Pressestimmen: Bürgerkrieg oder Theokratie?

25. April 2003, 13:21
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Schiitischer Machtanspruch im Irak irritiert die Alliierten

Frankfurt/Berlin/Zürich - Die starken amerikanischen Irritationen über die iranische Einflussnahme auf die irakischen Schiiten und die Warnungen Washingtons an Teheran stehen im Vordergrund von Pressekommentaren am Freitag.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Wie der künftige irakische Staat aussehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Manche wollen einen islamischen, von Schiiten beherrschten Staat. Andere sind bereit, die Macht mit den anderen religiösen und ethnischen Gemeinschaften zu teilen. Einigkeit besteht offenbar über die Forderung, die Iraker sollten ihre Angelegenheiten in ihre eigenen Hände nehmen. (...) Von der Fahrt zu den traditionellen Wallfahrtsstätten konnten die Amerikaner auch die Schiiten aus dem Iran nicht abhalten. Die durchlässige Grenze lässt sich ohnehin kaum kontrollieren. Dass unter die einreisenden Gläubigen sich auch militante Feinde der Amerikaner mischen, ist unter diesen Umständen kaum zu vermeiden."

"Berliner Zeitung":

"Die Schiiten geben ein Beispiel, mit welchen Unwägbarkeiten die USA im Irak noch zu rechnen haben. Nach dem Sturz von Saddam Hussein zeigt sich dieses Volk jetzt eigensinniger und renitenter, wohl auch politisch selbstbewusster, als man in Washington erwartet hatte. (...) Am verstörendsten für die amerikanischen Planer aber muss die plötzlich entfesselte Kraft der Schiiten wirken. Erinnerungen an die islamische Revolution im Iran wurden wach. Für das künftige System im Irak haben die Amerikaner zwar ihre Vorstellungen in groben Zügen formuliert. Sie haben jedoch bisher weder deren konkrete Regeln festgelegt noch den nötigen Rückhalt, sie durchzusetzen. Die Pflicht zur Auflehnung gegen eine jegliche Fremdherrschaft - selbst eine zeitlich begrenzte Dominanz der USA - gehört nicht nur zum Selbstverständnis tiefreligiöser Schiiten. Nahezu alle im Irak wieder aktiven politischen Gruppen sprechen sich gegen eine amerikanisch-britische Verwaltung aus. (...) Die Amerikaner herrschen jetzt über ein Land, in dem alles Mögliche entstehen kann: Ein Bürgerkrieg wie im Libanon. Eine Theokratie wie im Iran. Ein Befreiungskampf wie in Algerien. Oder eine Demokratie, wie es sie in der Region noch nicht gab."

"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ):

"Gemäßigte Schiitenführer machen geltend, die Massenveranstaltung in Kerbala zeige deutlich, dass die Iraker sich selbst verwalten könnten und keine fremde Präsenz dazu brauchten. (...) Die Dissonanz islamistischer Gruppierungen, zu der weiter im Norden das Erwachen sunnitischer Radikaler und der Muslimbrüder beiträgt, widerspiegelt die Vielzahl von bisher unterdrückten geistlichen Zentren und Persönlichkeiten, zuvorderst die versteckte Rivalität zwischen Najaf und Kerbala und dem iranischen Qom. Die vier höchsten geistlichen Führer der Schiiten haben sich bisher, der Tradition der Zurückhaltung getreu, kaum politisch geäußert. Wer schließlich den Ton angibt, muss sich im Lauf der nächsten Monate erst weisen."

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Der Ton zwischen den Vereinigten Staaten und Iran hat sich verschärft. Die USA warnten die Islamische Republik vor einer Einmischung in die Angelegenheiten des Nachbarlandes Irak. Teheran wies die Warnung entschieden zurück. Es sei absurd, dass die USA sein Land beschuldigten, sich in die inneren Angelegenheiten eines Staates einzumischen, in den sie selbst gerade einmarschiert seien, sagte Außenminister Kamal Kharrazi. (...) Die Schiiten stellen die Bevölkerungsmehrheit im Irak dar. Die Anhänger der schiitischen Religionsgelehrten haben inoffiziell bereits vereinzelt staatliche Funktionen übernommen. Die 'Washington Post' zitierte amerikanische Beamte mit der Aussage, dass die US-Regierung den Organisationsstand der Schiiten unterschätzt habe und nicht darauf vorbereitet sei, den Aufstieg einer islamischen, anti-amerikanischen Regierung in Bagdad zu verhindern." (APA/dpa)

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