzeptieren es, und sie spielen mit ihm. Sich sklavisch daran zu halten wäre langweilig. Ich mag zum Beispiel keine großen Krawattenknoten. Ich zeige den Menschen, wie ich meine Krawatte binde, und erkläre, warum ich sie genau so schön finde.

Regeln könnten Menschen aber Orientierung geben.

Hackett: Ja, aber dann trifft man jemanden mit einem großen Krawattenknoten, und er steht ihm hervorragend. Auch das gibt es.

Stellen Sie selbst keine Regeln auf?

Hackett: Ich versuche sie zu umgehen. Auf meiner Homepage gibt es die Möglichkeit, mir Fragen zu stellen. Die Frage etwa, ob man Braun in der Stadt tragen darf, kommt ständig. Natürlich darf man! Wahrscheinlich ist es keine gute Idee, wenn man in einer Bank in der City arbeitet, aber prinzipiell, warum nicht? Hauptsache, man sieht darin gut aus!

Brauchen Menschen heute mehr modische Beratung als früher?

Hackett: Wenn ich davon ausgehe, wie viele Fragen mir die Besucher meiner Homepage stellen, dann bin ich überrascht, wie unsicher viele sind. Selbst einfache Prinzipien des Anziehens sind verschüttgegangen.

Warum ist das so?

Hackett: Ich weiß es nicht. Aber dafür sind wir Modemenschen doch da: Leuten Tipps zu geben. Aber wir sollten ihnen nichts vorschreiben.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Regelwerk der Mode?

Hackett: Mein ganzes Leben schon. Als ich noch in der Schule war, arbeitete ich am Samstag bei einem Schneider. Seit damals liebe ich gut gemachte Kleidung.

War Ihre Familie sehr stilbewusst?

Hackett: Nein, überhaupt nicht. Ich wurde als Kind adoptiert. Als ich vor zehn, zwölf Jahren meine leibliche Mutter getroffen habe, wurde mir klar, woher mein Stilbewusstsein kommt.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Hackett: Einfach. Gute Qualität ist wichtig. Jedes Kleidungsstück muss eine klare Funktion haben. Ich kaufe nicht für eine Saison, viele meiner Kleidungsstücke sind über 20 Jahre alt. Je älter, umso größer ist die Freude damit.

Ich habe gelesen, dass Sie ein Faible für Second-Hand-Kleidung haben.

Hackett: So fing alles an. Am Flohmarkt in Paris traf ich auf einen Mann, der mit traditioneller englischer Kleidung handelte. Er fragte mich, ob ich den Einkauf in London besorgen möchte. Für mehrere Jahre durchstreifte ich Märkte und Läden in London, bis ich mich irgendwann fragte, warum ich nicht selbst ein Geschäft eröffne. Das habe ich dann 1983 auch gemacht.

Und Sie waren so erfolgreich, dass Sie die Kleidung dann nachschneidern ließen?

Hackett: Ja, das Geschäft ging vom ersten Moment an wie verrückt. Es war einfach perfekt sortiert. Man muss wissen, dass die Engländer Second-Hand-Klamotten lieben. Snobismus funktioniert da andersrum: Je mehr Geld man hat, umso lieber kleidet man sich in Second-Hand-Kleidunng.

Gilt das auch für richtige Gentleman?

Hackett: Für sie erst recht. Ein wirklicher Gentleman zeigt nicht, wie reich er ist.

Wie reagierten damals Ihre Alterskollegen darauf, dass Sie ältere Herren einkleideten?

Hackett: Ältere Herren? Wie kommen Sie darauf? Herren mit Stil! Heute ziehen sich die Jungen an, wie ich das 1983 gemacht habe. Fahren Sie in London nach Hoxton, dort trägt heute jeder Brogues zu Cardigans und Tweed-Jacketts. Ich fühle mich sehr bestätigt in meinem Stil.

Hoxton ist ein Hotspot der jungen, hippen Szene. Dort trägt man Hackett?

Hackett: Ja, weil es neu für diese Szene ist. Die hat sich noch nie so gekleidet.

Wurden Sie damals, als Sie mit Hackett anfingen, als Konservativer gesehen?

Hackett: Nein, wenn Sie damit langweilig meinen. Wir wurden als sehr stilvoll angesehen.

Kleidung drückt auch immer Werte aus. Welche Werte transportierten Sie mit Ihren Kleidern?

Hackett: Traditionelle Kleidung wird oft als konservativ angesehen. Aber schauen Sie sich mal bei Modemarken um. Abseits vom Glitzer am Laufsteg verkaufen die meisten von ihnen ganz normale Kleidung. Es geht nicht darum, wie ein Kleidungsstück aussieht - sondern wie man es trägt.

Wenn Sie sich umschauen: Finden Sie, dass sich Menschen heute besser anziehen als früher?

Hackett: Na ja. Es gibt viele Leute, die genug Geld haben und sich trotzdem fürchterlich anziehen. Was mir gefällt, ist, wie sich manche Leute heute in London anziehen. Wenn ich in ihrem Alter wäre, würde ich mich genauso anziehen.

Wie meinen Sie das?

Hackett: Mir gefällt, was Rei Kawakubo bei Comme des Garçons macht. Ich würde mich aber nicht sklavisch daran halten, ich würde das runterbrechen und auch nicht unbedingt nur Labels tragen. Ich mag den heutigen Mod-Stil bei jungen Leuten.

Waren Sie selbst ein Mod in Ihrer Jugend?

Hackett: Als ich ein Teenager war, war die Hochzeit der Mods schon vorbei. Ich hatte aber einen Scooter, eine Lambretta. Ich trug damals gerne Cordhosen von Levi's, Schnürschuhe, ein Button-Down-Hemd und dazu einen Shetland-Pulli. Was mir aus dieser Zeit geblieben ist, sind Hosen mit kürzeren Hosenbeinen. Ich mag sie, da die Schuhe dadurch besser zur Geltung kommen.

Das ist derzeit sehr modern. Waren Sie jemals von der Punkbewegung beeinflusst?

Hackett: Schwarz mochte ich nie wirklich. Navy-Blau ist mein Schwarz. Ich trage auch die Socken in dieser Farbe.

 

Zur Person: Jeremy Hackett wurde 1953 in der Grafschaft Wiltshire geboren. Er lernte beim Savile-Row-Schneider John Michael in London. Im ersten Hackett-Store verkaufte er zusammen mit seinem Partner Ashley Lloyd-Jennings zunächst Second-Hand-Kleidung. Nachdem sie sich finanziell übernommen hatten, verkauften sie das Unternehmen. Inzwischen gehört Hackett London der spanischen Familie Abelló - mit Jeremy in leitender Position. Im Independent on Sunday schrieb er für viele Jahre eine Stilkolumne. Hackett lebt mit zwei Hunden in London. (Stephan Hilpold/DER STANDARD/rondo/06/08/2010)

  • Will Tipps geben, keine Vorschriften machen - der britische Stilguru 
Jeremy Hackett und einige seiner Entwürfe.
    fotos: jeremy hackett

    Will Tipps geben, keine Vorschriften machen - der britische Stilguru Jeremy Hackett und einige seiner Entwürfe.

  • Artikelbild
    fotos: jeremy hackett
  • Artikelbild
    fotos: jeremy hackett
  • Artikelbild
    foto: jeremy hackett
Share if you care.