Nordkorea gesteht laut US-Angaben Besitz von Atomwaffen

25. April 2003, 18:48
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Geheimdienstpanne oder "Bluff" Pjöngjangs? - CIA kann Angaben nicht bestätigen - Gespräche USA-Nordkorea in Peking beendet

Washington/Seoul/Peking - Nordkorea hat nach amerikanischen Angaben den Besitz von Atomwaffen zugegeben und für sich das Recht beansprucht, diese zu testen, zu exportieren und einzusetzen. Ob dies geschehe, hänge vom Verhalten der USA ab, verlautete aus Washingtoner Regierungskreisen unter Berufung auf Berichte von Unterstaatssekretär James Kelly vom US-Außenministerium, der am Donnerstag in Peking mit einer nordkoreanischen Delegation zusammengetroffen war.

Dreiergespräch beendet

Die USA, Nordkorea und China hatten in Peking über das nordkoreanische Atomprogramm Dreier-Gespräche geführt, die am Freitag beendet wurden. Trotz unverändert gegensätzlicher Positionen sprach der chinesische Außenminister Li Zhaoxing von einem "guten Anfang", wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.

Nach dem angeblichen Atomwaffen-Geständnis Nordkoreas hat US-Präsident George W. Bush Pjöngjang Erpressung vorgeworfen. "Sie treiben wieder ihr altes Erpresser-Spiel", sagte Bush am Donnerstag (Ortszeit) im US-Fernsehsender NBC. Bush betonte, er kämpfe gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Dabei wisse er inzwischen auch China an seiner Seite. Er sei jetzt gespannt, wie China darauf reagiere, von Pjöngjang "zurückgewiesen" worden zu sein.

Bluff

Südkoreanische Experten sprachen von einem Bluff Pjöngjangs: "Da ist ein Element des Bluffens in den Äußerungen Nordkoreas", sagte Park June Young von der Seouler Ewha-Universität. "Wenn Nordkorea verhandelt, geht es bis an die Grenzen und testet die Gegenseite, bevor es eine dramatische Kehrtwende macht." Ko Yoo Hwan von der Seouler Dongkuk-Universität sagte, wenn Nordkorea einräume, Atomwaffen zu besitzen, spiele es seine letzte Karte aus. US-Außenminister Colin Powell sagte, alle Versuche Nordkoreas, die USA einzuschüchtern, würden scheitern.

Kelly hat den Washingtoner Angaben zufolge berichtet, dass der nordkoreanische Delegationsleiter Ri Gun nach den eigentlichen Gesprächen bei einem privaten Treffen über das Atomprogramm Pjöngjangs erklärt habe, Nordkorea habe Atomwaffen. Kelly und der chinesische Außenamtssprecher Liu Jianchao wollten sich in Peking dazu nicht äußern. Weiter hieß es, bei den offiziellen Gesprächen zuvor habe Ri gesagt, alle 8.000 verbrauchten nuklearen Brennstäbe Nordkoreas seien wieder aufgearbeitet worden. Sollte das stimmen, könnte das kommunistische Land sechs bis acht Atomwaffen zusätzlich zu den beiden Nuklearwaffen bauen, die es nach US-Einschätzung bereits hat.

"Unmöglich"

Ein Atom-Fachmann in Seoul, Kang Jungmin, sagte, Nordkorea könne unmöglich 8.000 Brennstäbe aufgearbeitet haben. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass die Wiederaufbereitungsanlage in Betrieb genommen worden sei. Nach dem Anlaufen der Anlage würde es vier bis fünf Monate dauern, die Brennstäbe wieder aufzubereiten. Bei diesem Prozess werde das chemische Element Krypton 85 freigesetzt, das von US-Satelliten und Aufklärungsflugzeugen mit Infrarotkameras nachgewiesen werden könne.

Auch der Gewährsmann in Washington sagte, nach Informationen des US-Geheimdienstes CIA habe die Wiederaufarbeitung noch nicht begonnen. Die Diskrepanz zwischen den Angaben Ris und des CIA bedeute, dass der nordkoreanische Delegationsleiter entweder die Unwahrheit gesagt habe oder die Vereinigten Staaten eine große Geheimdienstpanne erlitten hätten.

Nordkorea will "neuen mutigen Vorschlag" gemacht haben

Nordkorea hat nach eigenen Angaben bei den Gesprächen mit den USA in Peking einen "neuen mutigen" Vorschlag zur Lösung des Konfliktes um sein Atomprogramm vorgelegt. Dieser Vorschlag sei gemacht worden, um die "bilateralen Besorgnisse der Volksrepublik und der USA sowie der von der Nuklearfrage betroffenen Parteien" zu beseitigen, zitierte die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA am Freitag einen Sprecher des Außenministeriums in Pjöngjang. Einzelheiten zu dem angeblichen Angebot wurden nicht genannt.

Der Sprecher warf zugleich den US-Unterhändlern vor, nur auf alten Forderungen bestanden zu haben. "Die USA jedoch wiederholten die Behauptung, dass die Volksrepublik ihr Atomprogramm vor einem Dialog abbauen sollte, ohne bei den Gesprächen irgend einen neuen Vorschlag zu machen." Die US-Seite habe hartnäckig eine Diskussion über die wesentlichen Probleme vermieden, hieß es weiter.

In einem Kommentar zu den Gesprächen hatte Nordkorea die USA am Donnerstag über seine Medien erneut zu "einen mutigen Wechsel in ihrer feindlichen Politik" gegenüber dem kommunistischen Land aufgefordert. Eine Beendigung der feindlichen Beziehungen sei die wichtigste Voraussetzung für die Lösung des Atomstreites.(APA/AP/dpa)

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