"Erlebnisgarantie" für Wiener in Schanghai

24. April 2003, 19:25
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Ilse Aichinger geht zum 70. Mal auf eine unglaubwürdige Reise

Für Schanghai wird im Reiseführer "Erlebnisgarantie" geboten, für heute, morgen und übermorgen. Weshalb nicht für gestern? Für geübte Reisende, die sich nicht unbedingt von der Neugier anstecken lassen, bleiben noch ganz andere Ziele. Wie die "Straße der Literaten" - im Außenbezirk Duolan Luv. Kein Anlass, die Erlebnisgarantie für Schanghai und Umgebung nicht ernst zu nehmen, sie reicht ziemlich weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Schanghai ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Einwanderungsland. Aber der einzige unserer Freunde, dem im letzten Augenblick die Flucht dorthin gelang, hat sicher kaum versucht, den eigenwilligen Schanghaier Dialekt zu erlernen. Ob es ihm gelang, sich vom unbändigen Drang, eine Zugehörigkeit zu demonstrieren, die ihm nicht zustand, sich von fremdem Selbstbewusstsein anstecken zu lassen?

Er war unser erster Zahnarzt, Dr. David Weisselberg aus der Burggasse, und einer der besten, aber weil man ohnehin nur erfahren kann, was man schon weiß, hat er es sicher bis zuletzt nicht erfahren, so wenig wie das schnelle Glück, das er nie hatte und von dem er keinen Augenblick lang glaubte, dass es ihm zustand. Familie hatte er keine, er war schon in Wien allein und hatte keine Chance, mitzufeiern, was man damals hier feierte, Ostern und Weihnachten, Pfingsten. Nicht einmal das jüdische Neujahrsfest, das ohnehin nur diejenigen hier feierten, die ihre Gräber nicht einmal von Anna Diner schmücken ließ, die sich dafür anbot. Keine Zugehörigkeit, aber auch keine Anbiederung, nicht einmal an die Kieselsteine auf den Gräbern.

Sicher feierte der Dr. Weisselberg in Schanghai auch kein Frühlingsfest mit, keine Klubfeier, nicht die Gründungstage der KP, kein Mondfest. Auch nicht das chinesische Allerseelenfest in den Apriltagen, an dem man angeblich mit Räucherstäbchen das glückliche Wiedersehen mit den Ahnen feiert.

Ich denke oft an ihn und die ersten Zahnarztbesuche und versuche bis heute herauszufinden, wie weit er sich in der Burggasse oder in Schanghai an seinem Schicksal beteiligte, ob ein verborgener Glücksgott ihm half, zuletzt in einer angemessenen Nähe zu Buddha zu landen. Nur nicht das Katholische, das Antisemitische aus Wien. Sicher wurde er so wenig ein echter Schanghaier wie zuvor ein echter Wiener. (DER STANDARD, Printausgabe 25.04.2003)

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