"Wir gehen geladen auf die Straße"

24. April 2003, 17:04
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Open-Air-Betriebsversammlung in der Wiener Innenstadt gegen die Pensionspläne

Wien - "Meine Verehrung, Herr Kollege", "servas Christa" - Bank-Austria-Mann grüßt Erste-Bank-Frau, Verbund trifft Dorotheum, Erzdiözese stellt sich neben Bawag. Die Mitarbeiter von zehn verschiedenen Betrieben haben Donnerstagvormittag quasi gemeinsam Dienst - und das im Freien: Sie drängen sich auf der Wiener Freyung, zur Betriebsversammlung.

Auflauf von Anzügen

Ein Auflauf von 2000 Anzügen und Kostümen, der nicht ohne Pannen startet: Eigentlich hätte der Protest gegen die Pensionspläne 100 Meter weiter, Am Hof, stattfinden sollen, für dort war er auch genehmigt - blöderweise hat die Polizei aber auf dem Platz gleichzeitig das Stadtfest der ÖVP genehmigt. Also weichen Bank Austria und Co rasch auf die Freyung aus. Nicht nur sie: Donnerstags-Demo-erprobte Rufer der "Linkspartei" machen Wirbel und lassen die "internationale Solidarität" hochleben.

"So habe ich mir das nicht vorgestellt", wundert sich eine Bankangestellte. So war das auch nicht geplant: Die Klassenkämpfer sind den Gewerkschaftsrednern nur zuvorgekommen - werden aber bald von der ÖGB-Bühne, auf der Betriebsräte der zehn Unternehmen aufmarschieren, übertönt. Manche Betriebsräte reden lustig: "Wir vom Verbund erzeugen nicht nur den besten Strom, sondern gehen auch geladen auf die Straße." Manche reden ernst, berichten Details der Pensionskürzungen. Manche streichen die Besonderheit des Protests heraus: "Bei uns von der Erste Bank ist es nicht so Tradition, dass wir auf die Straße gehen." Manche berichten von Wutanfällen der Kollegen.

Und alle sind quasi nur die Vorgruppe für den Hauptredner: Hans Sallmutter, Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten. Der schimpft über "drohende Altersarmut", wütet gegen "Pensionskürzungen", appelliert an die Regierung, die Pensionspläne zurückzuziehen, warnt "dass kosmetische Korrekturen uns nicht reichen". Schon dafür erntet er Applaus - am lautesten wird er aber für seine Attacke beklatscht, dass "die Politiker auf ihren Solidarbeitrag zuerst überhaupt vergessen haben". Bravo, hallt es da aus der Menge der Anzüge auf die Bühne - und Sallmutter ballt die Faust und donnert weiter: "Wir lassen uns das nicht gefallen. Wir sind bereit für alle Aktionen bis zum Streik. Wir müssen zusammenhalten, wie es unsere Großväter getan haben!"

Trotz der leichten Melodramatik kommt Sallmutter bei Bankangestellten und Co an. "Na sicher würden wir streiken", sagt Frau Martina von der Bank Austria. "Was müssten wir da eigentlich tun?", fragt sie ihre Kollegin. Davon lässt sich Frau Martina nicht aus der Kampfeslust bringen: "Das werden sie uns dann schon sagen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.4.2003)

Von Eva Linsinger
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    Bei einer Open-Air Veranstaltung auf der Wiener Freyung rief Sallmutter seinen Zuhöreren zu: "Wir lassen uns nicht einlullen"

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