Die weite Kinowelt in Gföhl

24. April 2003, 19:09
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Wie im Waldviertel eine Pensionistin mit ihren "Lichtspielen" Tradition aufrechterhält

Auch mitten im wilden Waldviertel kann das Kino gleich nebenan sein. In Gföhl etwa, wo die Pensionistin Angela Karch in den dortigen "Lichtspielen" die Zelluloidtradition aufrechterhält.

Gföhl – Kino ist eine Leidenschaft. Vor allem für Angela Karch, Pensionistin und Betreiberin der seit 1923 existierenden "Lichtspiele Gföhl" im Waldviertel. Ihr Etablissement bietet Kino in Urversion: Die Spieltermine für die kommende Woche, die neben Filmplakaten in einem kleinen Schaukasten neben der hölzernen Eingangstüre hängen, sind handgeschrieben.

An diesem sonnigen Apriltag sind ein paar Kinder und zwei Erwachsene in die Vorstellung gekommen: Auch Julian, ein treuer Stammkunde, hat sich wieder eingefunden. Frau Karch begrüßt die Besucher persönlich, in dem kleinen Warteraum, der fast zur Hälfte von der Kassa eingenommen wird.

Kinderwünsche

Dann schließt sie die alte Kassa aus Holz auf, die sie einst vom Wiener Urania-Kino erstanden hat. Durch das kleine Fenster gibt die einzige Angestellte ihres eigenen Kinos die Karten aus – eine kostet fünf Euro – und verkauft gleichzeitig Süßigkeiten: Maltesers, Sportgummi und "Bitte die erste Reihe": Die Kinderwünsche sind seit Jahrzehnten gleich geblieben.

Im Kinosaal dann sorgen der Geruch des Holzbodens, die alten Kinosessel, zwei ausgediente Projektoren und ein Ölofen für ein beinahe feierliches Ambiente: Frau Karch jedoch schließt die Tür und eilt über die engen Stufen in den oben gelegenen Vorführraum. Der Film von heute, vier schwere Rollen "Dschungelbuch Teil zwei" von einem Wiener Verleih hat sie schon vorher nach oben geschleppt.

Gespielt wird mit zwei Projektoren, jeweils abwechselnd müssen die einzelnen Filmrollen von Hand umgespult und eingelegt werden. Die Kinobetreiberin ist froh, dass kein brennbares Zelluloid mehr zum Einsatz kommt und die brandsicheren Eisentüren nur mehr eine Erinnerung an die alten Zeiten sind.

Auch die neuen Projektoren haben die Brandgefahr verringert: Bis 1989 wurden Abspielgeräte mit Kohlebogenlampen verwendet, die viel Hitze erzeugten. Die mächtigen Abluftrohre ragen noch in die Höhe – aber inzwischen wurde modernisiert.

Bei der Arbeit mit den schweren Filmrollen muss Frau Karch ständig ein Auge auf den schier endlosen Filmstreifen haben. Auch wenn er zum Glück nicht so leicht reißt wie früher. Aber das Lachen der Kinder entschädigt die Pensionistin für all ihre Mühe. Außerdem: "Mir ist nie langweilig", verkündet die rüstige Dame mit einem Lächeln.

Probleme hat sie vor allem mit Raubkopierern im verdunkelten Saal. "Die jungen Leute heutzutage besitzen alle Kameras, sie setzen sich rein und filmen mit." Überhaupt sei das Kino ein Fulltimejob, müsse sie doch oft auch die Kinder zur Ordnung rufen.

Wilde 60er-Jahre

Einen Höhepunkt erlebte das Kino in den Sechzigern – während der Pornowelle, die damals sogar das Gföhler Kino erreichte. Doch: "Im Kino geht’s immer auf und ab", meint Frau Karch philosophisch.

Leben kann sie von ihren Lichtspielen nicht und auch die längerfristige Existenz des Betriebes ist nicht gesichert. Doch die kleinen Kinos haben sich in der Wirtschaftskammer organisiert. Die Liebe zum Kino, meint Frau Karch, mache vieles wett. Auch die Besucher, 90 Prozent Stammkundschaft, wüssten die nostalgische Alternative zum Fernsehen zu schätzen.

Nach einer Stunde hat Frau Karch Rolle um Rolle abgespult. "Zum Glück nur vier Akte", meint sie erschöpft, "'Herr der Ringe' war dagegen ein Albtraum." Aber sie ist für heute zufrieden und verabschiedet die Zuseher: "Jetzt geh ich Geld verdienen – beim Kartenspielen mit meinen Freundinnen.“ (DER STANDARD, Printausgabe, 25.4.2003)

Von Axel Linsberger

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diekinos.at

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